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Im Interview: Michael Axmann

von Karl Brodschneider

Superintendentialkurator Michael Axmann über die junge Geschichte der Evangelischen Kirche Steiermark und die Ökumene.

 

NEUES LAND: Zuallererst möchte ich eine Frage klären, die im Raum steht, weil vielleicht viele mit dem Begriff Superintendentialkurator wenig anzufangen wissen. Was ist das eigentlich, wie würden Sie diese Funktion beschreiben?

Michael Axmann: In der Evangelischen Kirche besteht die Leitung auf allen Ebenen immer aus einem Theologen und einem Ehrenamtlichen. Auf diözesaner Ebene sind das der Superintendent und der Superintendentialkurator. Im Einvernehmen werden die Entscheidungen getroffen.

 

NL: Die steirische evangelische Diözese begeht heuer ihren 75. Geburtstag. Das klingt sehr jung, warum ist das so?

Axmann: Die Wiener Superintendenz wurde 1947 in vier neue Superintendenzen aufgeteilt. Daraus gingen die evangelischen Diözesen Wien, Niederösterreich, Kärnten und Steiermark hervor. Zuvor wurde die Steiermark 100 Jahre lang als Seniorat von Wien aus geleitet.

 

NL: Lässt sich die Zeit seit dieser Gründung im Jahr 1947 in Abschnitte mit besonderen Schwerpunkten oder Ereignissen einteilen?

Axmann: Zunächst mussten die Strukturen neu aufgebaut werden. In der Nachkriegszeit ging es auch um die Grundversorgung. Es folgte eine Zeit des Aufbaus und Wachstums. Zahlreiche Kirchen und Pfarrhäuser wurden errichtet. Heute besteht die Herausforderung angesichts der Krisen wie Klimawandel, Pandemie und Krieg darin, die richtigen Antworten auf die Fragen der Menschen zu finden, um ihnen Halt, Hoffnung und Zuversicht zu geben.

 

NL: Wie hat sich die evangelische Kirche in der Steiermark in den vergangenen 75 Jahren verändert?

Axmann: Bei der Gründung der Superintendenz gab es 22 Gemeinden, heute besteht sie aus 35 Gemeinden. 1947 gab es 52.000 Mitglieder, heute sind es 35.000. Es gibt also kirchliches Leben in mehr Gemeinden für insgesamt weniger Seelen. Auf diözesaner Ebene koordinieren wir beispielsweise Ausbildungen von Lektoren, Kirchenmusikern sowie für verschiedene Besuchsdienste und fördern einen aktiven Austausch der Gemeinden. Wir freuen uns über zahlreiche soziale Einrichtungen der Diakonie und evangelische Schulen.

 

NL: Erst mit dem Protestantengesetz 1961 ist die evangelische Kirche in Österreich der katholischen Kirche gleichgestellt. Wie läuft es mit der Zusammenarbeit mit anderen Konfessionen?

Axmann: Die Ökumene zeichnet sich in der Steiermark durch eine vertrauensvolle Zusammenarbeit aus. Das ist nicht selbstverständlich, aber gut für das Land. Wir verdanken dies den Verantwortungsträgern in verschiedenen Kirchen in den vergangenen Jahrzehnten, denen die Ökumene immer ein Anliegen war. Nachdem was die Kirchen in der Vergangenheit einander angetan haben, sind sie glaubwürdige Zeugen, dass man vom Gegeneinander zum Miteinander finden kann.

 

NL: Den 75. Geburtstag hat die Evangelische Kirche Steiermark am vergangenen Samstag mit einer Festversammlung in Gröbming gefeiert. Was war dabei das Hauptthema?

Axmann: Ein Jubiläum bietet immer Anlass zurückzublicken, in den Spiegel zu schauen und zu reflektieren. Noch wichtiger erscheint mir aber der Blick in die Zukunft. Aus diesem Grund haben wir gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern des Diözesanjugendrates über die Zukunft der Kirche beziehungsweise die Kirche der Zukunft nachgedacht.

 

NL: Finden zum Jubiläumsjahr heuer noch weitere große Aktivitäten statt?

Axmann: Weitere Höhepunkte sind der Evangelische Kirchentag am 12. Juni in Bad Radkersburg, der grenzübergreifend auch in Murska Sobota stattfindet und live im slowenischen Fernsehen übertragen wird, sowie ein Festakt am Reformationstag, dem 31. Oktober, in der Grazer Heilandskirche. Dort wird der gebürtige Steirer und ehemalige Bischof Michael Bünker die Festrede halten. Besonders freue ich mich auf die Predigtreihe „Reden über Glauben“. Ab April werden acht prominente Persönlichkeiten steiermarkweit im Rahmen von Sonntagsgottesdiensten über ihren Zugang zum Glauben sprechen.

 

NL: In der katholischen Kirche ist der Nachwuchsmangel weitverbreitet. Wie schaut es mit Nachwuchs in der evangelischen Kirche aus?

Axmann: Jedes Jahr beginnen einige junge Menschen Theologie zu studieren. Manche von ihnen bevorzugen dann aber lieber den Lehrberuf zu ergreifen, anstatt ins Pfarramt zu gehen. Es ist eine Herausforderung für die Pfarrgemeinden, Pfarrerinnen und Pfarrern und ihren Familien ein attraktives Umfeld zu bieten.

 

NL: Welchen Stellenwert haben Glaube und Kirche gegenwärtig im Leben der Menschen und in der Gesellschaft?

Axmann: Wir leben in einer Zeit, in der Vereine, Gewerkschaften und Parteien ein Abnehmen der Mitgliedszahlen registrieren müssen. Auch die Kirchen sind betroffen. Auf der anderen Seite haben im Rahmen der Europäischen Wertestudie 2018 immerhin 79 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher angegeben daran zu glauben, dass es entweder Gott oder irgendein höheres Wesen oder eine geistige Macht gibt. Studien zeigen eine Veränderung der religiösen Praxis. Religion gewinnt zunehmend eine stärkere sozialere Komponente. Das erkennt man unter anderem im großen Engagement an freiwilligen Helferinnen und Helfern im Bereich der Flüchtlingshilfe oder auch anderen diakonischen Bereichen in den vergangenen Jahren.

Zur Person:

  • Michael Axmann ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen.
  • Der 50-Jährige ist Rechtsanwalt in Graz und seit 2015 Superintendentialkurator der evangelischen Kirche in der Steiermark.

Beitragsfoto: privat

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