Zugegeben, der 47. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika macht es seinen Kritikern leicht. Sein Auftreten – deutlicher gesagt: seine Manieren – sind zumindest ebenso unerträglich wie jene europäische Politik, die in ähnlich peinlicher Weise ihm äußerst devot gegenübertritt. Doch was für Trump als Person insgesamt gilt, eben dieses letztlich inakzeptable Verhalten, sollten wir nicht in dieser Ausschließlichkeit auf seine Politik übertragen. Hannelore Veit, die langjährige ORF-Korrespondentin in Washington, hat erst vor kurzem in Servus-TV Trumps strategisches Denken einmal mehr in Erinnerung gerufen: Er geht in jedem seiner Deals, und so versteht er halt Politik, von einer Maximalforderung aus, um dann mit ständigem Blick auf die Börsen dieser Welt, insbesondere natürlich in den USA, zu einem Ergebnis zu kommen, das für ihn den größtmöglichen Erfolg darstellt. Das ist für die europäische Politik- und Medienblase natürlich ein absolutes No-Go. Wir brauchen hier nur nach Österreich blicken, wo die aktuelle Regierung mit dem Segen von Bundespräsident Alexander van der Bellen dahinarbeiten kann, denn „der gute Kompromiss ist österreichisches Kulturgut.“
Ein weiterer Grund dürfte auch darin liegen, dass sich in Europa, insbesondere in Brüssel, die Allianz aus Politik und Medien als hochmoralisierende Bevormundungsinstanz – Stichwort: betreutes Denken – versteht, während der den Amerikanern ausgeprägt innewohnender Pragmatismus wohl erst einen Präsidenten Trump möglich gemacht hat. Er mag zwar sonderlich und oft ziemlich „daneben“ sein, aber er ist für „uns“ in den USA letztlich das bessere Angebot. Mit „Unser Geld für unsere Leute“ sind immerhin auch schon Jörg Haider und Andreas Babler auf Wählerstimmenfang gegangen. Ob damit die gleichen „Leute“ gemeint waren, dürfen wir als historische Randnotiz ruhig ignorieren.
Weitaus wichtiger ist dagegen festzuhalten, dass die sukzessive Abkehr der USA als Schutzmacht Europas seit dem Balkankrieg in den 1990er-Jahren keine Erfindung Trumps ist. Schon Barack Obama und Joe Biden waren in dieser Frage mit dem jeweiligen Nachfolger – beide Male Trump – eines Geistes. Der Unterschied war bestenfalls ein gradueller, bloß dass die beiden Parteigänger der „Demokraten“ die diplomatisch-rhetorische Verschleierung besser beherrschten.
Ressourcen
Was sind wohl die beiden großen globalen Herausforderungen im 21. Jahrhundert? Die Antwort dürfte nicht allzu schwierig sein: Ressourcen und Sicherheit, wobei das Ringen um das eine unmittelbare Folgen für das andere hat. Der enge innere Zusammenhang ist offensichtlich. In Zeiten, in denen die Linke noch intellektuell auf der Höhe der Zeit war, wusste der marxistisch geprägte Schriftsteller Bert Brecht genau, dass das „Fressen vor der Moral“ komme und selbst Bruno Kreisky hielt „Leistung, Aufstieg, Sicherheit“ für sozialdemokratische Kernanliegen.
Trumps militärische Aktion gegen Venezuela und seinen Präsidenten Nicolás Maduro mag zwar völkerrechtlich inakzeptabel sein, und das darf nicht klein geredet werden, aber auch die Habenseite ist nicht zu übersehen: Eine der mörderischsten sozialistischen Diktaturen wurde zumindest ein wenig in die Schranken gewiesen und das nun wieder mehr in die Weltwirtschaft fließende venezolanische Öl dürfte einen nicht weniger schlimmen Diktator kommunistischer Provenienz, Wladimir Putin, treffen.
Ja, unser geopolitisches Gefüge im Großen verändert sich verdammt ähnlich unseren europäischen Herausforderungen angesichts einer Politik, die immer weniger zu verteilen – besser: umzuverteilen – hat. Wenn wir, wie Wolfgang Schüssel unlängst zu Recht davon gesprochen hat, unsere „Friedensdividende“ seit 1945 unter dem militärischen und wirtschaftlichen Schutzschirm der USA vor allem zum Ausbau eines letztlich überzogenen Sozialstaats verwendet zu haben, wird Europa hier genau so wenig um eine Neuordnung herumkommen, wie sich die Weltwirtschaft angesichts wachsender Ressourcenknappheit unausweichlich hin zu einem härter werdenden Konkurrenzkampf entwickeln wird.
Und Grönland?
Lassen wir uns von der aktuellen Rhetorik nicht bluffen: Weder Donald Trump noch sonst irgendwer hat Recht, wenn er nur von einem „Stück Eis“ spricht; und das weiß er. Wir dürfen auch die Aussage der dänischen Ministerpräsidentin Mette Fredriksen, dass Trump in der Grönlandfrage das „Ende der NATO“ herbeiführen könnte, nicht zu hoch hängen. Das Nordatlantische Verteidigungsbündnis hält seit Jahrzehnten die Türkei als Mitglied aus, die mit Griechenland, dem anderen NATO-Staat an der Südostflanke, alles andere als freundschaftlich verbunden ist. Und nicht zu vergessen: Die NATO hat auch Frankreichs Alleingänge samt vorübergehendem Austritt aus dem Bündnis weitgehend unbeschadet überlebt. In der Tat könnte Trump die NATO in ihrer bisherigen Form zwar sprengen, aber Grönland würde hier im schlimmsten Fall der Anlass, nie aber der Grund sein. Europa im Kriegsfall nicht mehr zu unterstützen, das ist die eigentliche Drohung.
