Weichberger

„Direkter Draht zum Wohlbefinden“

von Karl Brodschneider

Bernd Chibici über sein neues Buch „Alles nicht genug“, das sich mit einer schweren Zeit für die Zufriedenheit auseinandersetzt.

NEUES LAND: Warum ist die Unzufriedenheit für Sie zu einem so wichtigen Thema geworden?

Bernd Chibici: Weil wir sie rundum förmlich spüren können. Im täglichen Miteinander wird drauf los genörgelt wie nie zuvor und speziell Menschen, die in verschiedensten Institutionen mit großem Engagement unsere Interessen vertreten, kommen permanent unter die Räder der Kritik. Besonders gnadenlos sind wir aber vor allem zu uns selbst. Immer mehr Menschen quälen sich durch Hungerkuren, Fitnessprogramme und Schönheitschirurgie, weil sie merkwürdigen Idealbildern nachhecheln.  

NL: Wie groß ist denn die allgemeine Unzufriedenheit?

Chibici: Man kann davon ausgehen, dass zwischen einem Drittel und der Hälfte der Menschen mit ihrem Leben wenig bis gar nicht zufrieden sind. Ein großes Problem in diesem Zusammenhang sind die ungenauen Messmethoden. Die Forschung setzt vorwiegend auf Selbsteinschätzung – und die funktioniert bei diesem Thema nicht wirklich gut.  

NL: Unter was hat denn die Zufriedenheit Ihrer Meinung nach besonders zu leiden?

Chibici: Erstens unter der Fehleinschätzung, dass Wohlstand der entscheidende Faktor dafür sei. Der Einfluss materieller Güter auf die Zufriedenheit reicht nur bis zu einem Niveau der gehobenen Existenzsicherung. Das hatten wir bereits in den 1970er Jahren erreicht. Nun können all die großen sozialen, technischen und sonstigen Errungenschaften wenig bis gar nichts zu unserer Zufriedenheit beitragen. Zweitens beschäftigen wir uns viel zu wenig mit dem Thema Zufriedenheit und verwechseln ständig die Begriffe Zufriedenheit und Glück.

NL: Wie definiert man den Unterschied?

Chibici: Glück beschreibt – und darin ist sich die Fachwelt einig – nur die Superlative der positiven Lebensgefühle, die uns nur in ganz besonderen Momenten gegönnt ist. Zufrieden können wir hingegen ein ganzes Leben lang sein. Aus der Verwechslung entstehen völlig falsche Erwartungshaltungen.

NL: Welche Spuren in Sachen Zufriedenheit führen denn in Richtung ländlicher Raum und Landwirtschaft?

Chibici: Vor allem die Tatsache, dass soziale Beziehungen eine Schlüsselrolle für Zufriedenheit spielen. Und die gelingen im ländlichen Raum erheblich besser als anderswo. Die Familie hat noch einen viel größeren Stellenwert und auch die Gemeinschaft funktioniert sehr gut. Außerdem haben manche Lebensmittel einen direkten Draht in die Zentren des Wohlbefindens. So dürfen sich Produzenten von Obst und Gemüse über die Ergebnisse eines internationalen Forschungs-Großprojektes der University of Warwick in Großbritannien freuen. Dabei zeigte sich, dass der tägliche Verzehr von acht Portionen Obst und Gemüse deutlich positive und schnell spürbare, positive Auswirkungen auf die menschliche Psyche hat.

NL: Die Menschen in der Landwirtschaft sind allerdings auch durch den Klimawandel und Märkte, die verrückt spielen, großer Unzufriedenheit ausgeliefert…

Chibici: …aber die meisten von ihnen schaffen es, diese großen Herausforderungen zu bewältigen, sich immer wieder neu zu motivieren. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass sie sich auf ihre wichtigsten Quellen der Zufriedenheit – eben Familien und soziales Umfeld – verlassen können.

 

Zur Person

Bernd Chibici führt ein Unternehmen für Medien- und Kommunikationsberatung (iii-media) in Graz und war lange Zeit als Journalist tätig. Von 2014 bis Ende 2018 war er Chefredakteur von NEUES LAND. Er ist Autor von weiteren Büchern wie zum Beispiel „Die Macht der Story: Zwischen Fakten und Fiktion“, „Die Lärmspirale“, „Alle reden, keiner hört zu“ und „Auf Wiederhören“. Sein neuestes Buch „Alles nicht genug“ ist in der Edition Kleine Zeitung erschienen . Das Buch (ISBN 978-3-903323-01-8) kostet im Verkauf 19,90 Euro.

Beitragsbild: Privat

 

 

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