„Wo der Glaube bei der Tür rausgeht, kommt der Aberglaube beim Fenster herein“, lautet ein alter Spruch. Abergläubische Vorstellungen konnten einst Menschen völlig beherrschen und zu den absurdesten Handlungen verleiten.
Der Wetterhandel von Birkfeld
Ein grotesker Vorfall, der sich mehr in den Köpfen leichtgläubiger Menschen abspielte als in der Realität, soll um etwa 1860 die Bewohner von Birkfeld in Aufruhr versetzt haben. Ein Grund dafür war die Annahme, ein Pfarrer hätte Macht über die Naturgewalten. Damals war es in vielen Orten Brauch, dass der Pfarrer beim Herannahen eines Gewitters mit der Monstranz vor die Kirche trat, sie gegen die Wolken hielt und mit lauter Stimme das Unwetter abzuwenden versuchte. Die Umgebung von Birkfeld war einst „berühmt“ für Hagelunwetter. War ein schweres Unwetter zu befürchten, bemühten sich die „Hagelschützen“ auf den Höhen ringsum, mit ihren Böllern die drohenden Wolken zu zerreißen, oft jedoch vergebens. Um 1860 wirkte in Birkfeld ein strenger Pfarrer. Eines sonntags widmete er sich in der Predigt dem unsittlichen Treiben und dem Überhandnehmen unehelicher Geburten. Angeblich warnte er die Pfarrgemeinde vor dem Strafgericht Gottes, wenn es so weiterginge. Es brauchte noch zwei weitere Ereignisse, und sein Pfarrvolk reimte sich eine tolle Geschichte zusammen, denn bald danach traf er sich mit dem Pfarrer von Anger auf halbem Wege in einem Gasthaus in Koglhof zu einer Unterredung. Ein Fuhrmann brachte ihn mit seinem Kaleschwagen dorthin. Am Ende des Gesprächs gab der Birkfelder Pfarrer seinem Kollegen Geld. Wofür, ist nicht bekannt. Das sah der Fuhrmann vom Nachbarstisch aus und erzählte es in Birkfeld. Als bald darauf ein Gewitter mit Hagelschlag die Ernte ringsum vernichtete, sagten sich die Birkfelder: Ein Pfarrer, der ein Gewitter abwenden kann, kann auch eines herbeilocken. Er hat uns ja ein Strafgericht versprochen und dem Pfarrer von Anger Geld gegeben. In Anger hat es gar kein Gewitter gegeben, also hat unser Pfarrer dem Angerer Pfarrer das Hagelwetter abgekauft, um uns zu bestrafen. Diese absurde Geschichte wurde im ganzen Feistritztal noch Jahrzehnte lang erzählt.
Die Wilde Jagd in der Gleinz
Die wilde Jagd, so erzählte man sich einst, gab es einst überall in der Steiermark. Sie begann mit nachtschwarzen Wolken, die über die Berge rasten und Blitze auf die Erde schleuderten, dass die stärksten Bäume erzitterten. Danach brausten tieffliegende Wolken über das Land und man konnte Zeuge eines grausigen Schauspiels werden, denn aus den Wolken dröhnten Schüsse, knallten Peitschen, bellten Hunde und gellten furchtbare Schreie. Wehe dem Wanderer, der sich nicht rechtzeitig in den Wald retten konnte. Am grausigsten soll es in der Gleinz, dem Waldgebiet südlich von Groß St. Florian, bei Unwettern zugegangen sein. Niemand könnte dort ein Gewitter unbeschadet überstehen. Das wollte ein nach dem Ende des Ersten Weltkrieges heimgekehrter Soldat nicht glauben. Beim Kartenspiel in einem Gasthaus meinte er, in mehreren Schlachten gegen die Russen hätte er gekämpft, das wäre weit gefährlicher als die Wilde Jagd gewesen. Da trat der Wirt an seinen Tisch und rief: „Du Ahnungsloser! Eine Handvoll Silbergeld gib ich dir, wenn du dich beim nächsten Gewitter in der Gleinz aufhältst und frohgemut wieder hierher zurückkehrst.“ Nicht allzu lange sollte er darauf zu warten haben. Als sich der Himmel verfinsterte, begab er sich in den Gleinzer Wald und legte sich ins Moos. Dort lag er bis zum nächsten Tag, als ihn Holzknechte fanden, mit dem Gesicht eines Greises, weißhaarig. Sprechen konnte er auch nicht mehr, und die wenigen Jahre, die ihm als „Gleinzer Stummerl“ noch vergönnt waren, verbrachte er als armseliger Bettler.
Die Kapuzinermönche in der Volksmeinung
In der Region um Leibnitz hatten die Mönche des örtlichen Kapuzinerklosters denselben Ruf wie die Schwalben. Von den Schwalben glaubte man, wo sie sich einnisten, schlägt kein Gewitter ein. Andererseits sagte man, ein geheimnisvoller Segen erfüllt eine Bürgerschaft mit einem Kapuzinerkloster, weil sie vor schlimmen Schadenfeuern verschont bleibt. Die Gebete der frommen Kapuziner hätten große Macht, nicht umsonst ließen sich die Verstorbenen des Habsburgischen Herrscherhauses in der Wiener Kapuzinergruft bestatten.
Mythos oder Aberglaube – eine rätselhafte Macht schrieb das Volk vor allem dem Kapuzinerstrick zu. Es dürfte um 1920 gewesen sein, als ein Landbriefträger von Tillmitsch oftmals von Kettenhunden gebissen wurde. Da riet ihm eine Nachbarin, bei den Leibnitzer Kapuzinern einen Kapuzinerstrick zu erwerben und den stets zu tragen. Und wirklich, gegen eine Geldspende bekam er einen alten Strick ausgefolgt, aber nur geliehen. Nach seinem Tod, so die Verfügung, musste der Strick wieder an das Kloster zurückkommen. Der Briefträger trug ihn unter seiner Jacke um den Bauch gebunden auf seinen Dienstwanderungen und blieb von da an von Hundebissen verschont. Mehrmals liefen Hunde wild bellend auf ihn zu, blieben vor ihm knurrend stehen und trollten sich wieder.
Von Herbert Blatnik