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Im Interview: Anton Hafellner

von Karl Brodschneider

Almwirtschaftsvereinsobmann Ökonomierat Anton Hafellner über die großen Herausforderungen der steirischen Almbauern: Wolf, Klimawandel und Freizeitsportler.

 

NEUES LAND: In der zweiten, dritten Mai-Woche begann der Auftrieb der Tiere auf die Niederalmen. Aktuell werden die mittleren Almen beschickt. Lässt sich schon sagen, wie die heurigen Auftriebszahlen und die Anzahl der bewirtschafteten Almen ausschauen?

Anton Hafellner: Eine konkrete Aussage dazu ist derzeit noch nicht möglich, da oft verschiedenste Einflüsse wirksam werden, wenn es um den Almauftrieb beziehungsweise die Bewirtschaftung der Almen geht. Ich gehe aber davon aus, dass wir heuer stabile, vielleicht sogar leicht steigende Zahlen verzeichnen können, da unsere Almen als zusätzliche Futterflächen die Heimbetriebe auch arbeitstechnisch entlasten.

 

NL: Das wohl größte Thema bei den Almbauern ist der Wolf. Wie groß sind die Angst und Frustration bei den Almbauern?

Hafellner: Dieses Thema ist für mich wie eine tickende Zeitbombe! Solange der Wolf oder Bär keine Schäden anrichten, wird man sich nicht viel darum kümmern, aber allein die Sichtungen im Grazer Bergland beziehungsweise in der Region Seetaler Alpen mahnen jetzt bereits zur Vorsicht und verlangen aus meiner Sicht zu Recht mehr politisches Engagement und entsprechende Maßnahmen für einen deutlichen Gesinnungswandel in der Politik und der breiten Bevölkerung zum Schutz der gealpten Nutztiere.

 

Herdenschutzmaßnahmen

NL: Sind die viel zitierten Herdenschutzmaßnahmen nur in der Theorie umsetzbar oder scheitern sie an der mangelnden Umsetzungsbereitschaft der Betroffenen?

Hafellner: Das von unseren Bäuerinnen und Bauern speziell in den Bergregionen erwirtschaftete Einkommen liegt leider weit unter dem österreichischen Durchschnitt und das bei einer extremen Arbeitsbelastung. Würde man eine umfassende Vollkostenrechnung aller eingesetzten Betriebsmittel mit einer entsprechenden Arbeitszeiterfassung und einer Risiko- und Erschwerniszulagenbewertung anstellen, käme wohl niemand mehr auf die Idee, diese zusätzlichen Zeit- und Geldaufwände zur Errichtung „geeigneter Herdenschutzmaßnahmen“ von den Almbauern zu verlangen. Außerdem liegen große Teile der steirischen Almweiden in sehr unwegsamem, teilweise felsigem Gelände, was einen wirksamen Herdenschutz so extrem verteuern würde, dass dies faktisch unmöglich ist.

 

Freizeitsportler auf Almen

NL: Vor drei Jahren waren das Kuhurteil sowie die Almwanderer mit Hunden das große Reizthema. Ist die Situation besser geworden oder sind sie nur von neuen Problemen – ich denke da zum Beispiel an die E-Mountainbikes – zugedeckt worden?

Hafellner: Ich denke, dass hier das Sprichwort zutrifft, dass erst was passieren muss, damit etwas passiert. Durch diesen tragischen Vorfall wurde vielen Freizeitnutzern erst bewusst, dass unsere Almen kein Streichelzoo und Disneyland sind, sondern wertvolle Futterflächen für die artgerechteste Haltung unserer heimischen Nutztiere. Ausschließlich durch diese Bewirtschaftung werden unsere Almen zu diesen attraktiven, weil hochwertigen und vielseitigen Kultur- und Lebensräumen. Aber es braucht einfach die gebetsmühlenartige Wiederholung, dass notwendige Spielregeln zum konfliktfreien gemeinsamen Nutzen der Almen und zum Selbstschutz einzuhalten sind. Erst wenn das Bewusstsein soweit entwickelt ist, dass fremdes Eigentum betreten und genutzt wird und dass man für sein eigenes Verhalten auch voll verantwortlich sein muss, werden viele Probleme erst gar nicht entstehen.

