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Die Traktorflotte und ihr Kapitän

von Karl Brodschneider

Was elf Oldtimer-Traktor-Freunde aus dem Grazerfeld und aus der Südsteiermark auf ihrer langen Reise nach Südtirol alles erlebten.

 

Wenn elf Oldtimer-Traktoren mit ihren rotweißroten und weiß-grünen Fähnchen über den Reschenpass oder das Würzjoch tuckern, ist das schon ein einmaliges Bild. Dahinter steckt aber viel Vorbereitung. Für den Wundschuher Franz Fleischhacker, der diese eineinhalbwöchige Fahrt mit den elf alten Traktoren zusammengestellt hat, war es zwar nicht die erste, aber die bislang längste Tour. „Seit 20 Jahren mache ich schon bei mehrtägigen Gruppenausfahrten mit, aber 1420 Kilometer Gesamtlänge und 13 herausfordernde Gebirgspässe sind schon etwas ganz Besonderes“, sagt Fleischhacker.

Fleischhacker

Franz Fleischhacker aus Wundschuh fährt mit seinem Oldtimer-Traktor schon seit 20 Jahren bei mehrtägigen Gruppenfahrten mit.

„Den ganzen Winter lang habe ich an der Route gebastelt und bin dann alles zusammen mit meiner Frau mit dem Auto abgefahren. Wir haben jeden Quartiergeber aufgesucht und jeden Parkplatz, wo elf Fahrzeuge trotz Urlauberverkehr Platz finden müssen, festgelegt. Wir waren vorher bei jeder in Frage kommenden Tankstelle und sind jede Straße abgefahren“, erzählt Fleischhacker. Sein Steyr 18, Baujahr 1960, hat nur eine Windschutzscheibe, aber kein Dach. „Wenn es regnet, nehme ich einen Schirm und während der Fahrt trage ich immer einen Filzhut oder eine Kappe. Das ist meine Art von Freiheit, wie ich sie verstehe“, fährt der großgewachsene Mann fort und bringt die Faszination solcher Reisen auf den Punkt: „Glücksgefühle und Abenteuerlust gemeinsam mit Gleichgesinnten erleben. Man muss so etwas selbst erleben.“

Sechs Stunden am Traktor

Es lässt sich tatsächlich schwer erklären, warum man täglich fünf bis sechs Stunden auf dem Traktor sitzt und mit durchschnittlich 20 km/h über die Straßen rollt. Fleischhacker – er ist mit seinem Traktor schon dreimal zur Adria und dreimal nach Südtirol gefahren und hat schon alle Bundesländer oft mehrmals besucht – führte auch heuer die Gruppe an. Dahinter folgten die PS-schwachen Fahrzeuge. Der Schlussfahrer war immer derselbe und hatte ein Drehlicht auf dem Dach.

Auf der Straße

Das stundenlange Fahren auf den Straßen verlangte von den Fahrern viel Disziplin und Konzentration.

Auch wenn es meist über wenig befahrene Seitenstraßen ging, gab es einen wichtigen Grundsatz. „Ein Lastwagen wird immer sofort vorgelassen und wir fahren mit Abstand, sodass sich ein überholender Pkw immer leicht einordnen kann“, lässt der Wundschuher wissen. „Bei Weggabelungen warten wir immer zusammen und alle 160 bis 170 Kilometer wird getankt. Außerdem legen wir alle eineinhalb bis zwei Stunden eine Pause ein.“

Technische Gebrechen

Das Um und Auf bei solchen mehrtägigen Fahrten ist das Wetter. „Wenn es fünf Tage regnet, kann man einpacken. Dann ist die Stimmung der Truppe am Boden“, weiß der Traktor-Freund. Dazu kommt, dass man auf unvorhergesehene Ereignisse gefasst sein muss. Meist sind es technische Gebrechen. „Heuer gab ein Drehzahlregler bei einem Traktor seinen Geist auf. Eine Hydraulikpumpe begann zu singen, einer hatte einen Kurzschluss“, zählt Fleischhacker auf. „Aber Weitfahrer sind alles Technik-Freaks. Wir kennen uns bei unseren Fahrzeugen aus und haben alle Probleme beheben können“, plaudert er aus dem Reparaturkästchen und merkt an: „Wir hatten diesmal sicherheitshalber auch eine Abschleppstange mit.“

Parkende Traktoren

Wenn man auf Bauernhöfen ein Quartier hatte, war meist genug Platz für das Parken der Fahrzeuge da.

Von den elf Fahrern, die im Juli mit von der Partie waren, sind schon zehn in Pension. Der Älteste ist 82 Jahre alt. Fleischhacker schneidet einen Punkt an, der ihm Sorgen bereitet: „Bei den Oldtimer-Traktorfreunden sterben die Alten weg und Junge kommen kaum nach. Alle betrachten begeistert alte Autos, Motorräder und Traktoren, aber immer weniger praktizieren dieses Hobby in der Gruppe.“

Empfang beim Bischof

Mit Bischof Glettler

Der Innsbrucker Diözesanbischof Hermann Glettler empfing seine steirischen Landsleute und erteilte ihnen den Reisesegen.

Zu den Höhepunkten der heurigen Ausfahrt zählt Fleischhacker den Empfang beim Innsbrucker Diözesanbischof Hermann Glettler. „Ich war als Imker 13 Jahre lang mit meinen Bienen beim Bauernhof seiner Eltern in Übelbach“, klärt er auf. „Natürlich erhielten wir von ihm auch einen Reisesegen.“ Völlig unerwartet erhielten die elf Steirer – sie kommen von Vereinen beziehungsweise Fahrgemeinschaften aus dem Stiefingtal, aus St. Johann im Saggautal, aus Heimschuh und St. Nikolai im Sausal – eine exklusive Lindner-Werksführung in Kundl. Die Überquerungen vom Stilfser Joch (2757 Meter), vom Umbrailpass (2501 Meter), vom Valparolapass (2168 Meter) und Falzaregopass (2105 Meter) waren von Sonnenschein begleitet. Bei der Erinnerung an die Fahrt entlang der Tannaser Höhenstraße in Südtirol kommt Fleischhacker ins Schwärmen: „Das war so, als würdest du mit dem Traktor einen Hubschrauberflug machen.“

Abschließend lässt er anklingen, dass er für das nächste Jahr schon wieder eine Ausfahrt im Auge hat. „Die Hafenstadt Triest oder das Soca-Tal in Slowenien würden mich sehr reizen“, gesteht der Oldtimer-Traktor-Freund.

 

 

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