Von Friedrich Nietzsche gibt es den oft – auch in einer der früheren Zeitdiagnosen in NEUES LAND – zitierten Gedanken: „Und wenn du lange genug in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Was uns der in seinem Denken bis heute prägende Philosoph der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts damit sagen will, liegt auf der Hand: Je mehr wir das Schreckliche erwarten, umso eher sind wir auch bereit, diesem Schrecken Raum in unserem Leben zu geben. Nietzsche ist im Jahr 1900 gestorben. Als 14 Jahre danach der Erste Weltkrieg, die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, so der US-amerikanische Historiker George F. Kennan, begonnen hat, war unter vielen Politikern, Künstlern und Denkern die Zustimmung groß. Mit dem Krieg wurden Hoffnungen eines „reinigenden Gewitters“, die Überwindung einer bleiernen politischen Decke oder auch die Idee eines „neuen Menschen“ verbunden; Wunschvorstellungen, die übrigens schon nach wenigen Wochen des Massensterbens auf den Schlachtfeldern von der Realität überholt worden sind.
Auch wenn man mit solchen Vergleichen sehr vorsichtig sein sollte, so lassen sich gewisse Parallelen nicht leugnen: ein zunehmendes Auseinanderfallen selbst innerhalb nationaler Gesellschaften sowie die – von uns in Europa übrigens weitgehend und sträflich ignorierten – Bemühungen von einer überwiegenden Mehrzahl von Staaten, nicht nur im sogenannten „globalen Süden“, die sich eine neue „Weltordnung“ abseits einer hegemonial auftretenden USA wünscht. Letzteres ist übrigens einer der wichtigsten Gründe, warum die Sanktionspakete der EU wie auch der USA bisher Russland kaum geschadet haben. Putin hat, und das muss offen ausgesprochen werden, weltweit zwar nicht die Wirtschaftsdominanz hinter sich, aber unter den Staatschefs ganz ohne Zweifel mehr „Freunde“ als „Feinde“. Mit den heute noch eher informell verbundenen BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) ist es ein wenig wie mit der arabischen Welt. Untereinander trennt sie viel, aber der gemeinsame Feind, hier die USA, dort Israel, ist stark genug, um die jeweiligen zentrifugalen Kräfte in den einzelnen Staaten einzuhegen.
Welt(un)ordnung?
Auch die demographische Entwicklung im „reichen Norden“, die Herausforderungen des Klimawandels und die globalen Migrationsströme lassen die Hoffnungen auf eine friedliche Zukunft nicht gerade wachsen. Mehr aber als das sollte uns, wie schon eingangs angedeutet, das zunehmende Reden von der Möglichkeit eines Krieges in näherer Zukunft Sorge bereiten. Sowohl deutsche als auch amerikanische Militärs und deren Geheimdienste halten ein Vordringen der russischen Armee nach Finnland, ins Baltikum, nach Transnistrien oder gar bis Berlin noch in diesem Jahrzehnt für möglich. In einem Interview mit der „Berliner Morgenpost“ im März dieses Jahres bezifferte der österreichische Politikwissenschaftler und Militärexperte Gustav Gressel die Wahrscheinlichkeit beziehungsweise das Risiko eines großen europäischen Krieges mit 80 Prozent.
Es wäre zu billig, diese Diskussionen über Wahrscheinlichkeiten und Kriegsbedrohungen mit dem Hinweis abzutun, dass Militärs und deren Strategen nur die Gunst der Stunde einer gewachsenen Aufmerksamkeit nutzen, sind sie doch die letzten Jahrzehnte hindurch aus dem öffentlichen Diskurs weitgehend ausgeschlossen worden. Die Volksbefragung zur Beibehaltung der Wehrpflicht in Österreich 2013 war, machen wir uns hier nichts vor, vor allem ein Votum für den Zivildienst und wer in Deutschland auch nur andeutungsweise über eine andere Funktion der Bundeswehr als der eines reines Friedenscorps geredet hat, wurde umgehend der Diskurstische verwiesen.
Ein Teil der Pointe ist ja, dass die so gerne als durchgehende Friedenszeit dargestellten letzten 80 Jahre, und es ist hier nur von Europa die Rede, nicht viel mehr als eine liebgewonnene Fiktion ist: Die Opfer des Nordirland-Konflikts, der ETA in Spanien oder der Proteste gegen die kommunistischen Diktaturen im sowjetischen Einflussbereich mögen zwar alle maximal „nur“ im vierstelligen Bereich liegen (als ob das nichts wäre) und keinem Krieg im völkerrechtlichen Sinn geschuldet sein , aber der Balkan beziehungsweise Jugoslawienkrieg zwischen 1991 und 2001 hat nicht nur Millionen in die Flucht getrieben, sondern auch bis zu 200.000 Todesopfer gefordert. Erst dieser Tage erinnern wir uns an das Massaker von Srebrenica, bei dem vor 30 Jahren rund 8000 muslimische Männer und männliche Jugendliche von bosnischen Serben ermordet worden sind. Dieser Krieg, der bis unmittelbar an die steirisch-slowenische Grenze geführt worden ist, hat sich nur wenig in unser kollektives Bewusstsein eingeschrieben; wenn überhaupt, dann als ein Krieg, den die US-Luftwaffe mehr oder weniger im Alleingang – mutmaßlich ohne ein einziges eigenes Todesopfer – beenden konnte.
