Weichberger

Erfolgsmodell gerät in Bedrängnis

von Karl Brodschneider

Die von den Bauern betriebenen Verkaufsautomaten und 24-Stunden-Läden boomen, sind aber den Handelsketten immer mehr ein Dorn im Auge.

 

Seit Beginn der Pandemie entdeckten viele Konsumenten „ihren Bauern ums Eck“. Sie kauften wieder vermehrt frische und saisonale Lebensmittel bei ihnen ein. Die Landwirte ihrerseits sprangen auf diesen Zug auf und verstärkten ihre Vermarktungsaktivitäten. Dabei setzen sie nicht nur auf Hofläden, sondern auch auf Verkaufsautomaten und Selbstbedienungs-Läden. Der Vorteil für die Konsumenten liegt klar auf der Hand. Sie können Lebensmittel rund um die Uhr erwerben – und das alles kontaktlos. Die angebotene Palette ist sehr groß und reicht von Fleisch- und Wurstwaren über Eier und Nudelprodukte bis hin zu Getränken, Brot und Gemüse.

Billa in Kärnten

Dem Lebensmittelhandel scheint das aber ein Dorn im Auge zu sein. Zum Beispiel hat Billa in Kärnten damit begonnen, eigene Mini-Selbstbedienungsläden einzurichten. Und im Burgenland wurde ein Gemüsebauer geklagt, weil er seine neun SB-Container rund um die Uhr offen hatte. In der losgetretenen Diskussion geht es seither um das Gewerberecht, um Öffnungszeiten und – im Hinblick auf Wein und Most – um das Jugendgesetz.

Die steirische Landwirtschaftskammer sieht die auch in der Steiermark angekündigte Ausbauwelle von Boxen und Kleinstläden großer Handelsketten kritisch. „Die heimischen Bäuerinnen und Bauern haben während der Corona-Pandemie aus der Not heraus – um die Bevölkerung sicher und kontaktlos mit regionalen Lebensmitteln zu versorgen – die kleinen Selbstbedienungsläden erfunden. Es ist nicht einzusehen, dass diese Innovation und dieses mittlerweile sehr beliebte Nahversorgungsmodell von potenten Handelskonzernen kopiert und damit letztlich gefährdet wird“, zeigt sich Präsident Franz Titschenbacher besorgt.

Brief an Gemeinden

Franz Titschenbacher

Präsident Franz Titschenbacher und Kammerdirektor Werner Brugner wandten sich in einem offenen Brief an alle 287 steirischen Bürgermeister und Bürgermeisterinnen.

In einem Schreiben an alle steirischen Gemeinden wandte sich Titschenbacher persönlich an die Bürgermeister und Bürgermeisterinnen. Er bat sie, sich bei diesbezüglich notwendigen Entscheidungen, die in ihrem Wirkungsbereich liegen, auf die Seite der Bauern zu schlagen. Auch Kammerdirektor Werner Brugner ist beunruhigt. „Es ist zu befürchten, dass durch die ohnehin schon überbordende Marktmacht der Handelsriesen der Preisdruck zum Schaden der Bauern zusätzlich verschärft wird, sollten diese auch noch zusätzlich kleine Boxen und Miniläden mit Direktvermarktungsprodukten betreiben“, erläutert er. Große Unsicherheit besteht auch darin, ob die bäuerlichen Direktvermarkter in solchen Handelsketten-Läden überhaupt dauerhaft gelistet bleiben. Brugner dazu: „Durch unser offensives Zugehen auf die Bürgermeister will die Landwirtschaftskammer mögliche Standorte von Selbstbedienungsläden für die bäuerlichen Direktvermarkter sichern. Und es geht darum, dass durch bäuerliche Innovationen die Höfe abgesichert werden können.“

Aus Sicht der Landwirtschaftskammer ist es unstrittig, dass der Verkauf von bäuerlichen Produkten in SB-Läden im Namen und auf Rechnung des Produzenten nicht der Gewerbeordnung unterliegt. Somit kommt das Öffnungszeitengesetz nicht zur Anwendung. Dieses Gesetz gilt ausschließlich für Gewerbebetriebe. Jeder produzierende Landwirt darf seine selbst erzeugten Produkte verkaufen. Bei den in Selbstbedienungsläden angebotenen Produkten handelt es sich nicht um Zukaufprodukte, sondern um bäuerliche Erzeugnisse, die direkt vom jeweiligen Produzenten zum Kauf angeboten werden.

Musterbeispiel

Ein musterhafter Selbstbedienungsladen ist erst vor kurzem in Ilz in Betrieb gegangen und hat täglich von 5 bis 23 Uhr offen. 40 oststeirische Bauern bieten hier über 800 verschiedene Produkte an. Mittels einer SB-Registrierkasse kann jeder Einkauf entweder mit Kreditkarte oder auch per Barbezahlung ganz einfach erledigt werden. Deren Sprecher, Franz Kober, ist vom Interesse der Bevölkerung überwältigt und sagt: „Die Konsumenten wollen Produkte direkt vom Bauern. Davon profitieren hier alle.“

 

Beitragsfotos: NL, LK

 

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