Widerstandsgruppe Ausseerland

Die Widerstandsgruppe im Ausseerland agierte im Salzkammergut, half Verfolgten, kooperierte mit den Alliierten und trug 1945 wesentlich zur Rettung der Kunstschätze im Salzbergwerk Altaussee bei.

von NEUES LAND

Am 13. März 1938 übernahmen die Nationalsozialisten die Macht in Österreich. Tausende jubelten den neuen Machthabern zu, in der Hoffnung, die wirtschaftliche Not würde nun ein Ende haben. Für viele andere bedeutete der Machtwechsel Gefängnis, Folter, Konzentrationslager und Tod.

Um ihren Machtapparat mit „verlässlichen“ Beamten aufzubauen, wurde die Exekutive sofort unter die Befehlsgewalt der Partei gestellt. In Graz wurden ganze Wachzimmer-Mannschaften ausgetauscht. Überall wurden Gendarmen und Polizisten, die seit dem Juni 1933 die in Österreich illegale NSDAP bekämpft hatten, gefangengesetzt und danach zuweilen mit halben Bezügen in Pension geschickt. „Die Umbruchtage waren das Schlimmste, was jemals über uns hereingebrochen ist“, erklärte ein ehemaliger Gendarmeriebeamter. „Kein anderer Berufsstand wurde so hart verfolgt wie die Gendarmerie und die Polizei.“

Ein zutiefst Betroffener war der Revierinspektor Valentin Tarra vom Posten Bad Aussee. Mitsamt seiner Frau war er von den Nazis inhaftiert worden. Seine Frau war bis Ende Mai 1938 im Gefängnis und er bis zum Februar 1940. Tarra musste neben der Haft im Kreisgefängnis Leoben fünf schwere Verhandlungstage vor Gericht bestehen. Die Anklage berief sich auf Aussagen von Zeugen, durchwegs Nationalsozialisten, die Tarra ein „Schreckensregiment“ gegen die Naziszene von Bad Aussee bescheinigten. Seine Verantwortung, Sicherheitsdirektor Zelburg hätte ihn in einem persönlichen Gespräch gebeten, hart gegen die NS-Szene vorzugehen, weil das Ausseerland die beste österreichische Fremdenverkehrsregion war und die Sommerfrischler nicht mit nächtlichen Papierböller-Explosionen vertrieben werden sollten, ließen die Richter nicht gelten.

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis wollte Tarra wieder nach Bad Aussee zurückkehren, doch es kam anders. Ein Bote überbrachte ihm einen Brief des NS-Ortsgruppenleiters, sein Aufenthalt sei in Aussee unerwünscht und er müsste auswandern. Tarra zog daher zu seinem Elternhaus nach Spital am Semmering aus und wurde nach einigen Wochen wieder in den Gendarmeriedienst aufgenommen.

Tarra hielt heimlich mit einigen Ausseer Kameraden die Verbindung aufrecht. So erfuhr er auch bald von einer Gruppe Widerstandskämpfer unter den Salinenarbeitern im Ausseerland und schloss sich ihnen an. Im Winter 1944/45 konnte Tarra mehrmals nach Bad Aussee kommen, um sich über Pläne der Kameraden im Widerstand zu informieren. Dabei erfuhr er von einer „streng geheimen Kommandosache“, nämlich von der Einlagerung wertvoller Kunstschätze unter dem Sandlingberg und anderen Salzbergen, wo man große Hallen im Berg mit Eichenholz ausgepölzt hatte.

Ab dem Sommer 1943, als der Luftkrieg Wien erreicht hatte, lagerten die Nazis in den aufgelassenen Salzkavernen, in Kisten verpackt, Gemälde, Glas, Porzellan etc. von unschätzbarem Wert ein, unter anderem das berühmte Porträt „Mona Lisa“ und die österreichische Kaiserkrone. Da dieses Projekt nur unter der Mithilfe von lokalen Arbeitern gelingen konnte, die hin und wieder eine Kiste heimlich öffneten, erfuhr bald ganz Aussee, was dort in den Bergen vor sich ging.

