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Im Interview: Harald Reicher

von Karl Brodschneider

Der neue Geschäftsführer des Pferdezuchtverbandes Steiermark, Harald Reicher, über die Bedeutung der Pferdewirtschaft in der Steiermark und geplante Pferde-Großveranstaltungen im Jahr 2022.

 

NEUES LAND: Herr Reicher, Sie sind seit Anfang April der Nachfolger von Walter Werni als Geschäftsführer und Zuchtleiter des Landespferdezuchtverbandes. Was zählt zu Ihren wesentlichen Aufgaben?

Harald Reicher: Ich zeichne verantwortlich für die Finanzgebarung, sämtliche Stutbucheintragungen, Fohlenkennzeichnungen und Bewertungen und bin in die verschiedensten Pferde-Veranstaltungen eingebunden. Eine weitere Aufgabe ist die Betreuung der Verbandshengste und Verbandshengststationen. Ebenso bin ich in den österreichweiten Rassearbeitsgemeinschaften mit eingebunden und darf hier die Steiermark vertreten. Ein wichtiges Ziel für mich ist es, dass wir in den örtlich organisierten Genossenschaften und Vereinen verstärkt Weiterbildungsmöglichkeiten anbieten. Ein ganz großes Anliegen ist für mich das Thema Jugend und Pferd, denn die steirische Pferdejugend ist unsere Zukunft.

 

NL: Welche Bedeutung hat die Pferdewirtschaft in der Steiermark?

Reicher: Die Bedeutung des Pferdes ist riesengroß, denn laut einer Studie sichern rund fünf Pferde einen Arbeitsplatz. Wenn man bedenkt, dass es in der Steiermark rund 16.000 Pferde gibt, dann gewinnt diese Zahl noch mehr an Aussagekraft. Von der wirtschaftlichen Bedeutung her gesehen liegt die Pferdewirtschaft damit sogar vor der Jagd. Zudem spielt das Pferd auch im Tourismus und als Sozialfaktor eine große Rolle.

 

In bäuerlicher Hand

NL: Ist die Pferdehaltung in der Steiermark in bäuerlicher Hand?

Reicher: Weit über 80 Prozent der gehaltenen Pferde befinden sich auf Bauernhöfen. In der Steiermark gibt es knapp 2400 Betriebe mit über 12.000 Pferden. Sie beschäftigen sich hauptsächlich mit heimischen Rassen. Bedeutend ist die Pferdehaltung vor allem für jene Betriebe, die es sehr professionell machen.

 

NL: Was sind die Hauptrassen in der Steiermark?

Reicher: Das ist mit Abstand das Warmblut. Dahinter folgen die Haflinger. Aber das dreht sich in der Zucht langsam zugunsten der Noriker, weil für die Noriker die ÖPUL-Förderung für gefährdete Rassen in Anspruch genommen werden kann. Stark im Kommen sind auch die Ponys. Sie sind leicht zu halten und ziehen vor allem die Kinder an.

 

Landeshengstschau am Pfingstmontag

NL: Pferde-Veranstaltungen erfreuen sich in der Bevölkerung großer Beliebtheit. Was sind in nächster Zeit die größeren Veranstaltungen?

Reicher: Da gibt es viele! Die nächste Großveranstaltung ist am 6. Juni die Landeshengstschau. Sie findet anlässlich des 30-Jahr-Jubiläums des Zugpferdetreffens in Breitenau am Hochlantsch statt. Erstmalig gibt es heuer die Rosswallfahrt unter der Schirmherrschaft des Steirischen Pferdesportverbandes. Der Auftakt ist am 18. Juni in Mariazell und ist vor allem für die Wanderreiter gedacht, die dann nach Maria Lankowitz weiterziehen. Dort gibt es am 25. Juni den Abschluss. Das Warmblutwochenende in Oisnitz findet vom 22. bis 24. Juli statt. Hier gibt es die Zuchtstutenprüfung, das Reitpferdechampionat, die Stutbucheintragung und das Fohlenchampionat. Eine der schönsten Veranstaltungen ist sicherlich der Pferdemarkt in Schöder mit Fohlenchampionat und Schauprogramm am 27. August. Dieser Markt findet heuer bereits zum 112. Mal statt. Die Preise, die dort erzielt werden, gelten als Richtwert für weitere Absatzveranstaltungen in ganz Österreich. Momentan sind wir Gott sei Dank in der glücklichen Lage, dass die Pferdepreise recht gut sind. Das heißt, dass sich speziell für ausgebildete Pferde sehr gute Preise erzielen lassen.

