„Kulturthema von  großer Bedeutung“

Direktorin Maria Reissner im NEUES LAND-Interview zum 70-Jahr-Jubiläum Fachschule Schloss Feistritz-St. Martin über Lebens-, Heirats- und andere Pläne.

NEUES LAND: Drehen wir die Uhren um sieben Jahrzehnte zurück – warum wurde ihre Schule damals gegründet?

Maria Reissner: Nach dem Zweiten Weltkrieg war es unbedingt notwendig, Mädchen aus dem ländlichen Raum und aus bäuerlichen Familien die Möglichkeit einer guten Ausbildung und damit auch einer Perspektive anzubieten. Das ist hervorragend gelungen, unsere Schule darf stolz sein auf viele Absolventinnen, die alle ihren Platz in verschiedensten Aufgaben gefunden haben. In ihren Familien, ihren Betrieben, Studien, Berufen oder sonst wo.

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NL: Der Begriff „die Feistritzerinnen“ ist ein Markenzeichen geworden, er strahlt besonderes Selbstbewusstsein aus. Aber mittlerweile gibt’s ja auch die jungen Feistritzer in der Schule – wie bewährt sich das?

Reissner:  Die Burschen sind eine kleine, aber wichtige Gruppe. Fast alle von ihnen haben ein klares Ziel, das sie konsequent verfolgen. Interessanter Weise wollen die meisten Köche werden, einige zieht es auch in soziale Aufgaben.

NL: Und wie sehen die beruflichen Lebenspläne der Mädchen an der Fachschule für Land- und Ernährungswirtschaft aus?

Reissner: Die sind so vielfältig wie das Berufslexikon, reichen von Restaurantfachfrau, Augenoptikerin und Buchhalterin bis zur Höheren Schule oder der Berufsreifeprüfung. Schwerpunkte bilden die Bereiche Tourismus, Gesundheit und Soziales.

NL: Können sich bei Ihnen viele Mädchen vorstellen, auch Bäuerin zu werden?

Reissner: Wir hatten in den letzten fünf Jahren nur eine Einzige, die das für sich ausgeschlossen hat. Die Mädchen sind offen dafür, aber wollen sich verständlicher Weise in diesem Alter noch nicht festlegen.

NL: Bleiben wir beim Thema – wie stehen Sie dem TV-Format „Bauer sucht Frau“ gegenüber?

Reissner: Obwohl das fast immer sehr sympathische junge Menschen sind, finde ich es meist zum Fremdschämen. Mich stört das Exhibitionistische daran. Aber wir müssen uns den Fragen dazu ernsthaft stellen, denn die gesuchten jungen Frauen haben oft Ängste, die durchaus berechtigt und verständlich sind.

NL: Bäuerinnen spielen immer öfter tragende Rollen auf den steirischen Höfen. Was verändert sich damit aus ihrer Erfahrung in der Landwirtschaft?

Reissner: Mir selbst gefällt sehr gut, dass sie nicht über die Rechenschiene an alles herangehen und mehr als die Kennzahlen und den Maschinenpark im Auge haben. Sie trauen sich was und probieren die Dinge halt einmal – oft mit überraschenden Erfolgen.

NL: Mit all dem ist allerdings sehr oft auch Überlastung verbunden…

Reissner: In Wahrheit hängt natürlich meist zu viel an den Bäuerinnen. Aber immer mehr von ihnen sagen mittlerweile, dass es so nicht weitergehen kann und dass sie aus dem Hamsterrad, das sich täglich immer schneller dreht, zumindest für ein paar Stunden herausfinden möchten. Wir arbeiten dazu gerade an einem spannenden Projekt: Mit einer entsprechenden Dienstleistung könnten eventuell Absolventinnen unserer Schule ein Standbein finden.

NL: Hat das Thema Hauswirtschaft noch die Höhe der Zeit?

Reissner: Mehr denn je! Es handelt sich um ein Kulturthema von großer Bedeutung. Es würde manches in unserer Gesellschaft nicht so im Argen liegen, wenn Hauswirtschaft – mit Messer und Gabel Essen können, Speisen richtig zubereiten, Feste gestalten – einen höheren Stellenwert hätte.

Zur Person

Direktorin Maria Reissner unterrichtet an der Fachschule für Land- und Ernährungswirtschaft Schloss Feistritz-St. Martin Persönlichkeitsbildung, Berufsorientierung, Psychologie und Italienisch. Reissner ist seit dem Jahr 2002 Schulleiterin, zuerst war sie am Grabnerhof tätig, seit fünf Jahren führt sie auf Schloss Feistritz pädagogische Regie.

Beitragsbild: Kevin Geissner

 

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