Die Natur nachahmen

von Robert Matzer

Zwischenfrüchte und Untersaaten sind ein wichtiges Puzzleteil für eine gesunde Bodenstruktur, denn sie schaffen natürliches Chaos.

Der Anbau von Zwischenfrüchten und Untersaaten in einer abgestimmten Fruchtfolge wird von zahlreichen Experten als ein wichtiges Schlüsselelement für die Bildung einer gesunden Bodenstruktur angesehen. Viele positive Effekte werden damit verbunden: Dazu zählen das bessere Eindringen und Halten von Niederschlägen, eine günstigere Nährstoffdynamik mit weniger Auswaschungen und natürlich die Unterstützung der Bodenbiologie. Einer der führenden Zwischenfrucht-Experten in Europa ist Christoph Felgentreu.

Christoph Felgentreu bei einem Feldtag in der Steiermark hält Erdklumpen mit einer Begrünung in den Händen

Christoph Felgentreu bei einem Feldtag in der Steiermark. Foto: Bio Ernte Steiermark/Martina Lepschi

Der Brandenburger ist pensionierter Agraringenieur und arbeitete viele Jahre bei der Deutschen Saatveredelung AG (DSV). Nun gibt er sein breites Wissen im Verein „Interessengemeinschaft gesunder Boden“ weiter und versucht dabei wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Erfahrungen gut miteinander zu verbinden. Er gibt einen Überblick: „Wir sollten uns ernsthafte Gedanken machen, unsere Böden in einem besseren Zustand zu übergeben als wir sie übernommen haben. Das ist möglich, wenn man sie in einem weiten Fruchtfolgesystem mit Zwischenfrüchten und Untersaaten bewirtschaftet und versucht, die Natur möglichst gut nachzuahmen.“

Die Vielzahl entscheidet

Dass das alles kein leeres Gerede ist, zeigte Felgentreu in vielen Jahrzehnten der Versuchsarbeit. Dabei hat er erkannt, dass die Biodiversität in den Mischungen eine tragende Rolle einnimmt. Der Experte dazu: „Mit fünf oder mehr Mischungspartnern, die aufeinander abgestimmt sind, erreicht man immer deutlich bessere Ergebnisse als mit Einzelsaaten. Noch besser sind fünfzehn und mehr Komponenten, weil dadurch eine Art natürliches Chaos entsteht, das Asynchronität genannt wird. Die verschiedenen Pflanzenarten durchwurzeln die Bodenhorizonte in unterschiedlicher Intensität und können so Nährstoffe besser aufschließen und recyceln. Davon profitiert die darauffolgende Hauptkultur sehr stark. Versuche der letzten Jahre zeigten, dass vor allem auch Stickstoff durch artenreiche Zwischenfrüchte und Untersaaten besser vor Verlusten geschützt werden kann, als mit Einzelsaaten wie beispielsweise Senf.“

Diese Winterwicke wurde erst am 27. Oktober 2019 gesät und bildete bis Ende Februar eine beachtliche Wurzelmasse. Foto: Potzer

Die Abstimmung der Mischungspartner erfolgt nach Felgentreu, indem zwei grundlegende Eigenschaften von Pflanzen ausgenutzt werden. Das sind die gegenseitige Unterstützung (Interaktion) und Konkurrenz von Pflanzenarten, die in erster Linie über Wurzelausscheidungen erfolgen. Der Zwischenfrucht-Profi erklärt den Mechanismus: „In der Natur gibt es keine Monokulturen, sondern nur Pflanzengemeinschaften. Sie unterstützen und hemmen sich gegenseitig. Diese Effekte von Symbiose und Konkurrenz werden in Saatgutmischungen gezielt ausgenutzt, um eine möglichst schnelle und gleichmäßige Durchwurzelung der Erde zu erreichen und gleichzeitig Unkräuter möglichst gut zu unterdrücken. So können im Idealfall in der obersten Bodenschicht zwanzig bis dreißig Prozent Rhizosphäre, also von Wurzeln beeinflusstes Erdreich, entstehen.“

Großes Potential

Und das soll nicht grundlos erreicht werden, denn in diesem Bereich der Erde ist die Bodenbiologie besonders aktiv. Für Felgentreu ist sie ein entscheidender Faktor, von dem noch wenig bekannt ist. Der Brandenburger dazu: „Im Vergleich zu Erde enthält Regenwurmkot etwa fünfmal so viel Stickstoff, siebenmal so viel Phosphor und elfmal so viel Kalium. Vor allem aber Bakterien und Pilze bergen ein nahezu ungeahntes Potential. Pflanzen sind beispielsweise über verschiedenste Mykorrhiza-Pilze vernetzt. Es wurde nachgewiesen, dass diese Pilze in nur wenigen Minuten in der Lage sind, Nitrat und Ammonium aufzunehmen, zu verwerten und zu speichern. Dadurch wird wenig oder sogar überhaupt kein Nitrat ins Grundwasser ausgewaschen, sondern es verbleibt im durchwurzelten Erdreich. Wir müssen unbedingt mit diesen Mikroorganismen arbeiten und nicht gegen sie.“

Wenn diese Vernetzung der Mikrobiologie etabliert ist, geht es darum, diese Zusammenhänge zu erhalten. „Durch intensive Bodenbearbeitung wird vor allem das Pilznetzwerk zerstört, weshalb eine minimierte Bodenbearbeitung zu bevorzugen ist“, so Felgentreu abschließend.

 

Zur Person

Christoph Felgentreu wuchs auf einem Bauernhof in Brandenburg auf und begann schon als Kind einen starken Bezug zu Boden und Pflanzen zu entwickeln. Nach einer Berufsausbildung zum Agrotechniker studierte er Pflanzenproduktion in Berlin. Nach mehreren Jahren als Betriebsleiter begann er 1990 bei der Deutschen Saatveredelung (DSV). Dort entwickelte über viele Jahre Saatgutmischungen für Zwischenfrüchte und Untersaaten. Seit Beginn dieses Jahres ist er im Ruhestand.

Beitragsbild: Ingmar Prohaska

Zum Thema passend

Einen Kommentar abgeben

Diese Website benutzt Cookies. Wenn sie die Website weiter nutzen, gehen wir von ihrem Einverständnis aus. Ich stimme zu Datenschutzerklärung