„Opa, warst du auch so einer?“

Wie brutal die Nazis schon 1934 gegen Gendarmen und Polizisten vorgingen und was regierungstreue Sicherheitskräfte 1938 bei der Machtübernahme der Nazis in Österreich mitmachen mussten.

von NEUES LAND

Vom Oktober 2024 bis zum März 2025 zeigte das Graz-Museum eine interessante Ausstellung mit dem Titel „Hitlers Exekutive“. Kaum jemand konnte Betroffenheit und Abscheu verbergen angesichts der Bilder, die Beamte der Gendarmerie, Polizei und Gestapo bei „Amtshandlungen“ zeigten, die den schrecklichen Terror des NS-Regimes offenbarten. Als in Wien die Nachforschungen begannen, war einer der wenigen noch lebenden Polizisten jener Zeit zu einer Podiumsdiskussion geladen. Sein Enkel, der ihn dorthin brachte, fragte ihn auf der Heimfahrt: „Opa, warst du auch so einer?“ Einem Historiker gegenüber äußerte sich der alte Herr: „Wie mir das weh getan hat, kann sich niemand vorstellen.“

Die in allen Bundesländern gezeigte Wanderausstellung dokumentierte anhand großer Fotos mit ausführlichen Texten Dutzende Verbrechen gegen Menschlichkeit, wenn es um Verhaftungen, Verfolgung von Widerstandskämpfern und Teilnahme am Holocaust ging und war eine ausgezeichnete, wissenschaftlich erarbeitete Schau des Grauens mit Fallbeispielen aus allen Bundesländern.

Beginn des Terrors

Beim Rundgang durch die Ausstellung erwähnte die gut geschulte Führerin Mag. Platzer mehrmals, dass der Nazi-Terror schon einige Jahre vor der NS-Machtübernahme in Österreich im März 1938 einsetzte und in der Steiermark besonders viele Opfer forderte. Viele Gendarmen und Polizisten litten selbst unter den Nazis oder hatten vor deren Machtübernahme einen erbitterten Kampf gegen illegale SA geführt. Anlässlich des Juniputsches am 25. Juli 1934 mussten bei den Kämpfen in der Steiermark fünf Gendarmen, sechs Bundesheersoldaten und 38 Männer der regierungstreuen Wehrformationen ihr Leben lassen.

Mord in St. Gallen

Wie brutal die Nazis vorgingen, möge der Mord am 56-jährigen Revierinspektor Franz Titz von St. Gallen aufzeigen. Der Mord an Titz und andere Vorfälle in St. Gallen am 25. Juli 1934 „machten aus dem stillen, freundlichen Marktflecken, einer beliebten Sommerfrische, ein Bild des Grauens“, leitete der Staatsanwalt seine Verhandlung am Militärgerichtshof in Leoben gegen die NS-Putschisten ein. Bilanz der NS-Revolte von St. Gallen: Drei Tote und ein Dutzend Verletzte, ein hingerichteter Aufständischer sowie Hass und Misstrauen noch Jahrzehnte danach.

Die Nazis von St. Gallen gingen mit beispielloser Brutalität vor. Im „Glaserhaus“, einem Arzthaus, erhielten um etwa 18 Uhr 24 Mann schussbereite Gewehre mit Munition ausgefolgt. Franz Ebner, der außereheliche Sohn des Arztes, hatte zwei Tage vor dem Putsch das Aviso für den geplanten Staatsstreich bekommen. Als die Männer bewaffnet im Vorhaus standen, sahen sie den Kommandanten ihres Gendarmeriepostens Franz Titz vorbeigehen. Ebner und fünf andere liefen ihm bis zum Kaufhaus Unterer nach und forderten ihn auf, sich zu ergeben und ihnen den Postenschlüssel auszufolgen. Titz soll mehrmals geantwortet haben: „Nur über meine Leiche!“ Daraufhin feuerten sie einige Schüsse ab, von denen einer traf und Titz augenblicklich tötete.