 

NL: Als große Herausforderung gilt die Neuprogrammierung des EDV-Pferdezuchtprogramms, welches nun schon knapp 30 Jahren alt ist. Auf was soll dabei besonders geachtet werden?

Reicher: Das zukünftige Programm soll einfach mehr können. Es sollen mehr Auswertungen möglich sein und es soll Richtung Zuchtwertschätzung bedienungsfreundlicher sein. Im nächsten Jahr wird auch der Pferdepass komplett neugestaltet werden.

 

Pferdebeurteilung

NL: Die Pferdezucht wird seit jeher von vielen Emotionen begleitet. Warum ist die Pferdebeurteilung so wichtig?

Reicher: Einerseits um den gesetzlichen Erfordernissen, welche in den jeweiligen Zuchtbuchordnungen niedergeschrieben sind, Rechnung zu tragen, andererseits um den Züchtern einen Richtwert über die Vor- und Nachteile ihres Zuchtproduktes aufzuzeigen. Dies erfolgt seit 1991 in der Steiermark durch die Erklärung jeder einzelnen Note, welche bei einer Beurteilung vergeben wird. Nachdem die Beurteilungen nicht messbar sind – wie zum Beispiel der Milchfettanteil in der Milch beim Rind – , sind hier oft massive Emotionen im Spiel, wenn sich Pferdebesitzer für ihr Zuchtprodukt eine bessere Beurteilung gewünscht hätten. Dem kann nur durch Aufklärung und Weiterbildungsmöglichkeiten entgegengewirkt werden. Nur wer selbstkritisch ist und weiß, was er im Stall hat, kann entsprechende Schlüsse daraus ziehen und erfolgreich in der Pferdezucht werden. Außerdem gehört neben viel Fachwissen und dem passenden Umfeld auch ein Quäntchen Glück dazu, um gute Pferde zu züchten zu können. Es gibt aber auch viele positive Emotionen, wenn zum Beispiel Züchter mit Tränen in den Augen vor einem Siegerpferd stehen oder wenn sie sich über Erfolge von Züchterkollegen und -kolleginnen mitfreuen können.

 

NL: Was macht dem Pferdezuchtverband momentan am meisten Sorgen?

Reicher: Momentan erleben wir eine Zeit hoher Pferdepreise. Betrachtet man aber den Krieg in der Ukraine und unsere Abhängigkeit von Gas und Öl und die ständig steigenden Preisen, so wird dies über kurz oder lang zu noch höherer Inflation und Preissteigerungen im Warenkorb führen. Dies wiederum wird bald auch die Pferdezucht treffen, wenn sich unsere Kunden, die Reiter und Fahrer, ihre Pferde aufgrund der hohen Lebenskosten einfach nicht mehr leisten können werden.

 

Zur Person

Harald Reicher (50) ist seit Anfang April 2022 Geschäftsführer des Landespferdezuchtverbandes Steiermark. Er wohnt in St. Georgen ob Judenburg und betrieb von 1998 bis 2017 zusammen mit seiner Ex-Frau einen Pferdezucht- und Einstellbetrieb in Leutschach an der Weinstraße. Seit dem Jahr 1991 ist er in der LK Steiermark im Referat Pferdezucht tätig.

 

Beitragsfoto: Brodschneider 

 

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