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Im Interview: Gerhard Kobinger

von Karlheinz Lind

Der Präsident der Apothekerkammer, Gerhard Kobinger, über das Coronavirus, Hausapotheken und Arzneimittelbestellungen im Internet.

 

NEUES LAND: Das Coronavirus hat uns fest im Griff. Wie geht es den Apotheken damit?

Gerhard Kobinger: Es ist ein großes Thema. Wir haben sehr viele Anfragen und versuchen zu informieren. Wir wollen keine Hysterie schüren, aber das Problem auch nicht kleinreden. Es geht um sachliche Informationen. Wir versuchen sehr transparent und faktenorientiert zu sein.

 

NL: Warum sorgt das Coronavirus für derartige Unruhe in der Bevölkerung?

Kobinger: Es ist neu und so wirklich hundertprozentig weiß man nichts.  

 

NL: Erleben auch die Apotheken Hamsterkäufe?

Kobinger: Zuerst haben alle nach Schutzmasken gefragt. Seitdem man weiß, dass es keine mehr gibt, geht`s um Desinfektionsmittel. Die industriell gefertigten sind nicht mehr erhältlich. Jetzt behelfen wir uns mit der Eigenherstellung. Aber da gibt es ein Problem, weil das Finanzministerium für die Produktion der Desinfektionsmittel nur den voll versteuerten Alkohol von uns will. Aber der ist ein Mehrfaches teurer. Da stellt sich schon die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Alkoholsteuergesetzes.  

Gesundheitstelefon

NL: In vielen Gesundheitsfragen sind die Apotheken die erste Anlaufstelle. Hat sich dabei durch das Gesundheitstelefon etwas verändert?

Kobinger: Eigentlich müssten die Apotheken von der Gesundheitspolitik als eigene Versorgungsstufe anerkannt werden, denn im Grunde genommen haben wir ein ähnliches Informationssystem wie das Gesundheitstelefon. Das beste Beispiel dafür hatten wir in der Weihnachtszeit in Graz. Hier gab es am 24. 25. und 31. Dezember sowie am 5. Jänner tagsüber keinen Ärztenotdienst. In solchen Fällen fangen wir Apotheken sehr viel ab und werden von den Menschen kontaktiert.  

 

NL: Die Apothekerkammer wehrt sich strikt gegen Hausapotheken bei den niedergelassenen Ärzten. Warum?

Kobinger: Solche Hausapotheken sind in entlegenen, dünn besiedelten Gebieten durchaus sinnvoll und versorgungsrelevant. Sie sind eine ärztliche Notabgabestelle. Eine Ausweitung dieser ärztlichen Notabgabestellen für Medikamente würde aber ein funktionierendes System in Gefahr bringen. Es gibt in der EU insgesamt 1700 solche Notabgabestellen, davon allein 880 in Österreich. Wenn die Ärztekammer sagt, dass der Landarzt ohne Hausapotheke nicht leben kann, dann muss sie bei der Abgeltung für erbrachte Leistungen andere Honorare verlangen. Grundsätzlich möchte ich schon sagen, dass die Zusammenarbeit zwischen den praktischen Ärzten und Apotheken am Land gut funktioniert.

 

NL: Ohne Hausapotheken sind Arztstellen-Nachbesetzungen in ländlichen Regionen schon sehr schwierig. Geht das nicht auf Kosten der Menschen?

Kobinger: Die Gründe dafür sind andere. Es geht um Work-Life-Balance, Arbeitszeiten sowie Sport-, Freizeit- und Kulturangebote. Deswegen gehen viele junge Ärzte nicht mehr so gerne auf das Land.

 

NL: Inwieweit stellen Bestellungen über das Internet eine wirtschaftliche Bedrohung der Apotheken dar?

Kobinger: Im Bereich der rezeptfreien Arzneimittel haben wir aufgrund der Internet-Bestellungen ein sehr, sehr moderates Wachstum. Das knabbert uns den Deckungsbeitrag weg, den wir aber für unsere Dienste, für unsere Leistungen, für unser gut ausgebildetes Personal brauchen.  

 

Beitragsfoto: Sissi Furgler

 

Zur Person:

  • Seit 2002 ist der Grazer Apotheker Dr. Gerhard Kobinger Präsident der Apothekerkammer Steiermark, seit 2017 ist er Mitglied des Österreichischen Kammerpräsidiums.
  • In der Steiermark gibt es aktuell 202 Apotheken. Im Durchschnitt hat eine Apotheke zehn Mitarbeiter.
  • Die Frauenanteil der in den Apotheken beschäftigten Personen liegt bei 87 Prozent.

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