Budapest, Bayern, BRICS und ein patschertes Bussi

von NEUES LAND

Der Sommer 2023 ist vorüber, doch einiges aus den letzten Wochen wird uns noch sehr lange beschäftigen. Und es sind keine guten Aussichten. Eine „Zeitdiagnose“ von Hans Putzer.

 

Leichtathletik-Weltmeisterschaften schaffen es hierzulande meist nicht an die Spitze der medialen Berichterstattung. Sie mögen zwar weltweit auf einer Ebene mit Olympischen Spielen, Fußball- und Rugbyweltmeisterschaften, den Tennis-Grand-Slam-Turnieren, der Formel 1, der Tour de France oder der Super-Bowl wahrgenommen und wertgeschätzt werden, doch die medienuntaugliche notorische österreichische Erfolglosigkeit beim „Laufen, Springen und Werfen“ ist auch bei den Wettkämpfen in Budapest prolongiert worden.  

Übrigens, und nur am Rande, gerade dem vielgescholtenen Ungarn mit seinem Ministerpräsidenten Viktor Orbán, dem Gottseibeiuns aller selbsternannten kritischen Geister auf der Seite der Linken, ist hier samt großer Zuschauerbegeisterung in einem modernen neuen Stadion eine Leichtathletik-WM gelungen, für die in Österreich keine vergleichbare Arena zu finden gewesen wäre. Dass es hier keine rot-weiß-roten Stockerl-Plätze gegeben hat, mag daher auch kaum überraschen, doch damit liegt Österreich in der Medaillenbilanz gleichauf mit Deutschland.

Kein einziges Edelmetall

Kein Edelmetall für unsere Lieblingsnachbarn – das gab es in der Geschichte der seit 40 Jahren ausgetragenen Weltmeisterschaften noch nie. Noch liegt man in der „ewigen Medaillenbilanz“ hinter den USA an zweiter Stelle, doch der schwarz-rot-goldene Misserfolg kommt nicht aus heiterem Himmel. War man vor zehn Jahren in Moskau bei den Medaillen noch an fünfter Stelle, ging es seither stetig nach unten: Platz 7 in Peking 2015, Platz 10 in London 2017, Platz 8 in Doha 2019 und Platz 19 mit je einmal Gold und Bronze in Eugene/USA 2022.

Da ist es kein großer Gedankensprung zum Fußball, dem deutschen Identitätsmarker in Sachen Sport schlechthin. Nachdem bereits die Herren bei den letzten beiden Weltmeisterschaften nach der Vorrunde wieder nach Hause musste, haben nun auch die Damen in diesem Sommer das gleiche Schicksal erlebt.

Eine ähnliche Bedeutung wie der Fußball hat auch die Autoindustrie für das deutsche Selbstwertgefühl. Hier wie dort war man bis vor kurzem fest davon überzeugt, die Weltbesten zu sein. Ein Blick auf die Wirtschaftsseiten deutscher Printmedien ist auch hier mehr als desillusionierend: Produktionsrückgänge, China auf der Überholspur, den Anschluss bei der E-Mobilität weitgehend verschlafen.

Manchmal sagt eine Grafik mehr als tausend Wort. So titelt der „Spiegel“ in seiner jüngsten Ausgabe: „ALLE SCHAFFEN WACHSTUM – WIR NICHT“. Es fehlt an Fachkräften, die Infrastruktur – Bahn, Schulen, Digitalisierung – hinkt ebenso nach wie die internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Was ist los in Deutschland?

Die Ampel-Regierung aus Sozialdemokraten, Grünen und Liberalen beschäftigt sich vorrangig mit sich selbst. Die grüne Außenministerin sieht Europa im Krieg mit Russland. Ihr Parteikollege als Wirtschaftsminister schwurbelt öffentlich über produzierende Betriebe, die bloß, weil sie nichts verkaufen, nicht insolvent sind. Da muss man selbst der orthodoxen Marxistin Sahra Wagenknecht Recht geben, wenn sie – trotz AfD – die Grünen als die gefährlichste Partei für Deutschland einschätzt.

Möglicherweise hat Ralf Rangnick, der deutsche Trainer des österreichischen Fußball-Nationalteams, das Problem auf den Punkt gebracht, wenn er die jüngsten Entwicklungen im Kinderfußball – keine Tabellen, keine Torschützenlisten, kein Wettkampfdruck mehr – als leistungsfeindlich kritisierte. Weitergedacht: Eine Gesellschaft, die den immensen Wert von Spitzenleistungen nicht mehr ausreichend anerkennt, wird in der Mittelmäßigkeit enden.

