Wenn der Druck zu groß wird

Stress ist in der Landwirtschaft bereits allgegenwärtig. Er macht sich psychisch und körperlich bemerkbar. Bewusste Auszeiten, Sport und Freizeitaktivitäten entlasten.

Nur knapp zehn Prozent von 919 befragten steirischen Bäuerinnen und Bauern fühlen sich nicht gestresst. So lautet das Ergebnis einer Studie von SVB-Sicherheitsexperte Andreas Strempfl. Er hatte 2012 das Thema Stress, Ursachen und Bewältigung in bäuerlichen Familien untersucht. Mehr als die Hälfte der Befragten war der Meinung, dass die psychischen Belastungen in der Landwirtschaft gestiegen sind, 16 Prozent sprachen von einer starken Zunahme.

Das deckt sich mit den Erfahrungswerten von Karl Payer, dem Leiter einer psychiatrischen Station im LKH Graz-Südwest. „Der Berufsstand der Bauern ist bei uns auf der Station stark vertreten“, sagt Payer, der selbst Nebenerwerbslandwirt ist. Die Gründe sind für ihn vielschichtig: Alt und Jung leben in enger Gemeinschaft, das birgt Konfliktpotenzial und besondere Belastungen, wenn es etwa um die häusliche Pflege von Angehörigen geht. Berufs- und Privatleben sind intensiv miteinander verschränkt. Veränderungen fordern Bauern ständig aufs Neue – die unsichere Marktsituation, hohe Auflagen, technische Neuerungen, Investitionen, Wetterkapriolen.

Belastungsspitze

„Hohe Verantwortung“ kristallisierte sich in der Studie von Strempfl als größter Belastungsfaktor für Bäuerinnen und Bauern heraus. „Damit ist die hohe Verantwortung in Bezug auf die Erhaltung der Familie und des Betriebes sowie die Verantwortung gegenüber dem Konsumenten – Stichwort Produktsicherheit – gemeint“, sagt er. Zeitnot, Termindruck und viele Arbeitsspitzen sind weitere Faktoren.

Die Belastung macht sich psychisch und körperlich bemerkbar, wie schon der Volksmund weiß: Etwas liegt im Magen oder geht an die Nieren, man zerbricht sich den Kopf und hat viel um die Ohren. Die Gedanken kreisen ständig sorgenvoll um ein Thema, es treten vermehrt Schlafstörungen auf, Infekte kommen gehäuft vor, man ermüdet rasch und kann sich nicht entspannen, man fühlt sich unproduktiv, hat keinen Appetit und überschreitet ständig die Grenzen der körperlichen Belastbarkeit – dies alles sind laut Payer Alarmsignale bei Überforderung. Eine direkte Folge: Unfälle und Verletzungen häufen sich.

Auszeiten und Urlaub hält Payer in der Stressbewältigung für essenziell, „es ist darüber hinaus wichtig, Hilfe annehmen zu können“. Aktivitäten in Vereinen, soziales Engagement und Hobbys unterstützen die Work-Life-Balance. Strempfls Studie ergab zudem, dass jene, die viel Sport treiben, sich weniger beansprucht und erholter fühlen. Entspannungsübungen im Alltag wirken sich ebenfalls positiv aus. Payer rät zudem zu eigenen Lebensbereichen für Alt und Jung im Mehrgenerationenhaus und rechtlich geklärten Verhältnissen etwa in Sachen Hofübergabe.

Lebenskrisen sieht der Psychiater und Psychotherapeut auch positiv: „Sie zwingen den Betroffenen dazu, sich intensiv mit sich selbst zu beschäftigen und eröffnen die Möglichkeit, gestärkt aus der Krise hervorzugehen.“

Stressfaktoren

Die Top Ten laut der Studie von Andreas Strempfl: hohe Verantwortung, Zeitnot, Termindruck, viele Arbeitsspitzen, Wetterabhängigkeit, lange Arbeitszeiten, wenig Freizeit, Routine und körperliche Anstrengung.

Foto: fotolia.com/grafikplusfotott

 

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