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Im Interview: Armin Friedmann

von Karlheinz Lind

Armin Friedmann, Leiter des Kompetenzzentrums Genossenschaft im Raiffeisenverband, über hohe Energiepreise und nachhaltige Lösungen.

 

NEUES LAND: Die Ukraine-Krise hat zu extremen Verwerfungen am Energiemarkt geführt. Enorme Preissteigerungen waren und sind die Folge. Welche Konsequenzen zieht man im Raiffeisenverband Steiermark aus diesen Entwicklungen?

Armin Friedmann: Die Ukraine-Krise zeigt uns einmal mehr, wie verwundbar unser Land im Energiebereich ist und wie abhängig wir von anderen Ländern sind. Das müsste nicht sein, zumindest nicht in einem Ausmaß, wie es aktuell vorherrscht. Gerade im Bereich der Erneuerbaren Energien gibt es noch ganz viel Ausbaupotenzial, das die Unabhängigkeit und Regionalität im Energiebereich massiv heben würde. Speziell mit der Einführung des Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG) stehen uns in Österreich seit Kurzem rechtlich neue Möglichkeiten zur lokalen oder regionalen Energieerzeugung zur Verfügung, mit denen sich der Raiffeisenverband Steiermark sehr intensiv auseinandergesetzt hat.

 

NL: Gerade bei den Thema Energie beziehungsweise Energiegewinnung rückt die Nachhaltigkeit immer weiter in den Vordergrund. Welche Lösungen gibt es dafür?

Armin Friedmann: Mit dem EAG können nun etwa sogenannte Erneuerbare Energiegemeinschaften gegründet werden. Dadurch wird die Gewinnung umweltfreundlich erzeugter Energie attraktiver, die im gleichen Zug lokal oder regional wieder verkauft wird. Dies wird uns zum einen ein großes Stück mehr Unabhängigkeit bringen, zum anderen kurze Wege und nachhaltig erzeugte Energie. Dieses Thema bewegt uns alle ganz extrem momentan. Und eine Antwort, die im wahrsten Sinne des Wortes ganz „naheliegend“ wäre.

 

NL: Sie haben das Thema Erneuerbare Energiegemeinschaften angesprochen. Was kann man sich darunter vorstellen?

Friedmann: Bei Erneuerbaren Energiegemeinschaften schließen sich Bürgerinnen und Bürger, Landwirte, Gemeinden sowie kleine und mittlere Unternehmen zusammen, um dabei gemeinsam Strom zu produzieren und diesen auch zu nutzen oder zu speichern. Das alles geschieht auf Ortsebene, also lokal oder regional. Der Strom kommt quasi direkt vom Haus des Nachbarn, von der Photovoltaikanlage am Schuldach oder vom Landwirt in meinem Dorf und muss nicht hunderte Kilometer über Stromautobahnen zurücklegen. Ganze Ortschaften oder Gemeinden werden zu wahren Energiekraftwerken werden. Die Energiegemeinschaft soll dabei nicht gewinnorientiert sein, sondern in einem Gemeinnützigkeitsgedanken die Mitglieder in erster Linie aus sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten fördern.

 

NL: Warum ist die Genossenschaft die optimale Rechtsform dafür und wer kann dabei mitmachen?

Friedmann: Eine Erneuerbare Energiegemeinschaft sollte so ausgelegt sein, dass immer wieder neue Personen der Gemeinschaft beitreten können. Daher kommt als Rechtsform sinnvollerweise wohl nur ein Verein oder eine Genossenschaft in Frage, da bei diesen beiden Rechtsformen ein Beitritt oder Austritt sehr einfach und unbürokratisch möglich ist. Gegenüber einem Verein sind die Strukturen einer Genossenschaft jedoch viel professioneller und ergeben ab einer gewissen Größe der Gemeinschaft, die schnell mal erreicht ist, Sinn. Immerhin geht es um unsere Stromversorgung. Speziell in Haftungsfragen bietet die Genossenschaft die gleichen Vorteile wie eine Kapitalgesellschaft mit beschränkter Haftung. Das wird vor allem für die Organe der Energiegemeinschaft ein spannender Punkt sein. Hinzu kommt die bei einer Genossenschaft verpflichtende externe Revision, die allen zusätzliche Sicherheit bietet. Auch bei der Kapitalaufnahme wird sich eine Genossenschaft mit Sicherheit leichter tun. Das alles spricht letztlich dafür, dass die Genossenschaft durch ihre Verankerung in der Region die Rechtsform der Energiewende sein wird.