Im Jahr 2010 veröffentlichte der Sozialdemokrat Thilo Sarrazin seinen Bestseller „Deutschland schafft sich ab“. Geburtenrückgang, Zuwanderung und Islamismus seien eine Bedrohung für Wohlstand und Sicherheit, so seine These. Aus heutiger Sicht fehlt dieser Liste allerdings weitgehend die Bedrohung von innen. 2020 wurde bei Jungjournalistinnen und -journalisten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten eine Umfrage nach deren politischer Präferenz durchgeführt. Das Ergebnis – und es wäre in Österreich wohl nicht anders – lässt alle Alarmglocken schrillen. Würden nur diese Jungjournalisten wählen, hätten die Grünen die absolute Mehrheit, die Linke käme auf knapp ein Viertel der Stimmen, die SPD wäre am dritten Platz und die CDU wäre an der 5-Prozent-Hürde gescheitert.

Kein Wunder, wenn die mediale Öffentlichkeit zwischen Berlin und Wien kaum mehr über Leistung, Ökonomie und Bürgerpflichten spricht, in so zentralen Themen wie Corona, Klima oder Krieg nur mehr einen engen Meinungskorridor zulässt, dafür aber sexuelle Präferenzen, vermeintlich ethisch legitime Ernährungsformen und sprachpolizeiliche Vorschriften in Endlosschleifen kommuniziert.

Medienjustiz

Sorgen sollten uns auch jene jüngsten Entwicklungen in Deutschland machen, die zunehmend das Instrument der „Unschuldsvermutung“ – eine der wichtigsten zivilisatorischen Errungenschaften der Moderne – in Frage zu stellen beginnen. Bei Markus Lanz und auch im NDR wurde erst vor kurzem weitgehend unwidersprochen von Medienmenschen das Recht auf öffentliche Urteile auch jenseits rechtlicher Grundlagen eingefordert. Unmittelbarer Anlass war der Fall „Lindemann“. Es mag tausend gute Gründe gibt, ihn, seine Gruppe Rammstein und deren Musik und Texte nicht zu mögen. Wenn aber ein Gericht es ablehnt, die Vorwürfe sexueller Gewalt seitens des Sängers mangels ausreichender Beweise weiter zu verfolgen, sollten sich auch Medien daranhalten, es sei denn, man wolle den mittelalterlichen Pranger wieder einführen.

Ähnlich liegt der Fall „Hubert Aiwanger“ (Frei Wähler), der als Schüler vor Jahrzehnten – wie ist etwas unklar – Teil antisemitischer Agitation gewesen ist. Da wagt es der bayrische Ministerpräsident Markus Söder doch tatsächlich, gegen die mediale Jagdgesellschaft einen Politiker zu halten, dem man mit gutem Recht erschreckend geschmacklose jugendliche Dummheit vorwerfen kann, letztlich aber auch nicht mehr. Ist nicht auch Joschka Fischer trotz jugendlichem Pflastersteine-Werfen auf die Polizei später grüner Außenminister geworden? Dass der renommierte deutsch-jüdische Historiker Michael Wolffsohn im Zusammenhang mit Aiwanger von „Denunziantentum“ spricht, bleibt weitgehend ausgespart. So unerträglich dieses antisemitische Flugblatt auch ist, keine Frage, ihm diese Bedeutung einzuräumen, beleidigt die Millionen realen Opfer der Shoah.

Globale Machtverschiebung

So wundert es auch nicht, wenn die mediale Deutungskumpanei die BRICS-Erweiterung vor allem mit eurozentrischer Überheblichkeit und moralischem Zeigefinger kommentiert: Keine Menschenrechte, (fast) keine Demokratien, innerlich wenig geeint. Man sollte all diese Kommentare gut archivieren und in zehn bis zwanzig Jahren wieder lesen. War nicht auch die EU ursprünglich ein Versuch, die Erbfeinde Frankreich und Deutschland an einen Tisch zu bringen? Gerade China lehrt uns, und wir müssen das zurecht bedauern, dass die europäische Strategie „Demokratie durch Wirtschaftsentwicklung“ eben kein Naturgesetz darstellt. Peking ist längst ein Machtfaktor in Afrika, hat mit der beginnenden Aussöhnung Saudi-Arabiens mit dem Iran den wahrscheinlich größten globalen diplomatischen Erfolg des noch kurzen 21. Jahrhunderts erreicht und ist wirtschaftlich wie auch Indien auf der Überholspur.

Während diese Zeilen geschrieben werden, treffen sich Russlands Putin und der türkische Machthaber Erdogan. Hier und in Bündnissen wie den BRICS-Staaten werden die globalen Zukunftsentscheidungen getroffen. Wenn sich die asiatischen Großmächte mit den wichtigsten Vertretern der islamischen Welt und den beiden südamerikanischen Führungsstaaten Brasilien und Argentinien zusammentun, geht es um die entscheidenden Themen Macht, Wirtschaft und Sicherheitspolitik.

Und Europa diskutiert zugleich über ein – natürlich – unangebrachtes Verhalten eines wahrscheinlich unverbesserlichen spanischen Machos, der als Fußballpräsident einer gerade den Weltmeistertitel geholten Spielerin auf den Mund küsste. Staatsaffäre oder einfach schlechte Manieren? Ob dieses Thema beim nächsten BRICS-Treffen eine Rolle spielen wird, muss wohl offenbleiben.

 

Beitragsfoto: Brodschneider

 

 

 

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