Wenn zwei immer einer Meinung sind, ist einer von ihnen überflüssig

von NEUES LAND

Letztlich kommt es auf die Übersetzung an! So hat Winston Churchill ein leidenschaftliches Plädoyer für ein Denken jenseits vom dem, was ohnehin alle meinen, formuliert.

Im September 1950 kam der erste deutsche Nachkriegspräsident Theodor Heuss zur Einweihung des Neubaus jenes Gymnasiums in Heilbronn, das er als Schüler seinerzeit selbst besucht hatte und das nun nach ihm benannt wurde. Wie so oft – und auch so notwendig in diesen Jahren – sprach Heuss über die Bedeutung von Demokratie und Bildung, vor allem wie sehr das eine das jeweils andere bedingt: „Es gibt drei Hügel, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Capitol in Rom. Aus allen ist das Abendland geistig gewirkt, und alle drei muss man als Einheit sehen.“

Was Heuss damals sagen wollte, war für die meisten Menschen seiner Zeit nicht schwer zu verstehen. Mit Golgatha erinnerte er an die Wirkkraft des Christentums, an dessen Idee, von der Einzigartigkeit jedes Menschen – „Personsprinzip“ – und seiner unteilbaren Würde sowie an die Beheimatung in einem religiösen Selbstverständnis. Die Akropolis wiederum stand und steht bis heute für Freiheit des Denkens und für die Kraft des Dialogs, haben doch sowohl die europäische Demokratie wie auch die abendländische Philosophie von Griechenland aus ihren – wenn auch oft unterbrochenen – Siegeszug genommen. Und das Capitol in Rom verkörpert in der Geschichte kodifiziertes Recht und ein verlässliches Staatswesen.

Nicht, dass mit diesen drei Wurzeln alles seinen rechten Lauf genommen hätte. Das Christentum hat, vor allem nachdem es römische Staatsreligion geworden ist, eine blutige Spur der Verwüstung hinterlassen. In der griechischen Demokratie hatte nur eine Minderheit die Möglichkeit, sich an den Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Und auch die Geschichte des römischen Rechts war immer zugleich eine Geschichte des ständigen Rechtsbruchs. Das wusste auch Heuss, doch unser Kontinent wurde von diesen drei Hügeln aus auf einen Weg durch die Jahrhunderte geschickt, der schließlich in der Aufklärung und in der Moderne, in den Menschenrechten und in der Überzeugung, dass der Friede das höchste Gut sei, gemündet ist.

Und heute?

Man muss kein sauertöpfischer Kulturpessimist sein, um einen aktuellen Bezug dieser Rede von Theodor Heuss mit unserer Gegenwart herzustellen. Das Christentum hat sich – wohl auch durch seine „offiziellen“ Repräsentanten – selbst aus dem Spiel genommen. Der Rechtsstaat steht seit längerem in der Kritik, nicht zuletzt, weil er sowohl seitens der Politik wie auch seitens der Medien immer stärker instrumentalisiert wird und als Reaktion darauf selbst Politik betreibt und in der Folge das Licht einer Öffentlichkeit sucht, das den Unterschied zwischen Unschuldsvermutung und Vorverurteilung kaum mehr auszuleuchten vermag. Am dramatischsten sind aber jene Entwicklungen, die die Freiheit des Denkens und die Kraft des Dialogs täglich neu desavouieren. Sind die Ruinen der Akropolis inzwischen gar ein Sinnbild für den Zustand unserer Demokratie?

Innenpolitik

Churchill hatte schon recht, wenn er vor einer Gesellschaft warnte, die nur mehr in gewissen engen inhaltlichen Korridoren zu kommunizieren in der Lage ist. Wo Widerspruch nur mehr als Kränkung verstanden wird und in allen – von ihrer Breitenwirkung her – relevanten Medien dasselbe zu hören, zu sehen und zu lesen ist, verkommt der öffentliche Raum zunehmend zur Messstation für Dezibel und Ressentiment, für Rechthaberei und moralisierende Abwertung. Oft ist es uns gar nicht mehr bewusst, wie sehr wir alle in diese Falle tappen, Widerspruch und Denken gegen die Mehrheitsmeinung, einmal ganz davon abgesehen, wie es zu dieser Mehrheit gekommen ist, bloß mehr als störend zu empfinden.

Drei Beispiele aus der aktuellen Tagespolitik. Erstens: Es ist wohl davon auszugehen, dass auch eine große Mehrheit der Leserinnen und Leser von NEUES LAND ein Social-Media- oder Handy-Verbot für Jugendliche im Pflichtschulalter unterstützt. Wir wissen zwar von den engagierten Befürwortern noch immer nicht ganz genau, wie das aussehen soll, aber es klingt gut und ist nachvollziehbar.

Zweitens: Ob es für eine ohnehin nur mehr kleine Gruppe von Oberstufenschülern künftig ein paar Stunden weniger Latein geben sollte, dürfte für eine überwiegende Mehrheit so wichtig wie das sprichwörtlich in Peking umgestürzte Fahrrad sein.

Und drittens: Auch wenn Bauernbundmitglieder – und das sind wohl die meisten Leserinnen und Leser dieser Wochenzeitung – sich der ÖVP verbunden wissen, werden viele von ihnen der Forderung von Bundeskanzler Stocker, zur künftigen Ausgestaltung des Wehrdienstes die Bevölkerung zu befragen, mit Kopfschütteln begegnet sein.

Denn in allen drei Punkten hat die öffentliche, an einem echten Diskurs weitgehend uninteressierte Meinung längst ihr Urteil gefällt: Handys in Kinderhänden sind schlecht, KI (Künstliche Intelligenz) und Medienkompetenz sind wichtiger als Latein (oder auch die von einer potenziellen Kürzung betroffenen lebenden Fremdsprachen). Und Stockers Alleingang, das geht sowieso gar nicht, außerdem ist ja die Politik zum Entscheiden da.

