Der Anteil der Bäuerinnen, die nicht auf einem Bauernhof aufgewachsen sind, wird ständig größer. Mittlerweile sind das in der Steiermark schon mehr als 40 Prozent.
Der Trend ist deutlich: immer mehr Quereinsteigerinnen werden Bäuerinnen. Vor 20 Jahren kamen 21 Prozent aus nicht landwirtschaftlichen Herkunftsfamilien. Vor zehn Jahren waren es schon 33 Prozent. Aktuell sind es über 40 Prozent. Vizepräsidentin Maria Pein spricht deshalb bei einer Pressekonferenz aus Anlass des Weltfrauentages auch von einem Gewinn für die land- und forstwirtschaftlichen Betriebe, denn „das stärkt die Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit der Höfe“. Weiters betont sie: „Die Bäuerinnen sind zentrale Leistungsträgerinnen, doch ihre Kompetenzen und Leistungen für die sichere Lebensmittelversorgung und für die Zukunft des ländlichen Raums werden noch zu wenig gesehen.“
Erfahrungen der Landesbäuerin
Die neue Landesbäuerin Ursula Reiter ist ebenfalls eine Quereinsteigerin und hat – bevor sie Obstbäuerin in Gleisdorf wurde – im Tourismusbereich gearbeitet. „Als Quereinsteigerin weiß ich, wie wertvoll neue Perspektiven und frische Ideen für einen landwirtschaftlichen Betrieb sein können“, erklärt sie. „Frauen, die neu in die Landwirtschaft einsteigen, bringen Innovation, Kreativität und neue Vermarktungsansätze ein. Das stärkt unsere Betriebe und die gesamte Branche.“ Reiter setzt sich dafür ein, Quereinsteigerinnen in die Land- und Forstwirtschaft gezielt zu unterstützen – mit Beratung, praxisnahen Weiterbildungsangeboten und Netzwerken, in denen Frauen selbstverständlich Frauen stärken.
Alles verwerten
Seit Anfang 2026 ist die 37-jährige Maria Lankowitzerin Susanne Atzler, die zuvor als begeisterte Kindergartenpädagogin arbeitete, überzeugte Vollerwerbsbäuerin. Ihr stolzes eigenes Projekt ist der Hofladen, der noch in diesem März eröffnet wird. Schon vor der gemeinsamen Hofübernahme im Jahr 2020 ist die Quereinsteigerin „in die landwirtschaftliche Praxis“ hineingewachsen. Sie hat auf das bestehende Standbein „Direktvermarktung“ gesetzt und einschlägige Weiterbildungen absolviert. Einen besonderen Fokus legt die vierfache Mutter auf Marketing und Werbung durch öffentliche Präsentationen oder durch Social-Media-Aktivitäten. Auf Instagram rührt sie etwa die Werbetrommel für am Hof hergestellte Produkte wie Leberkäse, Stangenwurst, Sulz, Brein- und Blutwurst oder Frischfleisch. In der Verarbeitung ihrer Produkte setzt sie ganz auf das Prinzip „from nose to tail“ und betont: „Uns ist wichtig, das ganze Tier zu verarbeiten.“
Bei den Kindern sein
„Learning by doing“ und fachspezifische Weiterbildungskurse haben den Weg von Quereinsteigerin Daniela Fagitsch (39) aus Groß St. Florian zur Vollerwerbsbäuerin ermöglicht. Als großen Vorteil des Berufes sieht die frühere Gemeindebedienstete und dreifache Mutter, dass man ständig bei den Kindern sein kann: „Das ist mir ganz wichtig. Ich genieße auch die Selbstständigkeit, die eigene Entscheidungsfreiheit und die Tatsache, dass ich mir meine Zeit weitgehend selbst einteilen kann.“ Daniela Fagitsch führt den breit aufgestellten Betrieb gemeinsam mit ihrem Mann. Die Familie betreibt Acker- und Obstbau. Vermarktet werden Kürbiskernöl, Essig, Geflügel, Eier und Fleisch.
Lämmermast und Ferienhaus
Ohne land- und forstwirtschaftlichen Background, aber mit viel Wissen über nachhaltige Lebensmittelproduktion im Gepäck ist Johanna Pieber (30) aus St. Kathrein am Offenegg frisch von der Universität für Bodenkultur in die landwirtschaftliche Praxis eingestiegen. Fasziniert von der nachhaltigen Lebensmittelproduktion hat sie sich gemeinsamen mit ihrem Mann entschieden, den Betrieb der Schwiegereltern weiterzuführen. Von der konventionellen Milchviehhaltung haben die beiden, bis auf ein paar Mutterkühe, auf die nicht so arbeitsintensive Bio-Lämmerhaltung und auf Direktvermarktung umgestellt. „Wir halten die sehr seltenen Krainer Steinschafe und wollen das auch noch um einiges erweitern“, sagt Johanna Pieber, die auch als Lehrerin in der land- und ernährungswirtschaftlichen Fachschule Naas unterrichtet. Die Lämmermast erfolgt gemeinsam mit ihrem Mann. Neben der Direktvermarktung steckt die zweifache Mutter auch viel Herzblut und Leidenschaft in die Vermietung eines Ferienhäuschens.
Tierwohl-Maßnahmen
Von der Steuerberatungskanzlei zur Biobäuerin und Profi-Direktvermarkterin – so lässt sich die berufliche Laufbahn von Elisabeth Rieser (33) aus Obdach beschreiben. Gemeinsam mit ihrem Mann hat die zweifache Mutter den bereits bestehenden Betriebszweig Direktvermarktung stark ausgebaut. Heute freut sich Elisabeth Rieser, die seit fünf Jahren Betriebsführerin ist, über die zukunftsfitte Ausrichtung des gemeinsamen Bauernhofes: „Wir haben seit 2012 viel in Renovierungen, Neubauten, Tierwohl und Marketing investiert und setzen auf seltene Rassen wie Murbodner-Rinder und Turobolje-Schweine.“ Gebaut wurden ein Bio-Schweinestall und ein Jungviehstall. Zudem wurde in Tierwohl-Maßnahmen sowie in die bestehenden Almhütten investiert.
Brotspezialitäten
Nach der HAK-Matura und ihrer Kurzkarriere als Bankangestellte hat die Riegersburgerin Christina Thir (43) mit ihrem Mann die verpachtete Landwirtschaft ihrer Schwiegereltern reaktiviert und anfänglich als Nebenerwerbsbetrieb geführt. Heute ist Christina Thir Vollerwerbsbäuerin, hat sich dem Brotbacken verschrieben und baut demnächst das Wirtschaftsgebäude um – für eine kleine, feine Hofbäckerei mit angeschlossenem Hofcafe mit rund 30 Plätzen. Ihre selbstgebackenen Brote und Brotspezialitäten sind wahre Kunstwerke. Thir, die mittlerweile Seminarbäuerin, Brotsommeliere und Bäckermeisterin ist, betont: „Beim Brotbacken und beim Präsentieren der Brote lebe ich meine Kreativität aus. Begeisterte Kunden sind mein Ansporn für Neues.“ Ihre größte Herausforderung als Quereinsteigerin war für die dreifache Mutter: „Man muss die Selbstzweifel auf die Seite schieben. Auch wenn man etwas nicht von der Pike auf gelernt hat, kann man es schaffen – es ist nie zu spät mit etwas Neuem zu beginnen.“
[© LK/Fuchs]