Pest wurde ausgesperrt

von Karl Brodschneider

Was man im 16. und 17. Jahrhundert in den steirischen Städten und Märkten unternahm, um die Pest unter Kontrolle zu bringen. Beitrag von Herbert Blatnik.

 

Als zum Jahresbeginn 1605 in einigen Orten des oberen Murtales die Pest ausbrach, befahl der Judenburger Magistrat, absolut niemand in die Stadt zu lassen. Im Februar wollte eine kaiserliche Heeresabteilung in die Stadt einrücken. Der Magistrat verwehrte den Soldaten den Einmarsch in die Stadt. Sie mussten außerhalb des Cordons, wie man die Absperrung nannte, am Murufer lagern.

1634 wusste man längst, dass sich die Pest durch Ansteckung rasend schnell ausbreiten konnte. In den Märkten und Städten wurden Pestkommissariate eingerichtet. Sie hatten umfangreiche Vollmachten und konnten eine Wache aus wehrfähigen Bürgern rekrutieren, die verseuchte Stadtviertel wenn nötig unter Waffengewalt in Quarantäne hielten. Einige Anweisungen für Graz lauteten: Sämtliche Zugänge in die Stadt sind zu schließen, der Handel hatte sofort zu ruhen. In Gaststätten durften sich keine Gäste mehr aufhalten, Speisen waren durch die Fenster zu reichen. Mit Hellebarden ausgerüstete Wachen mussten umherziehende Bettler und Straßenhändler vertreiben. Ausgestorbene Häuser waren durch Räuchern zu desinfizieren, die Pesttoten außerhalb der Stadt in rasch ausgehobene „Pestgruben“ zu werfen. Angefasst durften sie nicht werden. Mit den etwa drei Meter langen Feuerhaken, die jedes Haus haben musste, waren sie aus dem Haus zu ziehen und auf den Pestkarren zu werfen.

Der liebe Augustin

Die Sage erzählt, dass im September des Jahres 1679 in Wien der bekannte Dudelsackpfeifer Markus Augustin, bekannt als „Der liebe Augustin“, einmal in einer Pestgrube schlief. Er war stockbetrunken auf der Straße gelegen und von den Pestknechten, die ihn für tot hielten, in die Pestgrube geworfen worden. Erst am Morgen erwachte er und sah mit Entsetzen, wo er sich befand. Wie durch ein Wunder infizierte er sich nicht und überlebte sein Abenteuer unbeschadet.

In Murau hatte in einem Pestjahr die Stadtwache zwei Landstreicher aufgegriffen, die unbemerkt in einen Obstgarten geschlichen waren. Die beiden mussten daraufhin dem Totengräber bei den Bestattungen helfen. In St. Margarethen an der Raab geschah es im Jahr 1675, dass es nach Erlöschen einer gefährlichen pestartigen Krankheit wieder zu einer ungewöhnlich hohen Sterblichkeit kam. Schuld daran dürften streunende Hunde gewesen sein, welche Pestleichen ausgruben und die Krankheit weiterverbreiteten. Herrenlose Hunde waren daher sofort zu töten.

In Leoben erging an die Stadtwache folgender Befehl: Plünderer, die verlassene Häuser aufsuchten, waren sofort zu hängen. Anscheinend gab es sie in großer Zahl, denn etliche Chroniken berichten, dass sich dieses Gesindel nur für kurze Zeit bis zum „gerechten Tod“ ihres Raubgutes erfreuen konnte. In den Pestjahren von 1644 bis 1647 suchte eine pestartige Krankheit verstärkt die Orte Cilli, Pettau, Radkersburg, St. Marein im Mürztal und Friedberg auf. Vereinzelt auch Wien, wo man beobachtete, dass die Toten, die man auf dem Wienerberg ablegte, weil man sie nicht alle gleich bestatten konnte, von Krähen und Füchsen unberührt blieben, obwohl diese Tiere üblicherweise derartige Leichen anfraßen. Ihr Instinkt dürfte sie davon abgehalten haben.

Viele Tote in Friedberg

Der Mediziner Dr. Mathias Macher nennt in seinem „Abriss einer Geschichte von Hartberg“, Hartberg 1840, Opferzahlen der Pest: In Friedberg, wo sonst monatlich durchschnittlich 6 Personen starben, starben in den zur Pestmonaten von September bis Dezember 1644 zwischen 40 und 50 Personen monatlich. Die Stadt Hartberg wurde streng abgeriegelt, gesperrte Häuser durften nicht betreten werden. Da der Handel völlig zum Erliegen kam, machte sich bald ein katastrophaler Mangel an Lebensmitteln und Salz bemerkbar.

Hostie mit Pestlöffel

Priester waren in besonderer Weise gefordert. Sie hatten weiterhin Gottesdienste abzuhalten, allerdings nur im Freien, am besten an Straßenkreuzungen. Die Hostien durften sie nur mit langstieligen Löffeln, den sogenannten „Pestlöffeln“, reichen. War ein Sterbender zu versehen, hatten sowohl Beichte als auch Segnung das durch das Fenster zu erfolgen.

In den meisten Pfarrorten unternahmen die Priester Bittprozessionen zu Wallfahrtsorten. Das „Marianische Jahrbuch zu Lankowitz“ von 1714 berichtet im Artikel „Die Pest höret auf einmal auf“, dass in Eibiswald im Jahr 1635 die Pest besonders schlimm gewütet und die Häuser „ausgeräumet“ hat. Daraufhin organisierte Pfarrer Balthasar Siego eine Wallfahrt zur Gottesmutter von Lankowitz, an der sich die Bürger „haufenweis“ beteiligten. Das Wunder geschah, von da an verstarb niemand mehr an der Epidemie. In vielen Märkten und Städten förderten die Priester die Bildung von Pestbruderschaften, die unter den Schutz eines der Pestheiligen, zumeist Rochus oder Sebastian, gestellt wurden.

Beitragsfoto von Karl Brodschneider: Die Sebastianikirche in Söding wurde im Jahr 1508 errichtet. Sie ist dem Pestheiligen Sebastian geweiht.

 

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