 

NL: Welche technischen Voraussetzungen muss es geben, um ein Projekt zu realisieren?

Friedmann: Alle Mitglieder einer Energiegemeinschaft brauchen den sogenannten Smart Meter zur digitalen Erfassung des Stromverbrauches. Diesen muss der Netzbetreiber einbauen, falls er noch nicht vorhanden sein sollte. Zum anderen braucht es auch die Erzeugungsanlagen, zumeist Photovoltaikflächen. Windräder und Kleinwasserkraftanlagen wären genauso möglich. Sie alle müssen dabei in der Verfügungsgewalt der Energiegemeinschaft stehen, die entweder diese Anlagen pachtet oder sie zumeist auf fremden Grund selbst errichtet. Beides ist möglich. Und dann braucht es noch ein Abrechnungssystem. All das erfordert eine gute technische und wirtschaftliche Planung durch Energieexperten. Weiters dürfen Erneuerbare Energiegemeinschaften rechtlich derzeit nur im Konzessionsgebiet eines einzigen Netzbetreibers auf den Netzebenen 5 bis 7, also maximal bis zum nächsten Umspannwerk, gegründet werden. Gerade für die Netzbetreiber, von denen es in der Steiermark mehrere Dutzend gibt, bringen diese Neuerungen auch große Herausforderungen.

 

NL: Gibt es Vorteile für die Mitglieder einer solchen Energiegemeinschaft?

Friedmann: Die Mitglieder werden über mehrere Wege profitieren. Zum einen produzieren oder konsumieren sie umweltfreundlich erzeugten Strom, der direkt aus der Region stammt. Das zählt wohl am allermeisten. Zum anderen genießt eine Energiegemeinschaft mehrere wirtschaftliche Vorteile, etwa in Form von reduzierten Netzentgelten. Dadurch wird die Energiegemeinschaft den von ihr produzierten Strom möglicherweise günstiger an die Mitglieder verkaufen können als es der reguläre Stromanbieter tut.

 

NL: Gibt es in der Steiermark schon Pilotprojekte?

Friedmann: Wir sind gerade in enger Abstimmung mit mehreren Interessentengruppen, die jeweils eine Energiegenossenschaft gründen wollen. Eine davon befindet sich im Ausseerland, mehrere in der Oststeiermark. Diese Projekte schauen alle sehr vielversprechend aus. Wir gehen davon aus, dass wir schon bald die ersten Gründungen umsetzen werden. Derzeit steckt aber auch noch sehr viel Pioniergeist in den einzelnen Vorhaben. Aber ich bin überzeugt, dass es schon bald zu einer breiten Bewegung in unserem Land kommen wird, um einen ähnlichen Weg zu gehen. Energiegemeinschaften sind ein nachhaltiges Gebot der Stunde!

 

NL: Wohin kann ich mich wenden, wenn ich Interesse an der Gründung einer Erneuerbaren Energiegemeinschaft in Form einer Genossenschaft habe?

Friedmann: Interessenten sind herzlich eingeladen, sich an den Raiffeisenverband Steiermark als einzigen Genossenschaftsrevisionsverband mit Sitz in der Steiermark zu wenden. Wir werden dann versuchen, alle Bemühungen bestmöglich zu koordinieren. Nähere Informationen gibt es auch auf der Homepage kooperieren.at, die demnächst um einen Schwerpunkt „Energiegenossenschaften“ erweitert wird.

 

Zur Person:

  • Armin Friedmann, geboren im Dezember 1977 in Graz, ist am elterlichen Gemüsebaubetrieb in Graz-St. Peter aufgewachsen.
  • Er absolvierte das Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Uni Graz. Seit 2004 ist Friedmann im Raiffeisenverband Steiermark tätig.
  • Der ausgebildete Revisor und Direktionssekretär ist nun Leiter vom Kompetenzzentrum Genossenschaft.
  • Friedmann ist verheiratet und Vater eines Sohnes.
  • Zu seinen Hobbys zählen Skifahren, Rennradfahren, Schwimmen, Laufen, Tauchen und Badminton.

Beitragsfoto: Krug

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