Um Ostern 1945, als das Kriegsende absehbar war, verlegte Tarra heimlich seinen Wohnsitz nach Aussee, wo er sich im Haus eines Kameraden versteckte. Dort erfuhr er von einem absurden Vorhaben der Nazis: Einige Wochen zuvor waren große, besonders schwere Kisten angekommen. Den Arbeitern wurde erzählt, wertvolle Marmorplatten wären darin, was sie anfangs glaubten. Als gleich darauf Stromkabel in die Hallen, wohin die Kisten gekommen waren, verlegt wurden, wurden die Arbeiter misstrauisch. Wieder gelang es ihnen, eine dieser Kisten zu öffnen und sahen zu ihrer Überraschung darin eine Fliegerbombe, wohl in der Absicht, die Halle zu sprengen und die Kunstschätze zu vernichten. Den Arbeitern gelang es, die Bomben heimlich aus den Kisten zu entfernen und im Wald zu vergraben.

Dass diese Aktionen hochriskant waren, war wohl allen Widerstandskämpfern klar. Nicht weit weg von ihnen, in Altaussee, befand sich ein Büro der gefürchteten Gestapo, und in Mitterndorf lagerte eine kampferprobte Kompanie der SS. Der gefährlichste Tag war der 5. Mai 1945, drei Tage vor dem offiziellen Kriegsende, weil die Kämpfer im Morgengrauen die Macht in Bad Aussee übernahmen und die meisten Mitglieder der NS-Ortsgruppenleitung verhafteten. An diesem Tag, so erzählten Zeitzeugen, sollten die unterirdischen Hallen mit den Kunstschätzen gesprengt werden.

Die Kämpfer waren gut bewaffnet, wie reguläre Soldaten, aber mit rotweißroten Armbinden. Weitere Waffen beschafften sie sich bei der Entwaffnung durchziehender Heeresgruppen. Dabei erbeuteten sie Granatwerfer, MGs, Nahrungsvorräte, Benzinfässer  und sogar zwei Panzerspähwagen. Die größte Sorge galt der SS, denn sie hätte in einigen Stunden ankommen und „aufräumen“ können, doch sie bereitete sich auf ihren Abmarsch in Richtung Salzburg vor.

Große Aufregung gab es am 8. Mai, am Tag des offiziellen Kriegsendes. Die Ausseer hofften, die Engländer, die bereits Kärnten besetzt hatten, würden bald einmarschieren, doch sie kamen nicht. Die Spannung in diesen Tagen war unerhört. Alle wollten wissen, wann die Alliierten endlich kämen. Endlich, am Vormittag des 9. Mai, fuhr ein amerikanischer Jeep in Aussee ein und hielt bei der Leitgeb-Schmiede, die zu jener Zeit ein Notlazarett war. Sofort liefen so viele Ausseer, vor allem Kinder, auf ihn zu und umringten ihn, dass er gar nicht hätte weiterfahren können.

Ein amerikanischer Unteroffizier darin wartete, bis Tarra mit seinen Kameraden kam und ihm die Lage in Aussee schilderte. Tarra äußerte ihm die Sorge der Ausseer, die Russen könnten bald auftauchen. Nach Mittag erschien eine Vorausabteilung der Amerikaner, und Tarra konnte den schwierigsten Teil seiner Verantwortung abgeben. Ein amerikanischer Offizier lobte die Ausseer Kämpfer, die es geschickt verstanden hatten, das ganze Ausseerland aus allen Kämpfen herauszuhalten und Chaos und Plünderungen zu verhindern.

Dazu der Kommentar des Landesgendarmerie-Kommandanten Major Franz Zenz: „Ein überwältigendes, einmaliges Beispiel an Tapferkeit, Hingabe, Opfermut und Zielstrebigkeit lieferte die Widerstandsbewegung Bad-Aussee unter der Oberleitung des jetzigen Nationalrates Gaiswinkler und […] Gend.Majors Valentin Tarra und mehrerer weiterer Gend.Beamten, die eine achtungsgebietende Stärke erreichte und durch Glück und Wagemut begünstigt einen ungeheuren Enderfolg zeitigte, der auch den Siegermächten Achtung und Anerkennung abnötigte …“

Im Jahr 1949 ging Valentin Tarra, vielfach geehrt, in Pension, die er noch bis zu seinem Ableben im Jahr 1980 genießen durfte.

Autor: Herbert Blatnik

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