Wie das „Woazschäln“ einst erlebt wurde, erzählen uns zwei Zeitzeugen. Sagenforscherin Isabella Wippel, Eibiswald: „… Eigentlich war es anstrengend, weil wir zur Woazschälzeit meist spät ins Bett kamen. Fast jeden Tag, über eine Woche, waren wir bei einem anderen Bauernhof. Beim vulgo Weberpeter in Oberlatein waren meine Eltern und ich im Spätherbst 1937 dabei. Ein paar Fuhren Maisstriezel hat der Bauer in der Tenne aufgeschüttet. Rundum waren Bänke aufgestellt. Die Woazschäler, alles Nachbarn, kamen nach ihrer Stallarbeit, setzten sich rund um den Woazhaufen und begannen zu schälen. Das heißt, sie rissen alle „Federn“ bis auf drei ab und warfen die Striezel in einen Korb. Ein paar ältere Bauern saßen abseits und knüpften die Striezel an den „Federn“ zusammen. Die wurden dann auf dem Dachboden aufgehängt.
Die Schälburschen und Mädchen beeilten sich bei der Arbeit, denn danach gab es einen Tanz zur Steirischen Harmonika. Erzählt wurden lustige Geschichten, auch grausliche, von Hexen und allerlei Aberglauben. Wenn die Geschichten zu grauenhaft waren, mussten die Kinder zu Bett gehen. An eine gruselige Geschichte kann ich mich noch erinnern, die damals ein alter Knecht erzählt hat, und zwar die vom Wassermann im Schlosswastlteich in Bischofegg. Der Wassermann hat angeblich einen Schatz bewacht, der tief im Teich gelegen ist. Den wollte sich ein Mann aus Arnfels holen. Er hat zwei Musikanten gebeten, auf einer Wiese ober dem Teich um Mitternacht zu spielen. Das haben die zwei auch getan und mit ihrer Musik den Wassermann aus dem Teich herausgelockt. Inzwischen ist der Arnfelser in den Teich gestiegen und hat den Schatz gesucht. Die Musikanten haben aber nicht damit gerechnet, dass der Wasserpatscher zu ihnen hinaufkommen würde. Wie sie ihn gesehen haben, haben sie die Panik gekriegt und sind davongelaufen. Der Wassermann ist also wieder zu seinem Teich hinuntergelaufen und hat den Arnfelser erwischt und zerrissen. Lange Zeit war danach das Wasser im Teich blutrot. Nach der Schälarbeit gab es eine gute Jause und danach den Tanz, auf den sich alle schon gefreut haben.“
Historiker Dr. Hans Wilfinger aus Graschuh bei Stainz erlebte im Oktober 1935 einen Woazschälabend in St. Stefan ob Stainz beim Gehöft vulgo Schusterbauer. „Das Woazschäln ist ein wichtiger Teil des Bauernjahres. Es gehört zu den Ehrendiensten und wirkt gemeinschaftsfördernd, weil es alle benachbarten Familien einschließt. Im Unterschied zu anderen Anlässen sind Raufereien verpönt und wären eine Beleidigung gegenüber der Gastfamilie. Die Kernkiefler werden nach alter Tradition von einem Kind eingeladen. Als mein Vater und ich abends die Stube betraten, war sie bereits mit einer großen Schar an Bauersleuten gefüllt. Die saßen auf Bänken und Sesseln um einen großen Haufen an Maiskolben. Bei unserem Eintreten ging es noch ruhig zu, nur ein vielfaches Rascheln war zu hören. Mehrere Kinder liefen umher und tauschten die vollen Körbe gegen leere aus.
Mit lustigen Geschichten lockerte sich die Stimmung. Eine Magd reichte die Getränke: Zweijährigen Most für die Erwachsenen, Süßmost für die Kinder. Nach etwa drei Stunden war die Arbeit getan. Nun kehrten flinke Frauenhände die Stube aus, bis sie wieder ganz sauber war. Danach gab es eine Jause. Der lustige Teil des Abends konnte beginnen. Ein Nachbarsohn packte seine Harmonie aus und begann zu spielen. Wie auf Kommando fanden sich die Paare zum Tanz, ein Jauchzer nach dem anderen erschallte. In einer Pause sang ein anderer Musikant G’stanzl nach dem anderen, darunter solche, die wir noch nie gehört hatten.
Zum Abschluss gab es das Spiel ‚Huat weitergebn‘. Etwa zehn Burschen stellten Sessel im Kreis auf und setzten sich nieder. Einer hatte einen Hut auf. Ein Musiker begann eine Polka zu spielen. So flink als möglich musste der Hut dem Nachbarn aufgesetzt werden, in raschem Tempo wanderte der Hut weiter. Plötzlich verstummte die Musik. Derjenige, der den Hut noch in der Hand hielt, musste ausscheiden. Das Spiel wurde immer schneller, einer ließ den Hut fallen, musste auch mit seinem Sessel an die Wand rücken. Am lustigsten war es, als nur mehr zwei nebeneinander saßen und mit allerlei Verrenkungen verhindern wollten, dass ihnen der andere den Hut aufsetzte. Kurz nach Mitternacht dankte der Bauer allen Anwesenden für ihr Kommen und die Schar löste sich auf. Auf dem Heimweg begleitete uns die Gewissheit, an einem wunderbaren Brauchtumsabend teilgenommen zu haben.“