Es mag beim ersten Lesen etwas eigenartig klingen, aber um die geopolitische Relevanz von Grönland zu verstehen, sollten wir uns knapp fünf Jahre zurückerinnern, als im März 2021 der Suezkanal durch ein sich quer stellendes Containerschiff eine Woche lang nicht passierbar war. Schätzungen zufolge soll jede Stunde die Weltwirtschaft rund 400 Millionen Dollar gekostet haben.
Eine andere Statistik zeigt, dass zwischen 80 und 90 Prozent des weltweiten Warenhandels über den Seeweg abgewickelt werden. Und was auch vielen nicht bewusst ist, viele Strecken zwischen kontinentalen Zentren der Nordhalbkugel sind über den Nordpol kürzer als „vorne“ oder „hintenrum“, wenn wir es mit unserem gelernten Blick auf den Globus betrachten.
Es wäre an dieser Stelle verlockend, die gesamte Geschichte der Erforschung eines Seewegs von Europa nach Asien und seinen realen oder auch nur vermuteten Schätzen nachzuerzählen. Nur so viel dazu: Als man endlich begriffen hatte, dass der amerikanische Doppelkontinent „im Weg lag“ begann die Suche, zuerst im Süden (Magellan) und dann die Route zwischen Grönland und Alaka im Norden Kanadas („Nordwestpassage“). Schließlich war auch die Alternative um die Südspitze Afrikas nicht besonders einladend. Suezkanal und Panamakanal lagen da noch in weiter Ferne.
Wenn wir nun auch noch den Klimawandel bedenken, der immer längere Zeiten der Passierbarkeit der arktischen Seerouten zur Folge hat, bekommen wir ein schlüssiges Bild. Es gibt Berechnungen, dass spätestens in den 2040er-Jahren selbst die „transarktische“ Route über den Nordpol über Monate hinweg eisfrei und somit kommerziell nutzbar sein wird. Die „Nordostpassage“, die Seeroute nördlich Russlands, wird bereits von Putin entwickelt, während Grönland als Schlüssel für die „Nordwestpassage“ hier wohl noch zurückbleibt. Wie auch immer, im arktischen Eismeer sind zumindest zwei große Zukunftschancen zu finden. Zum einen eben kürzere offene Seewege, aber auch die unter dem eben nicht „ewigen Eis“ liegender Rohstoffe: Mehr Ressourcen – mehr Sicherheit! Und an diesen Strecken wird es auch eine entsprechend leistungsfähige Infrastruktur geben müssen, Naturbeobachtung und einige militärische Stützpunkte wie heute in Grönland werden da nicht reichen.
Einige Beispiele zur Illustration: Ein Schiff, das von London nach Yokohama/Japan unterwegs ist, muss durch den Panamakanal rund 23.300 Kilometer, über die Nordwestpassage 15.930 Kilometer, über die Nordostpassage 13.840 Kilometer und durch den Suezkanal und die Malakka-Straße 21.200 Kilometer bewältigen. Von Marseille nach Yokohama wäre dagegen die Nordwestpassage der kürzeste der vier Wege. Dies gilt auch für Schiffe aus Rotterdam oder Hamburg, die an die pazifische Westküste nach Vancouver oder Seattle unterwegs sind. Auch von New York nach Schanghai ist die Nordwestpassage um 3850 Kilometer kürzer als der Weg durch den Panamakanal. Gar nicht zu reden von den wachsenden Bedrohungsszenarien am Panama- und Suezkanal wie auch auf den südostasiatischen Seewegen.
Und das Zweite, was die amerikanischen und europäischen Begehrlichkeiten auf Grönland erklärbar machen, die Grönländer selbst strebten ja bis vor kurzem die völlige Unabhängigkeit eines souveränen Staats an, ist der Rohstoffreichtum der Insel: Die „Seltenen Erden“ versprechen mehr Unabhängigkeit von China, Molybdän ist für hochwertigsten Stahl als Legierung besonders wertvoll, Magnesium ist als Leichtmetall als Konstruktionsbau- und -werkstoff sehr begehrt und die reichen Uran-Schätze lassen zumindest die Atomlobby von großen Gewinnen träumen.
Doch während die Eroberung der künftigen Seewege bereits weit fortgeschritten ist, steckt die notwendige Infrastruktur auf Grönland zur Gewinnung der Rohstoffe und als Zentrum einer arktischen Transportlogistik noch nicht einmal in den Kinderschuhen. Trumps Ungeduld ist nachvollziehbar.
Übrigens: Warum steht „grün“ im Titel dieser Zeitdiagnose? Die Bezeichnung Grönland – englisch Greenland – geht auf isländische Siedler aus dem 10. Jahrhundert zurück, die hier in einer kurzen „Warmzeit“ Landwirtschaft betreiben konnten. Mit dem Klimawandel wird diese Bezeichnung wohl neue Realität bekommen.

Erschienen im Rahmen der Serie „ZEITDIAGNOSEN” von Hans Putzer.
In der Serie „Zeitdiagnosen“ schreibt Hans Putzer monatlich einen Beitrag über gesellschaftliche und politische Themen. Hans Putzer war von 1999 bis 2008 Chefredakteur von NEUES LAND, von 2010 bis 2018 Direktor des Bildungshauses Graz-Mariatrost und zuletzt Mitarbeiter im Grazer Rathaus. Er wohnt mit seiner Familie in Hausmannstätten und verfasst seit vielen Jahren Beiträge für den Steirischen Bauernkalender.