Mit bäuerlichen Spinnstuben haben diese Geschichten kaum etwas zu tun. Vielmehr handelt es sich um Legenden, Sagen und Erzählungen mit Wahrheitsgehalt.
Der verschwundene Jäger
Im Herbst 1884 bekam der Junglehrer und Volkskundler Karl Reiterer eine Anstellung an der Volksschule Mariahof. Dort erfuhr er von einem rätselhaften Verbrechen, das sich zwei Jahrzehnte vor seiner Ankunft ereignet hatte. In einem Manuskript lesen wir darüber:[1] „Auf der Planitzen soll ein Murauer Herrschaftsjäger spurlos verschwunden sein. Eine Schwester des Jägers, die Grabnerin von Mariahof, soll noch gut Bescheid darüber gewusst haben. Nur ungern ging sie auf mein Ansinnen ein, und ihr Gesicht verdunkelte sich beim Namen Anton Klier. Noch heute, so begann sie, ist an der Stelle, wo man ihn zuletzt gesehen hatte, ein Marterl aufgestellt, die Legende beginnt mit den Worten: ‚Wanderer, geh schnell weg von hier, hier verschwand der Jäger Klier.‘
Der Jäger Toni Klier befand sich zu Mittag des 26. Dezember 1863 in einer fröhlichen Jägerrunde. Plötzlich kam sein Sohn dazu und flüsterte ihm zu, der ‚Ehgartner‘-Sohn, ein ortsbekannter Wilderer, hätte mit einem Rucksack seinen Hof verlassen und sei schnellen Schrittes in Richtung Planitzen gegangen. Für Klier war der Fall klar. Das konnte nur, wie schon so oft, ein verbotener Pirschgang sein. Eine halbe Stunde später befand er sich schon auf dem tiefverschneiten Forstweg zur Planitzen. Bei einer Köhlerhütte fragte er, ob jemand den Wilderer gesehen hatte. Ja, der wäre gerade hier vorbeigekommen. Klier dürfte gewusst haben, dass er jeden Augenblick auf den Wilderer treffen konnte. Weil er einen schweren Sack mit Grummet für eine Wildfütterung mithatte, erbot sich der Köhlersohn, den Sack zu tragen.
Beim Aufstieg durch den Wald setzte unvermutet dichter Schneefall ein und die Spur des Wilderers wurde undeutlich. Der Köhlersohn ging mit Klier noch bis zur Wildfütterung mit, dort verabschiedete er sich von ihm. Er sah noch, wie Klier auf einen nahegelegenen überdachten Hochsitz stieg. Bald würde Wild austreten und auf die Lichtung zur Äsung kommen und somit den Wilderer anlocken.
Am darauffolgenden Tag suchten ein Dutzend Jäger und ein Gendarm den Wald ab, weil Klier nicht mehr heimgekommen war. Stundenlang stapften sie durch den Schnee, doch der Jäger war spurlos verschwunden. Was die Sache noch mysteriöser machte: Auch der ‚Ehgartner‘-Sohn war verschwunden. Die Köhlerfamilie hatte am Vorabend deutlich zwei Schüsse gehört. Daher war ein Verbrechen an Klier anzunehmen. Im Frühjahr, nach der Schneeschmelze, wurde der Wald mit Hunden abgesucht, wieder ohne Erfolg.“
So blieb es bis zum Jahr 1869, als eine Pilzsucherin aufgeregt zum Gendarmerieposten eilte, weil sie „grünspanige“ Knochen in einem Jungwald gefunden hatte. Mit größter Wahrscheinlichkeit stammten sie von Klier. Dies sorgte für ein weiteres Rätsel: Der Jungwald war mehrere hundert Meter vom Hochsitz entfernt. Der Mörder musste einen Komplizen gehabt haben, allein konnte er unmöglich die Leiche so weit durch den Schnee geschleift haben. Die Hoffnung, dass sich noch irgendwann Hinweise auf die Mörder ergeben könnten, erfüllten sich nicht, das Verbrechen blieb ungesühnt.
„Ein Wilderer im Feuerkampf getötet“
„Ein Wilderer im Feuerkampf getötet“, lautete der Titel eines Berichtes, den der Schulleiter Erich Musger aus Stainz seinem Kollegen Ferdinand Fauland schickte und der über Jahrzehnte die Bevölkerung von St. Stefan ob Stainz beschäftigte. „In den Jahren 1926 und 1927 galt der kärntnerisch-steirische Grenzkamm als ein von rücksichtslosen Wilderern beherrschtes Gebiet. Oft hallten Schüsse durch den Hochwald, konnte man Männer mit geschwärzten Gesichtern laufen sehen“, beginnt der Text.
Besonders arg soll es im Gebiet der Forstdirektion Henckel-Donnersmarck zugegangen sein. Am 19. September 1927 war es wieder so weit. Ein Holzknecht meldete dem Förster Hans Kienberger, bei Tagesanbruch einen Schuss auf der Straßeralm nahe der Landesgrenze gehört zu haben. Kienberger stieg sofort in Richtung Straßeralm auf. Unweit des Jagdschlosses Straßerhalt herrschte dichter Nebel. Daher sah er erst auf 60 Meter Distanz zwei Männer, die einen Hirschen ausweideten. Sie dürften den Förster zuerst erblickt haben, und einer gab einen Schuss auf ihn ab, der fehlging. Kienberger hatte unglaubliches Glück. Vor ihm war eine Mulde, in die er sich hineinwarf und den Schuss erwiderte. Er traf den Mann. Dieser taumelte und fiel um. Im selben Moment tauchten aus dem Nebel drei andere Wilderer auf und eröffneten das Feuer. In der Mulde liegend war Kienberger den Männern überlegen und erschoss einen von ihnen, worauf die anderen flüchteten.
Im Nebel konnte er sich zurückziehen und einen Gendarmen informieren, der bald darauf den toten Wilderer fand. Zwei Tage danach meldete der Bauer Fabian in Fallegg, Gemeinde St. Stefan ob Stainz, dass sein Sohn Anton mit einer Schusswunde in der Schulter heimgekommen war und dass sein Ziehsohn Ferdinand tot sei. Bei der Gerichtsverhandlung am 16. Dezember 1927 gegen die sechsköpfige Bande fassten alle Strafen bis zu drei Jahren Kerker aus. „Tiefe Betroffenheit herrscht in Fallegg, kaum jemand hätte den beiden Männern die Wilderei zugetraut“, schließt der Bericht.
Von Herbert Blatnik