 

NL: Corona hat zum Sturm auf die Almen geführt und damit auch das wilde Autoparken in den Mittelpunkt gerückt. Manche Regionen probieren es nun mit Verkehrslenkungsmaßnahmen und Parkraumbewirtschaftung, um diesem Problem Herr zu werden. Ist das eine Sisyphusarbeit?

Hafellner: Das sind leider die negativen Auswirkungen des sogenannten Overtourismus. Wie erfolgreich solche Strategien, die ja auch Geld kosten, sein können, wird im Wesentlichen von einer gut geführten Kommunikation mit klaren Botschaften und verständlichen Argumenten abhängen. Jedenfalls müssen die Eigentümer und Bewirtschafter der Almen möglichst ohne Erschwernisse und Blockaden ihre wichtigen Arbeiten verrichten können und das Almwieh ungestört bleiben.

 

Verwaldungsgefahr

NL: Der Klimawandel ist auch schon auf den Almen angekommen. Die Baumgrenze klettert nach oben, Quellen versiegen, die Wassernot steigt. Wie akut sind diese Probleme?

Hafellner: Der Klimawandel macht auch vor den heimischen Almen nicht Halt und führt laut statistischen Belegen der ZAMG zu einer Verschärfung der Wetterextreme. So verhindern langanhaltende Schönwetter-Phasen die für das Grundwasser und die Vegetation so wichtigen Niederschläge. Umgekehrt kann die aufgehitzte Atmosphäre weit mehr Feuchtigkeit aufnehmen, die sich dann sintflutartig entladen kann. Beide Extreme schaden viel mehr als sie nutzen und mahnen zu sorgsameren Umgang mit Trink- und Tränkwasser, zu besserer Bevorratung des Quellwassers und möglicher Nutzung des Regenwassers in Folienteichen oder Dachwasserzisternen. Auch der frühere Vegetationsbeginn fordert ein Umdenken in der Weidewirtschaft, um das natürliche Futterangebot optimal zu nutzen und den Verwaldungsdruck einzudämmen. Dabei wird die Weidepflege immer wichtiger für den Erhalt der offenen Almweideflächen.

 

NL: Ab Herbst wird in der Fachschule Grabnerhof erstmals die Ausbildung zum Almwirtschaftsfacharbeiter angeboten. Ist das für Sie ein wichtiger Schritt?

Hafellner: Ja auf jeden Fall sehe ich darin eine Aufwertung der vielseitigen und herausfordernden Almarbeit. Die Fachschule Grabnerhof kann ein umfassendes Wissen über almwirtschaftlich relevante Themen in Theorie und Praxis vermitteln, das sich auf dem perfekt ausgestatteten Lehrbetrieb an der Schule selbst und auf der Grabneralm gut anwenden lässt.

 

NL: Was wünschen Sie sich selbst und allen steirischen Almbauern für die heurige Almsaison?

Hafellner: Einen gesunden und unfallfreien Almsommer für Mensch und Tier und einen ausgeglichener Witterungsverlauf als Grundlage für eine ausreichende Futterversorgung. Ich freue mich auf viele nette Begegnungen mit interessanten Menschen, auf gut besuchte Almfeste als attraktive Kulturangebote und auf jeden Fall möglichst wenig Wolf- beziehungsweise Bärenübergriffe für einen sorgenfreien und ruhigen Weidebetrieb.

 

Zur Person

Ökonomierat Anton Hafellner lebt mit seiner Ehefrau Martha sowie den Söhnen Markus und Andreas in Proleb auf einem Bergbauernhof mit Almoerzeugung, Gatterwildhaltung und Forstwirtschaft. In seiner Jugendzeit war er in der Landjugend Landes- und dann Bundesobmann. Seit 2007 ist er Obmann des Steirischen Almwirtschaftsvereines.   

 

Beitragsfoto: Grabner

 

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