Im “Gewittersumpf”

In einem Expertenkommentar erklärt Alexander Podesser, Leiter der ZAMG Steiermark, warum die derzeitige Wetterlage die Steiermark fest im Griff hat.

Seit Ende April 2018 hat sich an unserem Wetter nur wenig geändert: Die Großwetterlage sorgt für nur geringe Luftdruckgegensätze über Mitteleuropa. Das bedeutet, dass die steuernden Tief- und Hochdruckgebiete weit weg von uns sind und die Höhenströmung nur schwach ausgebildet ist. Die Gewitterluft stammt von einem nahezu ortsstabilen Tiefdruckgebiet über der Iberischen Halbinsel, welches feuchte Luftmassen über dem bereits recht warmen Mittelmeer aufnimmt, zu uns bringt und sich über Gewitter ausregnet. Die schwach ausgeprägte Höhenströmung bewirkt zudem, dass sich die Unwetter nur langsam verlagern, oft sogar ortsstabil bleiben. Wir sprechen dabei von einer „gradientschwachen Lage“ oder auch einem sogenannten „Gewittersumpf“. Die Situation am 4. Juni 2018 in der Südoststeiermark war dafür typisch.

Radar-Komposit der Gewitterzelle vom 4.6.2018

Radar-Komposit für Montag, 4.6.2018, 17:00 Uhr: kräftige Gewitterzelle auf dem Weg nach Südosten. Bild: Podesser

Vorgeschichte

In Österreich sind wieder einmal vor allem die Steiermark und Kärnten, die beiden gewitterreichsten Bundesländer, von Blitz, Donner, Hagel und Starkregen betroffen. Dafür ist neben dem Gewittersumpf vor allem auch die Niederschlagsvorgeschichte verantwortlich.  Die vorangegangenen Regenereignisse haben die Böden bei uns weitgehend gesättigt, sie stellen ein zusätzliches, enormes Feuchtepotential dar. Die entstehenden Gewitter sind lokal begrenzt und kurzlebig, können aber sehr große Niederschlagsintensitäten aufweisen und damit großen Schaden anrichten.

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Alexander Podesser, Leiter der ZAMG Steiermark

Alexander Podesser, Leiter der ZAMG Steiermark. (Foto: mediendienst.com)

Ganz anders stellt sich die Situation nördlich des Alpenhauptkammes mit einem deutlichen Niederschlagsdefizit dar. Hier war es bisher extrem trocken, was man an der untenstehenden Graphik zur Gesamtniederschlagsmenge in Österreich ablesen kann. Zudem sorgt hier schwacher Hochdruckeinfluss für eher stabile Wetterverhältnisse.

Unterschiede in der Niederschlagsverteilung

Enorme Unterschiede in der Niederschlagsverteilung im Zeitraum des meteorologischen Frühlings zwischen 1. März und 31. Mai 2018

Nowcasting

Anders als bei Gewittern mit Luftmassenwechsel, etwa bei einer eindringenden Kaltfront, lassen sich derart kleinräumig auftretende Unwetter nur ganz schwer vorhersagen. Über die Gewitterindizes aus den numerischen, berechneten Wetterprognosen unterschiedlicher Wettermodelle, lässt sich das Gewitterpotential zwar gut abschätzen, wann und vor allem wo genau die Unwetter entstehen, lässt sich jedoch sogar wenige Stunden davor noch nicht genau eingrenzen. In so einem Fall kommt das sogenannte „Nowcasting“ zum Einsatz. Dabei werden aus einem Zusammenspiel aus Gewitter-Zellentracking, Stations- und Blitzdaten die Gewitterzugbahnen permanent analysiert. Somit können zumindest etwa 20 Minuten vor eintretenden Katastrophen noch Warnungen an die entsprechenden Bedarfsträger, insbesondere der Landeswarnzentrale und dem Landesfeuerwehrverband ausgegeben werden. Eine derartige Häufung an Unwettern mit Schadenspotential in der Steiermark gab es übrigens zuletzt im Sommer 2012, allerdings lag der Schwerpunkt damals eher in der Obersteiermark.

Beitragsbild: fotolia.com/Alik Mulikov Diesen Artikel drucken Diesen Artikel drucken

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