Blüte mit bedrohter Zukunft

von Robert Matzer

Der steirische Holunder kommt durch diverse Entwicklungen immer stärker unter Druck. Viele Betriebe suchen nach Alternativen.

Der steirische Holunder war bisher zweifelsohne eine Erfolgsgeschichte. Als die schwarze Johannisbeere in den 1980er Jahren durch Billigimporte aus Osteuropa immer stärker unter Druck geriet, war es der Holunder, der danach vielen steirischen Familienbetrieben ein stabiles Einkommen sicherte. Vor allem der Bedarf an natürlichen Farbstoffen für die Lebensmittelindustrie und die effiziente Arbeit der Beerenobstgenossenschaft trugen zu dieser guten Situation bei. Doch seit Anfang des Jahres ist die Stimmung bei den Produzenten stark gedämpft.

Osteuropa

Obstbauer Thomas Reiter

Obstbauer Thomas Reiter. Foto: Inbild/Anna Pailer

Thomas Reiter aus Gleisdorf, Obstbauer und Vorstandsmitglied der Genossenschaft, erklärt die mehrfach schwierige Situation: „Einerseits haben wir seit einigen Jahren wetterbedingt vermehrt Schwierigkeiten. Sowohl Trockenheit als auch zu viel Niederschlag stellen ein Problem dar, ebenso Hagelereignisse und in den letzten Jahren zunehmend die Kirschessigfliege. Dadurch wurden Ernteausfälle verursacht, weshalb wir langfristige Lieferverträge leider nicht einhalten konnten.“ Einzig der Frost ist für die Holunderbauern nicht das große Problem, da die Kultur erst nach den Eisheiligen blüht. Doch nicht nur die ohnehin schwierigen Produktionsbedingungen, sondern auch der internationale Markt macht den Bauern zu schaffen. „Parallel dazu wurde die Konkurrenz in Osteuropa immer stärker, vor allem durch Anbauförderungen in Ungarn. Durch diese gesteigerten Produktionsmengen geriet der Markt zunehmend unter Druck“, so Reiter weiter. Was das bedeutet, dürfte den meisten Landwirten klar sein: schlechtere Erzeugerpreise.

Abnahme reduziert

Das Überangebot wirkt sich aber auf die gesamte Branche aus. Die Kunden der Beerenobstgenossenschaft kommen beispielsweise bei der Produktion von Farbstoffen oder Säften ebenfalls finanziell unter Druck. Dies führte schließlich dazu, dass Abnahmeverträge nicht verlängert wurden und nun von allen Mitgliedern der Genossenschaft nur noch etwa drei Viertel der Produktionsmenge fix abgenommen werden können. Parallel wird natürlich an möglichen Alternativen gearbeitet. So können voraussichtlich kurzfristig zusätzliche Kunden beliefert und auch die Holunderblütenernte ausgeweitet werden. Die Bauern erwarten sich dafür aber nicht das Preisniveau des Vorjahres.

Selbst ernten

Für Manuela Leiner aus Wolfgruben kam die Nachricht der verminderten Anlieferungsmengen völlig unerwartet. Die Familie bewirtschaftet acht Hektar Holunder im Nebenerwerb und ist nun deutlich verunsichert. Manuela Leiner gibt einen Einblick in ihre Situation: „Bisher konnten wir mit unserer Betriebsgröße ein akzeptables Zusatzeinkommen erwirtschaften. Durch die aktuelle Problemsituation und die gestiegenen Einheitswerte wird sich das mittelfristig nicht mehr rentieren. Das wäre wirklich schade, denn wir haben schöne und noch junge Anlagen, eine gute Qualität und vor allem richtige Freude mit unserem Holunder.“

Manuela Leiner mit ihrer Familie in einem Holunderfeld

Manuela Leiner aus Wolfgruben (Mitte) möchte mit ihrer Familie in Zukunft verstärkt auf die Direktvermarktung von Holunderblüten setzen. Foto: Leiner

Deshalb möchte sich die dreifache Mutter nicht mit dieser Situation abfinden und startet mit ihrem Mann Martin eine Aktion zur Direktvermarktung von Holunderblüten. Seit vergangenem Sonntag können Kunden nun die beliebten weißen Blüten selbst ernten. Zusätzlich möchte sie eine kleine aber feine Produktlinie zum Thema Holunder aufbauen und hat dafür auch schon das Kursangebot von Landwirtschaftskammer und LFI Steiermark genutzt. Mit dieser Aktion stößt die begeisterte Holunderbäuerin offensichtlich auf reges Interesse. Leiner weiter: „Die Resonanz bei unserer Auftaktveranstaltung war überraschend groß. Viele Leute haben uns besucht und auch gleich die ersten Blüten geerntet. Der Koch des Altersheims Gleisdorf war ebenfalls sofort begeistert von diesem Angebot.“ Gestärkt durch dieses Feedback möchte sie nun weitere Veranstaltungen planen und versuchen, die lokale Gastronomie für ihre Produkte zu begeistern. Auch der Onlinehandel könnte für sie in Zukunft eine Option sein.

 

Der Farbstoff

Die Beeren des Schwarzen Holunders enthalten den violetten Farbstoff Sambicyanin, der sich überwiegend in den Schalen befindet. Während früher damit Haare und Leder gefärbt wurden, nimmt der Farbstoff heute eine tragende Rolle in der Lebensmittelindustrie ein. Künstliche Farbstoffe gerieten immer wieder in Verdacht bei Kindern Hyperaktivität auszulösen – natürliche Färbemittel dagegen gelten als unproblematisch. Der Farbstoff muss seit einer 2009 erlassenen EU-Verordnung nicht mit einer „E-Nummer“ gekennzeichnet werden. Für die Gesundheit: Das Flavonoid aus dem Holunder soll sogar als Radikalfänger das Risiko von Herz-/Kreislauferkrankungen und Krebs senken.

Beitragsbild: Johanna Mühlbauer – stock.adobe.com

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