Die Lehren aus dem Blick zurück

Nach schweren Zeiten im Apfelland Steiermark stehen große Umbrüche bevor, deren Sinn besser verständlich ist, wenn man in die – aufregende – Vergangenheit schaut.

Eigentlich hätte der Obstbau in der Steiermark, der ja bekanntlich ganz stark vom Apfel geprägt ist, heuer einen Grund zum Feiern. Seit 60 Jahren gibt es den Verband der Steirischen Erwerbsobstbauern, der Großes für die Branche geleistet hat und stark dazu beigetragen hat, dass man die Grüne Mark auch weit über unsere Grenzen hinaus als Apfelland kennt und schätzt. Aber nach Festlichkeiten ist niemandem zu Mute, weil die Branche schwere Zeiten zu bewältigen hat.

Und doch lohnt sich der Blick zurück, der – wie so vieles in der Steiermark – auch zu Erzherzog Johann führt. Er verschaffte damals der Apfeltradition im Lande mit zahlreichen Ideen und Aktivitäten frischen Wind und beschaffte auch neue Apfelsorten. Über seine Initiative wurde zum Beispiel im Jahr 1833 ein Versuchshof in der Grazer Annenstraße errichtet, die heute mitten in der City liegt.

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Verband

Die Gründung des ersten Obstbauvereines im Lande im Jahr 1889 – er war im Bezirk Graz-Umgebung zu Hause – konnte der Erzherzog nicht mehr erleben. Aber damit begann man erstmals für den Obstbau jene organisatorische Basis zu schaffen, von der man mittlerweile weiß, dass sie eine entscheidende Rolle spielt. Schließlich entstand 1958 im Zuge der zahlreichen agrarischen Neustrukturierungen in den 1950er Jahren der „Verband Steirischer Erwerbsobstbauern“ unter Gründungsobmann Fritz König.

Wolfgang Mazelle, als Leiter der Obstbauabteilung der Landwirtschaftskammer (LK) Steiermark und Geschäftsführer des Verbandes ein wahres Urgestein der Branche, betrat diese Bühne erstmals im Jahr 1982. Damals begann der studierte Biologe im Alter von 27 Jahren seine Tätigkeit als Obstbauberater in der Landwirtschaftskammer. Sein Horizont reicht also weit zurück, sein Erfahrungsschatz ist groß.

Wolfgang Mazelle

Wolfgang Mazelle, Obstbaudirektor der LK Steiermark

Mazelle zunächst einmal mit einer aktuellen Analyse: „Ich sehe drei große Problembereiche. Erstens haben wir EU-weit seit längerem eine deutliche Überversorgung an Äpfeln. Zweitens gibt es in Österreich eine problematische Situation für die Erzeugerpreise, die sich einerseits aus der Konzentration der Handelsbetriebe in unserem Land und andererseits aus der Vielzahl an Anbietern ergibt. Drittens verschärft der Zuwachs der Produktion in Osteuropa die Situation noch deutlich. Damit wird auch sicher noch einiges auf uns zukommen.”

Die Wurzeln

Mazelle weiß, dass die Wurzeln der heutigen Schwierigkeiten tief sind und blickt zurück: „In den 1970er Jahren gab’s noch einen Nachfragemarkt mit einer richtigen Aufbruchsstimmung. Mit Steigerung der Erntemengen kündigten sich erste Absatzprobleme an – besonders krass war das Jahr 1982, an das ich mich noch gut erinnern kann. Mit durchschnittlichen Auszahlungspreisen von etwas mehr als zwei Schilling pro Kilogramm Äpfel, war es ein extrem schlechtes Jahr für die Bauern.  Eines, das es in dieser Form noch nicht gegeben hat.“

Auch andere Entwicklungen machten es den Apfelbauern immer schwerer: Es kam zu einer immer stärkeren Konzentration des Lebensmittelhandels – mit der Konsequenz, dass aktuell drei große Ketten mehr als 85 Prozent der Branche beherrschen und eine enorme Marktmacht haben. Ihnen gegenüber stehen drei Erzeugerorganisationen. Und sie vertreten nur etwa die Hälfte der Landwirte, weil viele auf andere Vermarktungswege und eigene Handelskontakte setzen. Was noch mehr Konkurrenz im eigenen Land schafft.