Franz-Stefan Gady
Der Name Gady ist nicht nur in der bäuerlichen beziehungsweise wirtschaftsaffinen steirischen Bevölkerung hoch angesehen. Der sogenannte Gady-Markt gilt nicht nur bei Freunden der Landmaschinen und hochwertiger Automarken als alljährlicher Pflichttermin. Franz und Ingrid Gady waren viele Jahre aus dem öffentlichen weiß-grünen Leben kaum wegzudenken, auch wenn sich beide selbst nie nur der Sichtbarkeit wegen in den Vordergrund drängten.
Inzwischen ist ihr Sohn Franz-Stefan als Militäranalyst medial beinahe dauerpräsent, und das mit gutem Recht. Sein 2024 erschienenes Buch „Die Rückkehr des Krieges. Warum wir wieder lernen müssen, mit Krieg umzugehen“ ist unter anderem auch als eine von acht Publikationen für den „Deutschen Sachbuchpreis 2025“ nominiert gewesen. Man könnte den lesenswerten, spannenden und zugleich höchst aufschlussreichen Inhalt der rund 350 Seiten mit einem bekannten, der lateinischen Antike zugeschriebenen Zitat zusammenfassen: „Si vis pacem para bellum.“ (Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor.)
Es ist hier nicht der Ort, das Buch in all seinen Gedankengängen wiederzugeben, schließlich kann es jeder Interessierte selber lesen, aber einige Gedanken Gadys sollen hier zur weiteren Diskussion dargestellt werden. Vorweg ein Zitat, das die inhaltliche Richtung gut verstehbar macht: „Wir Europäer müssen deshalb wieder lernen, dass Krieg und militärische Macht in vielen Teilen der Welt als legitimes Mittel gelten, die eigenen nationalen Interessen durchzusetzen. Entsprechend gilt es […] eine strategische Kultur zu etablieren, in der militärische Optionen, also die Option, die eigenen Streitkräfte zur Erhaltung des europäischen Wertesystems und Wohlstands einzusetzen […] Bestandteil einer nachhaltigen und gut auf die jeweiligen Umstände kalibrierten Sicherheitspolitik sind.“
Wie begründet Gady seine These, dass Kriege in der Zukunft wieder wahrscheinlicher werden? Europa sei in den letzten Jahrzehnten zunehmend im Zustand eines „parasitären Pazifismus“ verblieben. Die USA habe sich als allzeit bereite und verlässliche Schutzmacht erwiesen. Doch diese der Nachkriegsordnung und dem „Kalten Krieg“ geschuldete Allianz verliere zunehmend an Bedeutung. Zum einen, da die USA künftig vor allem China und Russland als verbündete Bedrohung sieht, aber auch die militärischen Ressourcen des Pentagons letztlich begrenzt sind, zum anderen aber auch aufgrund der US-amerikanischen Innenpolitik, die zunehmend nationale Interessen vor die internationale Solidarität zu stellen beginnt. Europa müsse daher möglichst rasch „nachrüsten“, „aufrüsten“ wäre angesichts des Zustandes der Armeen wohl kaum der richtige Ausdruck.
Einen weiteren Grund sieht Gady in den zunehmenden Fehleinschätzungen sich rasch verändernder Rahmenbedingungen und damit in der wachsenden Unvorhersehbarkeit von und in Kriegen. Das betreffe insbesondere die hohe Technikgläubigkeit, die eine auf der eigenen Seite möglichst opferfreie Kriegsführung durch Wunderwaffen und KI (Künstliche Intelligenz) suggeriert. Der Überfall der Hamas auf Israel habe eine weltweit bewunderte High-Tech-Verteidigungsstrategie allerdings innerhalb weniger Stunden entzaubert und aud dem geplanten (?) raschen russischen Eroberungszug Richtung Kiew ist inzwischen ein jahrelanger Abnützungskrieg geworden. Kriege waren immer von irrationalen Verläufen geprägt. Kein Manöver kann ihn vorwegnehmen.
Ohne in Pessimismus zu verfallen, stellt Gady auch die Bereitschaft, Gewalt bis zum Äußersten auszuüben, und den Willen zur Landesverteidigung insbesondere in Deutschland in Frage, doch gerade deren Bundeswehr wird künftig eine entscheidende Rolle für die europäische Kriegsfähigkeit zukommen.
Krieg darf kein Tabuthema mehr sein, aber er muss mit allen möglichen Mitteln verhindert werden, so Gadys Resümee, denn auch künftige Kriege werden nicht nur als Cyberkriege und Desinformationskampagnen stattfinden. Nur ein militärisches Potential, das in der Lage ist, massiv abschreckend zu wirken, kann den nächsten Krieg in der Mitte Europas verhindern helfen.

Erschienen im Rahmen der Serie „ZEITDIAGNOSEN” von Hans Putzer.
In der Serie „Zeitdiagnosen“ schreibt Hans Putzer monatlich einen Beitrag über gesellschaftliche und politische Themen. Hans Putzer war von 1999 bis 2008 Chefredakteur von NEUES LAND, von 2010 bis 2018 Direktor des Bildungshauses Graz-Mariatrost und zuletzt Mitarbeiter im Grazer Rathaus. Er wohnt mit seiner Familie in Hausmannstätten und verfasst seit vielen Jahren Beiträge für den Steirischen Bauernkalender.