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Im Interview: Herbert Lammer

von Karlheinz Lind

Herbert Lammer, Geschäftsführer der Regionalenergie Steiermark, über den Trend zu erneuerbaren Energieträgern und neuen Gesetzen.

 

NEUES LAND: Der Trend zu erneuerbaren Energiesystemen ist da. Derzeit werden die notwendigen Rahmenbedingungen für die Erreichung der österreichischen Klimaziele gesetzlich finalisiert. Offenbar hat die Coronakrise die Energiewende nicht gebremst?

Herbert Lammer: Nein, ganz im Gegenteil. Die Energiewende hin zu erneuerbaren Energiesystemen ist voll im Gange. Zur Coronakrise fällt mir ein guter Spruch ein: „Corona hat uns die Flügel gestutzt – aber unsere Wurzeln gestärkt“. Der Nachhaltigkeits- und Regionalitätsgedanke wurde gestärkt. Die Marktentwicklung für gewisse Energiebereiche für das Jahr 2020 gegenüber 2019 bestätigt das auch. Das lässt sich auch konkret mit Zahlen belegen. Bei Holzpelletsanlagen konnte ein Plus von 20 Prozent verzeichnet werden. Bei der installierten Photovoltaik-Leistung gab es einen Zuwachs von 40 Prozent, die Zahl der Ölfeuerungen hat sich hingegen um gut ein Drittel reduziert.

 

NL: Stichwort Ölfeuerung. Ziel der Bundesregierung ist bis 2035 rund 600.000 Ölkessel zu tauschen und auf erneuerbare Systeme umzustellen. Ist das realistisch?

Lammer: Es ist ein sehr ambitioniertes Ziel. Derzeit ist das Bundesgesetz dazu in der Finalisierung. Ob es dann vier oder fünf Jahre später erreicht wird, ist eher unerheblich. Ab 2025 wird jedenfalls der Austausch für Ölkessel ab einem gewissen Alter gesetzlich verpflichtend. Der Bund stellt bereits derzeit allein pro Jahr rund 200 Millionen Euro Fördermittel für den Fossil-Kesseltausch zur Verfügung. Übrigens wurden seit dem Jahr 2000 in Österreich rund 300.000 Ölkessel getauscht, jedoch bei wesentlich schlechteren Rahmenbedingungen.

 

NL: Wo sehen Sie derzeit die größten Vorteile des aktuellen Fördersystems für den Umstieg?

Lammer: Eindeutig in der Höhe der gewährten Direktförderungen und in deren unbürokratischen Abwicklung. Das Klimaschutz-Ministerium fördert beim Umstieg von Heizöl oder Erdgas auf eine Biomasseheizung bis zu 5000 Euro und das Land Steiermark bis zu 3700 Euro. Viele Gemeinden gewähren weitere Förderungen, sodass insgesamt mit gut 9000 Euro Direktförderung gerechnet werden kann. Damit werden gut 40 Prozent der Umstiegskosten mit Direktförderungen abgedeckt.

 

NL: Die Photovoltaik wird ja gerade für die Landwirtschaft auch immer interessanter. Welche Chancen sehen Sie für die steirischen Land- und Forstwirte in diesem Bereich?

Lammer: Strom aus Photovoltaik ist für die Landwirtschaft in zweierlei Hinsicht zukünftig ein wichtiges Thema. Erstens durch die bereits bestehenden großen Dachflächen zur Eigenstromnutzung und zur Netzeinspeisung. Zweitens – im größeren Stil – durch die Agrar-Photovoltaik im Grün- und Ackerland sowie auch im Obst- und Beerenanbau, wo sich mit der Doppelnutzung Strom und Landwirtschaft sehr viele technisch und wirtschaftlich interessante Möglichkeiten eröffnen. Da geht es dann gleich um zwei, drei Hektar aufwärts beziehungsweise um mehrere 1000 Kilowatt Leistung pro Anlage.

 

NL: Bis 2030 soll österreichweit der Strom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energieträgern gewonnen werden. Woher wird dabei aus Ihrer Sicht der größte Anteil kommen?

Lammer: Wir stehen jetzt bei rund 73 Prozent Anteil an erneuerbarem Strom im Netz. Daher ist dieses Ziel eine enorme Herausforderung. Konkret sollen dabei vor allem Photovoltaik und Windenergie die größten Anteile liefern, aber auch Wasserkraft und Biomasse werden wichtige Beiträge leisten. Grundlage für dieses politisch definierte Ziel ist das Erneuerbaren Ausbau Gesetz des Bundes, welches hoffentlich bis Herbst 2021 im Parlament beschlossen wird.

Zur Person:

  • Herbert Lammer gründete 1994 die Regionalenergie Steiermark und ist auch deren Geschäftsführer.
  • Nach der Lehre absolvierte er die HTL in Weiz für Elektrotechnik.
  • Dann folgte ein berufsbegleitendes Energie-Innovations-Mangement-Studium an der Donau-Universität in Krems.
  • Lammer ist mit Margit verheiratet und Vater von drei Söhnen.

 

Beitragsfoto: Regionalenergie Steiermark

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