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Im Interview: Josef Kurz

von Karlheinz Lind

Josef Kurz, Landesleiter der Österreichischen Hagelversicherung, über die ersten schweren Unwetter mit verheerenden Folgen.

NEUES LAND: Besonders der Süden der Steiermark wurden heuer bereits sehr früh von schweren Unwettern heimgesucht. Wie sieht die bisherige Bilanz des Schadensjahres 2022 aus?

Josef Kurz: Die sich mittlerweile wiederholenden Unwetterereignisse führen uns klar vor Augen, dass der Klimawandel mit seinen Wetterextremen die Landwirtschaft fest im Würgegriff hält. Auch bereits im heurigen Jahr, wobei zumindest der Frost – im Vergleich zu den letzten Jahren – vor allem bei Obst- und Weinkulturen keinen Schaden verursacht hat. Wie teuer uns aber die Hagel-, Sturm und Überschwemmungsereignisse heuer gekommen sind, zeigt das bisherige Schadensausmaß. Allein die Unwetter vom 24. und 25. Mai beschädigten rund 4600 Hektar landwirtschaftliche Fläche und verursachten einen Gesamtschaden von 1,9 Millionen Euro in der Landwirtschaft. Dabei stehen wir aber erst am Beginn.

 

NL: Welche Regionen und Kulturarten waren besonders betroffen?

Kurz: Die Bezirke Hartberg-Fürstenfeld, Südoststeiermark, Graz und Graz-Umgebung hat es kleinräumig schwer erwischt. Betroffen waren alle Ackerkulturen, Obstkulturen außer Netz, Wein, Gemüse und Zierpflanzen. Schäden bei Kulturen in der Ernte – wie etwa bei Salat – beziehungsweise bei Kulturen, die am Beginn der Ernte – wie etwa bei Erdbeeren – stehen, schmerzen die betroffenen Landwirten natürlich besonders. Im konkreten Fall bedeutet das nämlich keine Erne. Und keine Ernte heißt kein Einkommen.

 

NL: Betrachtet man die Schadensereignisse der letzten Jahre, kann man eine ständige Steigerung erkennen. Wo sehen Sie die Hauptgründe?

Kurz: Die Hauptgründe liegen im Klimawandel und der damit verbundenen höheren Temperaturen. Der Mai 2022 wird als einer der Wärmsten in die Geschichte eingehen. Feuchte Luftmassen, die vor allem aus dem Adriaraum strömen, begünstigen die Gewitter und damit die Unwetterbildung. Wobei Hagel ja nicht das alleinige Risiko ist. Starkregen mit Überschwemmungen und auch die Dürre verursachen ebenso wiederkehrend großflächige Schäden. Aber gerade beim Hochwasser ist das Problem durch den Bodenverbrauch auch vielfach hausgemacht. Stichwort Bodenversiegelung.

 

NL: Gibt es regionale Hotspots, wo Schäden durch Hagel und Starkregen vermehrt auftreten?

Kurz: Nein, das können wir nicht beobachten. Wenngleich schwere Schäden vor allem wiederkehrend im Süden und Osten auftreten. Hier sind auch die Obst- und Weinkulturen „beheimatet“, die auch die hohen Schäden verursachen. Im Grunde ist die gesamte grüne Mark ein Hotspot.

 

NL: Glücklicherweise sind die Kulturen steirischen Bäuerinnen und Bauern von Spätfrösten im heurigen Frühjahr verschont geblieben. Ist das nach sechs Jahren enormen Frostschäden eine Ausnahme oder kann man generell auf Entspannung hoffen?

Kurz: Heuer war der Frost – wie gesagt – kein Thema. Aber das ist nur eine kurze Verschnaufpause. Leider muss man davon ausgehen, dass das Spätfrostrisiko zunimmt. In den letzten neun Jahren waren wir sechs Mal von Spätfrostschäden betroffen. Besonders schwer in den Jahren 2016 und 2017 mit rund 300 Millionen Euro Schaden, alleine in der Steiermark. Besonders dramatisch: Viele Betriebe waren damals hintereinander betroffen. Das war sicher auch existenzbedrohend.

 

NL: Aufgrund der Wetterextreme sichern Landwirte ihre Ernte immer öfter über eine Versicherung ab. Wie viele Landwirte nehmen die Produkte der Österreichischen Hagelversicherung in Anspruch?

Kurz: Die steirischen Landwirte, Winzer und Gärtner sind leidgeprüft, was Unwetter betrifft und wissen daher über diese Risiken sehr gut Bescheid. Daher liegt die Durchversicherung im Ackerbau beispielsweise bei knapp 85 Prozent. Im Gartenbau sind sogar 98 Prozent der Betriebe umfassend versichert. Eine Versicherung ist mittlerweile für die Betriebe eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit.

 

NL: In Ihrem Unternehmen beschäftigt man sich intensiv mit dem Thema Klimawandel. Wie wird sich die Situation in den nächsten Jahren verändern?

Kurz: Insgesamt wird man sich auf mehr Extremereignisse einstellen müssen. Vor allem Trockenheit und Hitze im Sommer wird zunehmend zum Thema. Durch die immer früher beginnende Vegetationszeit steigt auch die Gefahr von Spätfrostschäden, auch wenn sich die Frostereignisse zeitlich nicht verändern.

 

NL: Ein Blick in die Glaskugel. Wird man heuer vermehrt mit Unwettern rechnen müssen?

Kurz: „Prognosen sind schwer vorhersehbar, insbesondere, wenn sie die Zukunft betreffen“, hat schon Mark Twain gesagt. Eine Prognose, wie sich die Hagelsaison heuer gestalten wird, ist nicht möglich. Die hagelintensivsten Monate, nämlich Juni und Juli, kommen erst noch. Das ist Faktum, genauso wie eben der Klimawandel.

Zur Person:

  • Josef Kurz absolvierte die Höhere Bundeslehranstalt Raumberg-Gumpenstein.
  • Sein beruflicher Werdegang führte ihn von der Saatgutstation RWA-Lannach über die Saatmaisbau-Genossenschaft St. Ruprecht an der Raab zur Österreichischen Hagelversicherung.
  • Seit 2005 hat er die Funktion der Landesleitung inne.
  • Kurz ist Landwirt in Dobl-Zwaring, verheiratet und Vater eines Sohnes.

Beitragsfoto: Österreichische Hagelversicherung

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