Auch all das lässt sich, so Mazelle, historisch erklären: „In den 1970er Jahren wurden die ersten Absatzgemeinschaften gegründet, in denen Bauern und private Vermarkter kooperierten. Rund um die Vermarktungsbetriebe organisierten sich die Obstbauern – Lager und Sortieranlagen wurden gebaut – Produzenten und Vermarkter arbeiteten eng zusammen. Mit der Gründung einer Erzeugerorganisation wurden die Bemühungen zur Bündelung des Angebotes weiter vorangetrieben. Die derzeitige Vermarktungsstruktur in der Steiermark ist dennoch sehr heterogen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil viele Bauern sich nicht in die Bindung zu einer großen Organisation begeben wollen.“

International

Schließlich stand das Apfelland Steiermark mit dem EU-Beitritt Österreichs im Jahr 1995 vor ganz neuen Herausforderungen. Der Obstbauexperte: „Der Importschutz gegen ausländische Ware fiel, gleichzeitig stiegen die Absatzchancen im Ausland. Wachsen oder Weichen war die Devise. Dies zog eine Veränderung im Obstbausortiment, eine Ausweitung der Anbauflächen und eine weitere Erhöhung der Produktionsmengen nach sich. Die zunehmende Technisierung und Professionalisierung führten zu einer Steigerung der Hektarerträge, um bei sinkenden Erzeugerpreisen noch einen Gewinn zu erwirtschaften. Traditionelle steirische Frühsorten konnten mit Importen aus südlichen Ländern nicht konkurrieren und wurden durch leistungsstarke Sorten ersetzt.“ So reagierte man auf eine Marktsättigung mit einer Steigerung der Produktionsmengen. Damit ging die Notwendigkeit von Exporten einher.

Für weitere Brisanz sorgte schließlich die EU-Osterweiterung im Jahr 2004. Mazelle: „Seit damals schaffte es Polen, seine Produktion stark auszuweiten – natürlich auch mit westlichem Wissen und mit EU-Fördergeldern. Das verschärfte die Situation am europäischen Markt deutlich und wird uns auch in Zukunft noch stark beschäftigen.“

Familienbetriebe

Eine wichtige Rolle bei all den großen Umbrüchen spielte – so meint Mazelle – die steirische Besonderheit der Familienbetriebe. Sie schufen in schlechten Jahren immer das, was der Experte eine „Pufferkapazität“ nennt. Durch noch höheren Arbeitseinsatz und noch mehr familiären Zusammenhalt konnte vieles bewältigt und die Existenz der Betriebe gesichert werden.

„Alles hat Grenzen“, sagt Mazelle heute. „Die Flächenstruktur der Steiermark ermöglicht keine Betriebe mit hunderten von Hektar. Mit Billiglohnländern zu konkurrieren, ist praktisch unmöglich. Auch die Ertragsleistung ist am Limit. Besonders bei Qualitäts- und Geschmacksaspekten.“ Nicht nur deshalb muss sich das Apfelland Steiermark in nächster Zeit großen Herausforderungen stellen. Es geht auch um die drohenden Risiken des Klimawandels, um die Wünsche der Kunden von morgen und möglicher Weise auch schmerzhafte Abschiede.

Nächste Folge: Welche Apfelsorten haben Zukunft in der Steiermark?

Beitragsbild: Tag des Apfels 1986 am Hauptplatz in Graz. Mit der noch jungen Marke „frisch, saftig, steirisch“ wurden Bemühungen im Marketing vorangetrieben, um auf die erste nationale Sättigung des Marktes zu reagieren. Foto: Mazelle

 

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