Spinnstubengeschichten: Unheimliche Begebenheiten

In seinen letzten Lebensjahren sammelte der Schriftsteller Ferdinand Fauland Spinnstubengeschichten aus der ganzen Steiermark. Mit dieser Art der Kurzgeschichten waren Erzählungen gemeint, die im Volk über Generationen hinweg beinahe unverändert weitergegeben wurden.

von NEUES LAND

Ein unheimlicher Bauernhof

Im südlichen Teil der Koralpe, westlich von Wielfresen und hart an der Kärntnergrenze, liegt der alte Bauernhof „Ziermer“. Um 1870 soll dort, so erzählen sich Wieler Bauern heute noch, ein wohlhabender Altbauer gehaust haben. Recht geizig war er und immer darauf aus, sein Vermögen auf jede mögliche Art zu vermehren. Oft zogen Reisende herüber aus Kärnten, unter ihnen Wallfahrer und Viehhändler.

Der Ziermerhof lag damals nahe einer Weggabelung, ein Weg führte ins Tal und einer durch den Ochsenwald zum Oberland. Häufig sprach ein einsamer, des Weges unkundiger Wanderer beim Ziermer vor und fragte nach dem Weg. Bereitwillig ging der Alte mit, den Weg zu weisen. Nur nahm er immer ein kleines, aber scharfes Beil mit sich, denn er wollte, wie er sagte, bei der Gelegenheit im Wald oben „a wenig Groaß schnoattn.“ Seltsam war nur, dass mancher dieser Wanderer nie mehr zu sehen war. „Wohin sie gekommen sind, das wissen nur Gott und der Ziermer“, meinten die Nachbarn.

Auch im Lavanttal sprach sich das herum, bald getraute sich kaum noch jemand in die Nähe dieses unheimlichen Hofes. Was den Wieler Bauern auch auffiel: Der Ziermer hatte kaum Gelegenheit, Holz oder Vieh zu verkaufen, doch Geld hatte er immer.

Bei seinem Tod soll sich Folgendes zugetragen haben: In der Nacht, als der Geizhals im Sterben lag, gingen zwei Wieler Burschen almwärts. Plötzlich hörten sie eine Stimme: „Ausweich’n, da Ziermer kimb!“ Erschrocken duckten sich die Burschen abseits ins Holz. Da fuhr mit Peitschenknall, von sechs feurigen Rossen gezogen, ein Wagen vorüber und darauf saß in Gesellschaft des Teufels der alte Ziermer. Jahre danach fanden Holzknechte im Ziermerwald einen Schafbalg voller Silbergeld und unweit davon einen Totenschädel.

Der Gendarmenmord in der Feistritzklamm

In der ganzen Steiermark sorgte einst ein Gendarmenmord für ungeheures Aufsehen: Am 5. Juni 1880 wurde der Gendarm Karl Malli in der Feistritzklamm ermordet. Zu jener Zeit ereigneten sich in der Region um Stubenberg zahlreiche Diebstähle und Einbrüche, die man einer umherziehenden Roma-Familie anlastete. Daher wurde ein verstärkter Streifendienst angeordnet, an dem auch der Gendarm Malli vom Posten Birkfeld teilnahm.

Malli, 25 Jahre alt, dürfte versucht haben, im Alleingang eine Gruppe von Roma in der Stubenberger Klamm aufzuspüren. Dazu marschierte er in der Nacht zum 5. Juni durch die Klamm und war bis etwa 3 Uhr früh bis in die Gegend vor Floing gekommen, wo er sich am Waldrand zur Ruhe niedersetzte. Er dürfte übermüdet gewesen sein und wollte wahrscheinlich den Sonnenaufgang abwarten. Er begann seine Pfeife zu stopfen. Die halbgestopfte Pfeife wurde später im Gras gefunden. Plötzlich dürfte er hinter sich Schritte gehört haben und nahm seinen Karabiner in die Hand, doch es war schon zu spät. Sein Mörder stach von hinten auf ihn ein und ermordete Malli mit 33 Messerstichen. Am 8. Juni fand seine Beisetzung unter großer Beteiligung der Bevölkerung in Anger statt.

Bei ihren Erhebungen fanden Kriminalbeamte in einem nahegelegenen Roma-Lager blutbefleckte Tücher und verhafteten alle anwesenden Roma. Obwohl diese behaupteten, die Blutflecken stammten von Fleischdiebstählen, galten sie bei der Gerichtsverhandlung am 1. Oktober 1880 in Graz als vorrangiges Indiz. Das Schwurgericht verurteilte zwei Roma-Männer zum Tod durch den Strang. Die Strafe wurde jedoch in eine 20-jährige Kerkerstrafe umgewandelt.

Schon in den ersten Tagen nach dem Mord hegten Gendarmen arge Zweifel an der Schuld der „Zigeuner“. Der Mord war völlig untypisch für sie, auch ein Motiv war nicht erkennbar. Was am meisten irritierte: nach der Tat befanden sich noch alle Roma im Lager. Niemand war geflüchtet, sie waren ganz überrascht über das Auftauchen der Gendarmen. Und: Malli hatte noch Wertgegenstände bei sich, nichts fehlte.

Schließlich gab es deutliche Hinweise auf einen Eifersuchtsmord, denn Malli unterhielt einige Liebschaften in der Umgebung. Sechs Jahre danach rollte die Staatsanwaltschaft Graz den Fall neu auf, denn im März 1886 war die Nachricht aus Steinamanger in Ungarn gekommen, dass die in Graz inhaftierten „Zigeuner“ für den Mord nicht infrage kommen konnten. Sie wurden also wieder freigelassen. Dieser Mord sollte eines der rätselhaftesten Verbrechen der steirischen Kriminalgeschichte bleiben.

Von Herbert Blatnik

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