Dieselbe Gruppe beschoss einige Minuten später drei im Dienst der Gendarmerie befindliche Schutzkorpsmänner, die zum Gendarmerieposten eilten. Wie durch ein Wunder traf kein einziger der etwa 20 abgegebenen Schüsse. Danach eröffneten die Aufständischen eine regelrechte Treibjagd auf die Flüchtenden. Nach Aufbrechen der Tür zum Gendarmerieposten befreiten sie den NSDAP-Ortsgruppenleiter Ferdinand Hartner aus dem Gemeindegefängnis.

Danach gingen sie zum Haus des Oberforstrates Villicus, um Waffen zu beschaffen. Gewaltsam drangen sie in das Haus ein, hatten aber nicht die Wehrhaftigkeit erwartet, die ihnen von Villicus und dessen Söhnen entgegenschlug. Ebner wurde von zwei Pistolenschüssen getroffen und musste das Kommando an Hartner abgeben. Mit einem Wangendurchschuss und einer Kugel im Unterschenkel eilte er zu seinem Vater, der ihn rasch operierte. Um Mitternacht ergriff er mit anderen Putschisten die Flucht, nachdem er aus dem Radio vom Zusammenbruch des NS-Aufstandes erfahren hatte. Auf einer Almhütte blieb er zurück, weil sich hohes Fieber einstellte. Er schlug sich in die Laussa durch, wo er zwei Wochen lang in Heuhütten hauste. Am 14. August stellte er sich einem Gendarmen.

Eine andere Putschistengruppe lieferte sich mit Schutzkorpsmännern ein Feuergefecht und erschoss den Gendarmerie-Anwärter Isidor Rettensteiner. Kurz vor Tagesanbruch beschossen Aufständische vom Geigenkogel herunter das „Thöringer“-Haus, in dem die Männer der Bahnsicherung untergebracht waren, und verwundeten Ferdinand Zott aus Landl durch einen Kopfschuss tödlich. Als die Nazis von einem Kradmelder erfuhren, dass eine starke Gendarmerie-Abteilung aus Steyr anrückte, flüchteten sie in Richtung Windischgarsten und weiter nach Deutschland.

Bei der Verhandlung am Militärgerichtshof in Leoben wurde der 32-jährige Franz Ebner als rücksichtsloser Putschistenführer dargestellt. Die Bewohner von St. Gallen waren erstaunt darüber, kannten sie doch den herzkranken „ewigen Studenten“, der eine Art Hausbursch für Dr. Glaser war, besser. Als das Todesurteil über ihn gesprochen wurde, glaubten sie, er sei das Opfer falscher Zeugenaussagen geworden. Ebner wurde zum Tod durch den Strang verurteilt, das Urteil wurde noch am selben Abend vollstreckt.

Der „Zahltag“

Schon lange vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich kursierte unter den NS-Sympathisanten in der Exekutive das Gerücht, dass es einmal einen „Zahltag“ geben werde. Dieser Tag war der 13. März 1938 beziehungsweise schon der Tag davor, als in vielen Orten Beamte als Angehörige des illegalen NS-Soldatenringes die kommissarische Führung der Gendarmerieposten und Polizei-Wachstuben übernahmen. Fast überall waren lokale SS- und SA-Abteilungen an dieser ersten „Säuberungswelle“ beteiligt. Ihre Opfer waren hauptsächlich regierungstreue Beamte, die pflichtgemäß gegen die Gewaltpropaganda der Illegalen Nazis eingeschritten waren.

Dutzende Einzelschicksale geben Zeugnis davon. So betrieb in Hafendorf im Mürztal die SS die sofortige Entlassung des Postenführer-Stellvertreters Karl Heinisch. Damit nicht genug, wiesen die neuen Befehlshaber sämtliche Baufirmen im Bezirk an, Heinisch nicht einmal als Hilfsarbeiter aufzunehmen.

Kein „Heil Hitler“

Patrouillenleiter Franz Krenn vom Posten Edelsbach bei Feldbach wollte am Tag des Umbruches wie gewohnt seinen Dienst antreten. Auf der Straße vor seinem Haus warteten schon einige SA-Männer auf ihn, grüßten ihn mit „Heil Hitler“ und verlangten auch von ihm den deutschen Gruß. Da er diesen verweigerte, sprangen sie auf ihn zu, rissen ihm die Uniformstücke vom Rock, erklärten ihn für abgesetzt und hinderten ihn am Betreten des Postens. Erst im Herbst kam er nach dem obligaten Umschulungskurs wieder in den Dienst.