Dreimal Einspruch!

Diese Zeitdiagnose ist mutmaßlich nicht mehrheitsfähig, aber seit drei Jahren geht es an dieser Stelle immer auch darum, alternative Schneisen ins vertraute Denken zu schlagen. Wer Stockers Forderung nach einer Volksbefragung pauschal ablehnt, muss sich zumindest zwei Fragen gefallen lassen. Zum einen, was denn daran so falsch sein sollte, in einer Demokratie den Souverän zu befragen und zum anderen, wie der Bundeskanzler sonst mit dem Umstand hätte umgehen sollen, dass sich weder die SPÖ noch die NEOS nach dem Vorliegen der Expertenempfehlungen von einer Verlängerung des Wehrdienstes besonders angetan gezeigt haben. Wir wären um keinen Schritt weiter, würde aktuell nur in der Regierung verhandelt. Entlarvend war hier auch die Reaktion des Raiffeisen-Generalanwalts und Leiters der Arbeitsgruppe zur Wehrdienstreform, Erwin Hameseder. Sichtlich beleidigt, reihte er sich in die Gruppe der Stocker-Kritiker ein.

Psychologisch ist das alles verständlich. Bis vor wenigen Jahren hat ja kaum jemand in Österreich hingehört, wenn aus dem Militär Anliegen formuliert worden sind, inzwischen aber gibt es kaum eine Diskussion mehr ohne einen Vertreter des Heers. Doch die Entscheidung trifft auch in solchen Fragen die Politik als Repräsentant der Gesamtbevölkerung. Hameseder sollte sich viel mehr über die nun losgetretene öffentliche Diskussion freuen, eine Schubladisierung seiner Vorschläge in einem Koalitionsausschuss wäre eben keine ganz unrealistische Variante gewesen.

Zugegeben, es spricht einiges für ein „Handyverbot“ für Jugendliche. Der leistungsstarke Minicomputer in der Hand kann nachweislich Suchtverhalten erzeugen. Sex and Crime sind für jeden, der mit seinem Daumen auf die richtige Stelle seines Handys tippen kann, sofort verfügbar. Und die Hilflosigkeit der Eltern und Pädagogen angesichts dieser Entwicklung ist wohl offensichtlich. Dennoch: Mit der Sucht ist in einem Land, in dem gar nicht so wenige Menschen ein latentes Problem mit Drogen, Alkohol, Nikotin oder Spielsucht hat, nur schwer zu argumentieren. Manches ist verboten, manches erlaubt, manches sogar ausgesprochen gesellschaftsfähig. Und wer regelmäßig in Öffis unterwegs ist, wird beim starren Starren ins Handy kaum altersspezifische Unterschiede erkennen.

Es drängt sich viel mehr der Verdacht auf, dass es hier einer unseligen Koalition von Politik und traditionellen Medien darum geht, die Deutungshoheit über das Weltgeschehen nicht an Instanzen zu verlieren, die sie nicht reglementieren können. Mit Verboten ist noch nie ein verantwortungsvoller Umgang mit neuen Technologien einhergegangen. Wenn sich dann auch noch Eltern und Pädagogen darüber erfreut zeigen, dass ihnen der Staat die Erziehungsverantwortung abnimmt, dann sollten wir schleunigst diese Bankrotterklärung hinterfragen.

Und Latein? Das ist wohl die Spitze einer seit Jahren aus dem Ruder gelaufenen Bildungsdebatte in Österreich. Nicht mehr oder weniger Latein sollte die Frage sein. Aber Latein, und das wissen auch unsere Nobelpreisträger Jelinek, Handke und Zeilinger, die hier eine klare Position bezogen haben, ist ein hervorragendes Beispiel, um das Problem insgesamt aufzuzeigen. Christoph Wiederkehr, unser gut bezahlter Praktikant im Unterrichtsministerium, findet, dass KI und Medienkompetenz wichtiger seien als Bildungserwerb durch das Erlernen von Sprachen.

Stimmt schon, KI ist toll, da lässt man sich von anonymen Instanzen das Denken abnehmen. Aber Latein wäre besser, da kommt man nur durch exaktes Denken und sich anreicherndes Wissen zum Ziel. Die Schule sollte doch unsere Jugendlichen dazu befähigen, kraft ihrer Bildung und nicht mittels zeitgeistiger Kompetenzen auf die Zukunft vorbereitet zu werden. Aber in einem Land, in der die Pädagogen nicht laut aufschreien, wenn der ORF und eine prononciert linke Tageszeitung Ausbildungen zur Medienkompetenz anbieten, sondern lammfromm mitmachen, ist wohl nichts anderes zu erwarten. Letzteres ist nämlich so, als würden im Schlachthof Vegetarier fortgebildet werden.

[© AdriFerrer – stock.adobe.com]

Hand Putzet

Erschienen im Rahmen der Serie „ZEITDIAGNOSEN” von Hans Putzer.

In der Serie „Zeitdiagnosen“ schreibt Hans Putzer monatlich einen Beitrag über gesellschaftliche und politische Themen. Hans Putzer war von 1999 bis 2008 Chefredakteur von NEUES LAND, von 2010 bis 2018 Direktor des Bildungshauses Graz-Mariatrost und zuletzt Mitarbeiter im Grazer Rathaus. Er wohnt mit seiner Familie in Hausmannstätten und verfasst seit vielen Jahren Beiträge für den Steirischen Bauernkalender.

Zum Thema passend

Einen Kommentar abgeben