Urban Farming: Gartl´n mit Aussicht

von Robert Matzer

Urban Farming liegt voll im Trend. Wie diese Produktion von Lebensmitteln in Städten funktioniert, zeigt eindrucksvoll das Joanneum Research in Graz.

Der Science Tower in Graz gilt als Leuchtturmprojekt der modernen Architektur und des energieeffizienten Bauens. Er bietet zahlreichen Firmen und Forschungseinrichtungen Platz für Büros, Besprechungen und Seminare. Ganz oben, im 13. Stock des Gebäudes, herrscht jedoch kein geschäftiges Treiben, sondern eine richtige „Urwaldstimmung“. Mit Blick auf die Dächer der Stadt wuchert hier in saftigem Grün eine Vielzahl von Gemüsepflanzen und Obstgewächsen. Mit diesem Urban Farming Projekt – so wird die Produktion von Lebensmitteln in urbanen Ballungsräumen genannt – soll gezeigt werden, was in Zukunft auf den Dächern der Stadt alles möglich sein kann.

Der Science Tower in der Waager-Biro-Straße in Graz

Der Science Tower in der Waager-Biro-Straße in Graz. Foto: Kai-Uwe Hoffer

Kühlender Effekt

Franz Prettenthaler ist Direktor des Instituts „LIFE – Klima, Energie und Gesellschaft“ von Joanneum Research und Projektverantwortlicher dieses innovativen Gartenbaus. Er gibt einen Überblick: „Dächer in Städten sollen in Zukunft vor allem für drei Dinge verwendet werden: Das Herstellen von Strom, die Produktion von Lebensmitteln und das Erreichen eines kühlenden Effekts durch die Pflanzen, um der steigenden Hitze entgegenzuwirken.“ All das wird im Science Tower bereits heute umgesetzt. Eine spezielle Energieglas-Fassade produziert elektrischen Strom. Im obersten Stockwerk wachsen in 19 Beeten auf 110 Quadratmeter Gemüse- und Obstpflanzen. Um ernsthaft produzieren zu können, mussten dafür etwa 70 Tonnen Substrat auf über 50 Meter Höhe befördert werden.

Ziel ist es folglich, diese Erde niemals austauschen zu müssen. „Das erreichen wir durch eine Vielzahl an Maßnahmen“, so der Projektverantwortliche und zählt auf: Ein ausgeklügeltes System, das sich nach Licht- und Wärmebedarf der Pflanzen richtet, und ein intelligentes Schichtsystem der Beete sorgen für einen optimierten Wasserhaushalt. Die Bestäubung erledigen angesiedelte Hummeln. Eine Bokashi-Kompostanlage sorgt für geschlossene Stoffkreisläufe und den Erhalt der Bodenfruchtbarkeit. Sensoren messen die wichtigsten Parameter für die Pflanzenproduktion und eine LED-Beleuchtung sorgt für die Verlängerung der Vegetationsperiode.

Mit im Boot

Ohne Partner könnte ein solches Projekt nicht realisiert werden. Besonders wichtig dafür ist natürlich die Landwirtschaft. Denn städtische Produktion ist nicht als Konkurrenz zu bestehenden bäuerlichen Strukturen, sondern als Erweiterung derer zu sehen. „Wir arbeiten natürlich mit Landwirten zusammen und mit Grottenhof, St. Martin, Großwilfersdorf und Silberberg haben wir auch vier steirische Fachschulen mit im Boot“, freut sich Prettenthaler. Diese bringen fachspezifisches Knowhow ein und profitieren davon, ein so innovatives Projekt in den Schulalltag einbinden zu können. Auch bei der Bewässerung tut sich noch einiges: Für kommendes Jahr ist eine spezielle Vernebelungsanlage geplant, um den Wasserverbrauch noch weiter reduzieren zu können.

Und wer isst die produzierten Waren eigentlich? „Ein Restaurant direkt gegenüber des Science Towers dient als Abnehmer für Gemüse, Obst, Salate und Kräuter. Zusätzlich haben wir ein Abosystem für unsere Mitarbeiter eingeführt, in dem diese mehrmals pro Woche ein kleines Erntesackerl für zwei Euro befüllen dürfen“, erklärt Prettenthaler.

Das Projektteam von Joanneum Research

Das Projektteam von Joanneum Research: Sabine Marx, Franz Prettenthaler und Sabrina Dreisiebner-Lanz. Foto: Matzer

Vielseitigkeit

Schließlich ist auch der soziale Aspekt des Projekts nicht zu vernachlässigen, denn der 13. Stock dient nicht nur als Produktionsort, sondern auch als Begegnungszone. „Ein für uns wichtiger Partner ist die Caritas. Durch sie können Menschen, die es bisher schwer am Arbeitsmarkt hatten, positive Arbeitserfahrungen sammeln und sich im Bereich Gartenbau weiterbilden.“

Betonbeete mit Pflanzen am Science Tower

In 19 Beeten wachsen auf 110 Quadratmeter Gemüse- und Obstgewächse. Foto: Matzer

Ein besonders vielseitiges Projekt also. Der genaue Kassasturz nach dem ersten Jahr steht noch bevor. Die üppige Vegetation in luftiger Höhe zeigt aber, dass urbane Landwirtschaft keine neuartige Spinnerei ist, sondern gut durchdacht einen wertvollen Beitrag für die Nahrungsmittelversorgung von morgen sein kann.

Über Urban Farming

Urbane Landwirtschaft (engl. urban farming) ist ein Überbegriff für verschiedene Arten der primären Lebensmittelproduktion in Städten, die der Versorgung der unmittelbaren Umgebung dient. Neben verschiedenen Formen des Gartenbaus kann dabei auch die Nutztierhaltung von Geflügel, Kaninchen oder Fischen eine Rolle spielen. Zahlreiche Städte experimentieren mit dieser Produktionsmethode. Die bisher größte „Dachfarm“ mit 14.000 Quadratmetern wird kommendes Jahr in Paris eröffnet. Bei vielen Projekten setzen die Betreiber nicht auf Erde sondern auf Hydrokulturen mit geschlossenem Wasserkreislauf gesetzt.

Beitragsbild: Marx/JR LIFE

 

 

 

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