In Veitsch wurde am 13. März 1938 Revierinspektor Leopold Scharl in seiner Wohnung von SA-Männern verhaftet und in den Gemeindearrest gesperrt. Stunden später trieb ihn die SA durch den Ort, wobei er von bereits auf dem Dorfplatz versammelten fanatischen Nazis mit Gejohle empfangen und angespuckt wurde. Scharl verbrachte darauf zwölf Tage im Bezirksgericht Mürzzuschlag in Schutzhaft.

Plakat im Stadtkino

In Voitsberg hängte die lokale kommissarische Ortsgruppenleitung der NSDAP im Schaukasten des Stadtkinos ein Plakat auf mit dem Wortlaut: „Verlautbarung! Wir geben die Systemschweine von Gendarmen des Postens Voitsberg bekannt: Peer Philipp, Revierinspektor. Hackl Hubert, Gendarm. Brandl Peter, Gendarm.“ Hackl und Peer wurden darauf verhaftet und entlassen. Ein weiterer Gendarm namens Ringdorfer kam wegen eines berechtigten Waffengebrauchs im Oktober 1934 gegen drei illegale SA-Männer vor Gericht und wurde völlig schuldlos zu drei Jahren schweren Kerkers verurteilt.

Revierinspektor Hubert Niedereder vom Posten Mitterndorf hatte zweimal gegen SA-Männer dienstlich vorgehen müssen. Anfang Juni 1926 war er an der Verhaftung eines Gewalttäters beteiligt, der acht Jahre darauf beim Naziputsch eine führende Rolle spielen sollte. Am 26. Juni 1934, nach dem furchtbaren Kampf bei Klachau, als aufständische SA-Männer einen Autobus der Gendarmerie überfielen, wirkte er an der Ausforschung des SA-Sturmführers Rudolf Erlbacher mit, der am 22. August 1934 vom Militärgericht in Leoben zum Tod durch den Strang verurteilt und hingerichtet wurde. Er galt demnach als einer, der am Tod des Erlbachers mitschuldig war.

Kein Gehalt

Beim Machtwechsel 1938 kam er an den „Strafposten“ Siebing. Dass er nicht in Haft kam, verdankte er seiner ausgezeichneten Dienstbeschreibung und der Tatsache, dass er 1920 als Freiwilliger in Burgenland gegen ungarische Freischärler kämpfte, die den Anschluss des Burgenlandes an Österreich verhindern wollten. Bis zum Eintritt in die Wehrmacht im November 1939 erhielt er weder Gehalt noch Pension, nur eine bescheidene Familienunterstützung.

In Graz wurde das ganze Polizei-Wachzimmer Schmiedgasse aufgelöst, weil dessen Beamte oft gegen illegale NS-Demonstrationen einschreiten mussten. Die Beamten, die einmal zu Pferd gegen NS-Demonstranten amtshandeln mussten, kamen für einige Wochen ins Gefängnis. SA-Brigadeführer Uiberreither, der sich selbst zum kommissarischen Polizeidirektor ernannt hatte und bald Gauleiter der Steiermark werden sollte, nahm persönlich an Verhaftungen leitender Beamter teil. In der dritten Märzwoche 1938 fiel diese Aufgabe den aus Deutschland eingetroffenen Beamten der Gestapo zu. Insgesamt mussten in der Steiermark 154 Gendarmeriebeamte sofort aus dem Dienst ausscheiden, weitere 587 Gendarmeriebeamte erfuhren ihre Versetzungen nach allen Richtungen des Deutschen Reiches. Im Bericht des Bezirksgendarmeriekommandos Leoben lesen wir: „Die Gendarmerie zog sich den Hass der Nationalsozialisten zu. […] Als dann die große Befreiungsstunde kam und Hitler Österreich auf kurzem Wege einkassierte, kam der Zahltag für die verhasste Gendarmerie. Dienstenthebungen, Versetzungen, Pensionierungen und Entlassungen waren an der Tagesordnung. Wer sich dagegen aufbäumte, kam ins KZ.“

Von Herbert Blatnik

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