Naturheiler aus dem Bauernstand

von NEUES LAND

Sogenannte Wunderheiler versprachen im 19. und 20. Jahrhundert ihren Patienten Hoffnung, ihre Fähigkeiten lagen außerhalb der anerkannten Schulmedizin. Beitrag von Herbert Blatnik.

 

„Er ist kein Wunderheiler, wie es ihm aus dem Volk zugesprochen wird. Dennoch ist er in der Lage, Krankheiten zu heilen, indem er instinktiv die Krankheit seiner Patienten erkennt und mit Kräutern, welche ihm die Natur bietet, zu heilen versucht.“ Mit diesen Worten versuchte der Strafverteidiger am 5. Juli 1921 in seinem Plädoyer während einer Gerichtsverhandlung dem berühmten Johann Reinbacher „Höllerhansl“ eine Gefängnisstrafe zu ersparen, die in eine „saftige“ Geldstrafe wegen Kurpfuscherei umgewandelt wurde.

Flascherlzug

Der „Wunderdoktor“, wie Reinbacher auch genannt wurde, hatte die Begabung, aus Körperausscheidungen Krankheiten zu erkennen. Sein Ruf verbreitete sich im Jahr 1919, nachdem er einen Stainzer Gerichtsdiener geheilt hatte, der nach Infektion mit der Spanischen Grippe bereits dem Tod geweiht war. Danach war der Zustrom an Patienten für ihn kaum noch zu bewältigen, täglich pilgerten über hundert Hilfesuchende zum Bauernhaus des „Höllerhansl“ in die Waldberge von Rachling bei Stainz. Sein Freund Friedrich Moser dichte ihm zu Ehren ein Lied, in dem es heißt: „Auf’n Bergerl drobn, gor net weit von Stainz,

wohnt a Wunderdokta, der Höller Hans. Wann’s euch intressiert, wia er die Leut kuriert, schaut‘s den Hansl an, wos der olls kann.“ Heute noch nennen wir die Stainzer Bahn „Flascherlzug“ in Erinnerung an die Zeit, als im Zug noch die Urinflascherln der Patienten schepperten.

Zur selben Zeit „ordinierte“ in Fölling bei Maria Trost eine Heilkünstlerin mit ähnlichen Methoden wie ihr Kollege „Höllerhansl“. Helene Jurak stammte von einem Hof bei Frohnleiten und soll die Harnanalyse perfekt beherrscht haben. „Eine stattliche Frau, der man die bäuerliche Herkunft nicht anmerkt“, schrieb ein Redakteur.[1] Auch vermerkte er, dass sie an manchen Tagen bis zu 150 Patienten empfing. Sie war mit einem Schlag berühmt geworden, als sie einen schwerkranken Wiener Fleischhauermeister, den die Ärzte bereits aufgegeben hatte, mit ihren Kräutertees heilte. Als Dank kaufte er ihr die Villa in Fölling.

Geklagte klagt selbst

Die Geistlichkeit hatte keine Freude mit ihr, weil sich der Pilgerstrom zur Gottesmutter von Maria Trost immer mehr lichtete und nach Fölling wandte. Ihre Erfolge weckten auch den Neid einiger Ärzte, die unter Patientenschwund zu leiden hatten und sie vor Gericht brachten. Die dritte Gerichtsverhandlung war ein „Schuss nach hinten“. Ein Distriktsarzt hatte sie nicht nur angezeigt, weil sie ohne Ausbildung heilte, er hatte sogar behauptet, sie sei eine Betrügerin. Auf das hin drehte Frau Jurak den Spieß um und verklagte den Arzt. Das war eine Sensation, denn so etwas hatte es noch nie gegeben. Der Strafprozess gegen den Arzt am 11. Februar 1928 wurde daher mit größtem Interesse verfolgt. Was kaum jemand erwartet hatte: die Heilerin bekam Recht, keinerlei Betrug war ihr nachzuweisen und der Arzt musste eine Geldstrafe hinnehmen, wie die Wiener Reichspost vermerkte.[2]

Beim „Stegthomerl“

Die Eltern von Peter Rosegger machten leider mit einem „Bauerndoktor“ keine gute Erfahrungen. Die Mutter des Dichterfürsten aus Alpl war von einem Schlaganfall krank geworden. „Alle Nachbarn kamen und brachten wohlgemeinten Trost, alle Ärzte der weiten Umgebung kamen und brachten wohlgemeinte Medizin,“ doch gesund wurde die Mutter nicht.“[3] Eine Nachbarin riet ihr, den „Stegthomerl“, einen berühmten Naturheiler, aufzusuchen. Am nächsten Tag, die Mutter lag weich auf einen Wagen gebetet, fuhren der dreizehnjährige Peterl mit der Mutter und einem Knecht zum „Stegthomerl“. Dort wurden sie sehr enttäuscht, der Mann schimpfte mit ihnen, weil sie nicht früher gekommen waren und sagte ihr nach einer kurzen Untersuchung: „Meine liebe Waldbäuerin, du musst sterben!“ Was einige Monate darauf geschah.

Bekannter Beinbruchheiler

Schließlich sei ein erfolgreicher Beinbruchheiler erwähnt, Alois Etzl „Erdbauer“ in Mortantsch bei Weiz. Im Unterschied zu den meisten Kollegen seines Standes besaß er mehrere Diplome aus den 1860er-Jahren, die ihm ausreichende Sachkenntnis bescheinigten. Seine größten Erfolge durfte er nach dem verlustreichen Krieg von 1866 gegen Preußen feiern, als unzählige Soldaten als Krüppel in die Steiermark zurückkamen. Etzl spezialisierte sich damals auf die Knochenheilkunde und konnte Splitterbrüche nach Schussverletzungen heilen wie kein anderer. Die Kräuter und Wurzeln für seine Heilsalbe sammelte selbst in den Wäldern der Umgebung und fertigte die Salbe selbst zu. Nach seinem Tod 1890 bemühte sich ein Weizer Apotheker um die Rezeptur seiner Wundersalbe. Allerdings vergebens, Etzl hatte nichts Schriftliches hinterlassen und alles frei aus seinem Gedächtnis zubereitet.

 

[1] Grazer Tagblatt, 8. 10. 1924. „Die Wunderdoktorin bei Maria Trost“.
[2] Wiener Reichspost, 14. 2. 1928, „Ein Arzt wegen Beleidigung verurteilt“.
[3] Peter Rosegger, Waldheimat, „Von meiner Muter“.

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