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Im Interview: Jakob Karner

von Karlheinz Lind

Landwirt Jakob Karner, Obmann der Obersteirischen Molkerei, über den Strukturwandel, die Folgen der Pandemie und Zukunftschancen.

NEUES LAND: Wie sieht es derzeit am heimischen Milchmarkt aus?

Jakob Karner: Der Milchmarkt ist derzeit stabil und das auf einem erfreulichen Niveau, denn die Erzeugermilchpreise haben sich glücklicherweise in den letzten zwei Jahren deutlich verbessert. Das war nach dem Katastrophenjahr 2016 auch dringend notwendig, als durch den Fall der Milchkontingentierung europaweit massiv in die Milchproduktion investiert wurde. Natürlich auch in Österreich und in der Steiermark. Obwohl der Anteil der in Österreich produzierten Milch nur zwei Prozent der EU-Menge entspricht, sind auch bei uns die Preise auf knapp 25 Cent netto gefallen. Da hätte kein heimischer Milchbauer überlebt.

 

NL: In vielen Wirtschaftsbereichen sind die Folgen von Corona noch stark spürbar. Wie hat sich die Pandemie auf die Molkereien ausgewirkt?

Karner: Die Pandemie hat sich auf die österreichischen Molkereien ganz unterschiedlich ausgewirkt. Gerade die milchverarbeitenden Unternehmen in Westösterreich haben aufgrund der geschlossenen Gastronomie und Hotellerie sehr darunter gelitten. Die Milchpreise in der gesamten Europäischen Union sind stark gefallen. Teilweise wurden für Landwirte auch Mengenbeschränkungen bei der Milchanlieferung eingeführt. Zu dieser drastischen Maßnahme mussten wir aber nicht greifen. Es war unsere Aufgabe als Genossenschaft, diese Krise auszugleichen. Unsere Milchlieferanten spürten den Preisrückgang gar nicht. weit nicht so stark.

 

NL: In der Obersteirischen Molkerei konnte laut aktuellen Zahlen den Mitgliedern im letzten Wirtschaftsjahr ein überdurchschnittlicher Milchpreis ausbezahlt werden. Wie können Sie diese positive Entwicklung erklären?

Karner: Wir hatten unter anderem deshalb so ein gutes Jahr 2020, da wir de facto keine Gastronomie mit unseren Produkten beliefern. Somit hatten wir keine Einbrüche beim Absatz. Ganz im Gegenteil. Während der beiden Lockdowns im Frühjahr und Herbst 2020 hat sich der Verkauf in den Lebensmitteleinzelhandel verlagert. In dieser Zeit wurden unsere Lager leergeräumt. Weiters waren auch unsere Tochtergesellschaften, wie etwa die Lagerhausmärkte, sehr erfolgreich. Viele nutzten die Zeit, um ihre Häuser in Eigenregie zu renovieren oder die Gartengestaltung selbst in die Hand zu nehmen. Das sahen wir an den Verkaufszahlen. Dies alles hat dazu beigetragen, dass wir ein sehr gutes Ergebnis einfahren konnten.

 

NL: Derzeit investiert die OM in die Erweiterung des Käsereifelagers in Spielberg. Wie viel wird investiert und warum?

Karner: Wir haben knapp 15 Millionen Euro in die Hand genommen, um die Kapazitäten zu erhöhen. Das ist inzwischen bereits die zweite Erweiterung seit dem Bau im Jahr 2013. Es war für uns eine klare Schlussfolgerung, da der Käseabsatz kontinuierlich ansteigt. Auch der Trend beim Käsekonsum hat sich in den letzten Jahren geändert. Es geht eindeutig in Richtung länger gereifte Käse. Auch dies erfordert den Ausbau der Lagerkapazitäten. In der Vergangenheit war der Bergkäse, der drei Monate reift, unsere Hauptsorte. Nun können wir mit unserem Erzherzog-Johann-Käse punkten, welcher sechs Monate Reifezeit benötigt. Dafür wurden wir bereits mit einer Vielzahl an nationalen und internationalen Auszeichnungen belohnt.

 

NL: Aufgrund einer klaren Aussage von Bundesministerin Elisabeth Köstinger rückte der Preisdruck der Handelsketten gegenüber den Verarbeitern und somit auch den Produzenten wieder in den Mittelpunkt. Teilen Sie diese Meinung?

Karner: Im Milchbereich haben wir uns auf Augenhöhe getroffen. Wir sind aufgrund steigender Kosten bei Produktion (höhere Kraftfutterpreise) und Verarbeitung (Verpackung, Energie) mit den Handelsketten in Verhandlungen getreten. Diese sind am Beginn immer sehr schwierig, aber wir konnten ein zufriedenstellendes Ergebnis erreichen. Ich habe das Verhalten der Handelsketten uns gegenüber als nicht unfair empfunden. Es muss eben für beide Seiten passen.

 

NL: Wie haben sich die Strukturen der Milchlieferanten bezüglich Betriebsgröße und Kuhzahl in den letzten Jahren entwickelt? Wohin wird die Reise gehen?

Karner: Wir haben derzeit 1385 Milchlieferanten, im Jahr 2000 waren es noch 2697 Lieferanten. Somit hat sich in 20 Jahren die Zahl der Milchbauern genau halbiert. Der Strukturwandel in der heimischen Milchproduktion hat schon vor dem EU-Beitritt begonnen und wird auch noch weitergehen. Oft ist nicht nur das unbefriedigende Einkommen ein Grund, sondern auch die enorme Arbeitsbelastung auf einem Milchviehbetrieb. Hier wird ja zwei Mal täglich, 365 Tage im Jahr gemolken.

 

NL: Stichwort Arbeitsbelastung. Deshalb setzen steirische Milchbauern auch immer öfter auf automatische Melksysteme. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Karner: Die Technologisierung spielt in der Milchproduktion eine immer größere Rolle. Damit lässt sich die Arbeitsbelastung auch bei steigender Kuhzahl noch irgendwie in den Griff bekommen. Somit wird sich der Trend hin zu Melkrobotern in Zukunft fortsetzen. Auch die Corona-Investitionsprämie hat einen Schub ausgelöst. Eines muss uns klar sein: unsere Milchbauern stehen arbeitstechnisch am Anschlag.

 

NL: Sie bewirtschaften selbst einen Milchviehbetrieb oberhalb von Krieglach. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen in der Zukunft?

Karner: Das ist natürlich ein Blick in die Glaskugel. Auf jedem Fall brauchen wir zwei Dinge, um in Zukunft Milch im Berggebiet produzieren zu können. Die politischen Rahmenbedingungen müssen passen, um mit unseren kleinen Strukturen weiter bestehen zu können. Und wir brauchen faire Preise, da wir mit dem Weltmarkt nicht in Konkurrenz treten können. Wenn dies ermöglicht wird, wird auch mein Sohn auf unserem Hof weiter Milch produzieren. Er ist voller Begeisterung und mit großer Leidenschaft dabei.

 

Zur Person

  • Jakob Karner (57) bewirtschaftet gemeinsam mit Gattin Sigrun und Sohn Jakob einen Milchviehbetrieb in Krieglach.
  • 48 Holsteinkühe werden am Hof gehalten.
  • Der vierfache Vater ist Absolvent der HBLA Raumberg und besuchte im Anschluss die Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik Ober St. Veit in Wien.
  • Seit 2014 ist Karner Obmann der Obersteirischen Molkerei Genossenschaft und Bauernbundobmann-Stellvertreter in Krieglach.

Beitragsfoto: Lind

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