Am 11. Juni, also in rund 14 Tagen beginnt in Mexico City die 23. Fußball-WM mit 104 Spielen am nordamerikanischen Kontinent, hauptsächlich in den USA. Nur unverbesserliche Sportromantiker können ignorieren, dass auch dieses Turnier wieder eine hochpolitische Veranstaltung sein wird. Es war ja ohnehin nie anders!
Zugegeben, der Titel dieser Zeitdiagnose ist schamlos abgekupfert beim großen preußischen Feldherrn und Militärstrategen Carl von Clausewitz, der vor knapp 200 Jahren seinen berühmten Satz „Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ formuliert hat. Und es gab ja auch im Juli 1969 tatsächlich einen sogenannten „Fußballkrieg“, auch „100-Stunden-Krieg“ bezeichnet, zwischen El Salvator und Honduras.
Ohne an dieser Stelle zu tief in die Geschichtsbücher der beiden mittelamerikanischen Nachbarstaaten blicken zu wollen, war hier in der Tat ein Fußballspiel, das über die Teilnahme an der Fußball-WM 1970 entschied, der unmittelbare Auslöser. Im Halbfinale der „Nord- und Zentralamerika-Gruppe“ musste, nachdem beide Teams ihr erstes Spiel gewonnen hatten, ein drittes Entscheidungsspiel auf „neutralem Boden“ (Mexico City) ausgetragen werden. El Salvator gewann in der Verlängerung. Erste Ausschreitungen nach dem Spiel hatten bereits Todesopfer zur Folge. Die diplomatischen Beziehungen wurden abgebrochen. Rund 17.000 Salvatorianer, meist Kleinbauern, die in Honduras lebten und Opfer massiver Gewalt wurden, flüchteten in ihre alte Heimat.
Und genau hier, und nicht im verlorenen Fußballspiel, liegt die Ursache des Konflikts. Denn rund 300.000 Salvatorianer waren in den Jahrzehnten davor aus ihrer dicht besiedelten Grenzregion nach Honduras geflüchtet, um hier brachliegendes Land von Großgrundbesitzern zu bestellen. Ende der 1960er-Jahre wurde – angesichts der wachsenden Verelendung der eigenen, meist besitzlosen Kleinbauern – eine längst überfällige Landreform von der honduranischen Politik in Angriff genommen.
Hier waren die Salvatorianer nun naturgemäß im Weg und unerwünscht. Paramilitärische Gruppen begannen mit einer rücksichtslos gewalttätigen Vertreibung. Nationalistische Emotionen wurden von beiden Seiten gezielt eingesetzt, aber es hat letztlich dieses Fußballspiels bedurft, um den Funken an der Lunte zu entzünden. El Salvator griff seinen Nachbarn am Boden und in der Luft an. Mehr als 2000 Tote auf beiden Seiten waren die schreckliche Bilanz des Krieges vom 14. bis 18. Juli.
El Salvator wurde letztendlich als Aggressor verurteilt. Die Nationalmannschaft konnte sich im Finale gegen Haiti durchsetzen und an der WM in Mexico teilnehmen. Dort setzte es in der Vorrunde gegen die UdSSR, Belgien und den Veranstalter Mexico drei Niederlagen; Torverhältnis 0:9.
Macht der Bilder
Drei Blitzlichter aus der jüngeren Vergangenheit, die wohl allen am Fußball Interessierten noch in Erinnerung sein dürften. Erstens: Bei der Auslosung des Spielplans für die bevorstehende Weltmeisterschaft überreichte FIFA-Präsident Gianni Infantino dem US-Präsidenten Donald Trump den eigens für diesen Anlass geschaffenen „FIFA-Friedenspreis“. Dass dies eindeutig gegen die Statuten des Weltfußballverbandes – politisches Neutralitätsgebot – verstoßen hat, blieb ebenso eine mediale Randnotiz wie der Umstand, dass Infantino, in seinem autokratischen Narzissmus von Trump ohnehin kaum unterscheidbar, diese Auszeichnung als „Wiedergutmachung“ für den nicht verliehenen Friedensnobelpreis an den US-Präsidenten initiiert hat.
Die Pointe an der Geschichte ist, dass die FIFA in ihrer Begründung den Aspekt Fußball erst gar nicht ins Spiel brachte, sondern Trumps politische Friedenarbeit – zu der man ja auch zumindest geteilter Meinung sein kann – würdigte. Wir lernen daraus: Der Weltfußball nimmt für sich auch die Rolle des politischen Weltoberschiedsrichters in Anspruch.
Zweitens: Was war das für eine Aufregung vor der letzten Weltmeisterschaft 2022 in Katar. Einige Teams, unter anderem auch Deutschland, wollten mit der sogenannten „Regenbogenbinde“ als Kapitänsschleife auflaufen, um auf die Verfolgung Homosexueller in diesem arabischen Staat zu protestieren. Dies wurde von der FIFA und ihrem Präsidenten – richtig: Gianni Infantino – mit dem Hinweis auf das politische Neutralitätsgebot verboten. Durch die Medien ging dann das berühmte deutsche Mannschaftsfoto, bei dem sich die Spieler als Zeichen des Protests die Hand vor den Mund hielten.
Viel zu reden hatten unsere Lieblingsnachbarn dann ohnehin nicht. Schon in der Vorrunde kam das peinliche Aus, nicht zuletzt, weil Japans Kicker im Kopf heller und mit den Beinen schneller waren. Zumindest die sonst politisch meist dilettierende deutsche Innenministerin Nancy Faeser konnte hinterher darauf verweisen, dass sie mit der ebenfalls verbotenen One-Love-Binde an der Seite von Infantino das Eröffnungsmatch ihrer Deutschen verfolgt habe. Echt mutig!
Drittens: 2018 fand die vorletzte WM in Russland statt. Das Finale zwischen Frankreich und Kroatien – 4:2 für Les Blues – war eines der besten Endspiele seit vielen Jahren. Ein kroatisches Eigentor, Griezmann, Pogba und Mbappé besiegelten das Schicksal der Männer um Luka Modrić. Bei der Siegerehrung mit den Präsidenten Wladimir Putin (Russland), Emmanuel Macron (Frankreich), der kroatischen Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović und Gianni Infantino setzte unvermittelt ein Platzregen ein. Nur für Putin war rasch ein großer schwarzer Schirm vorhanden, unter den er nach einigen Minuten den ohnehin schon durchnässten Macron „gnädig“ unterstehen ließ, während Infantino und Grabar-Kitarović im wahrsten Sinn des Wortes im Regen stehen gelassen wurden. Auch so kann ein Machtgefüge zum Ausdruck gebracht werden. So könnte man die Liste der Weltmeisterschaften weiter zurück bis 1930 durchgehen, keine davon war „politisch neutral“.
Warum gerade Fußball?
Auch wenn es kein „Pariser Urmeter“ gibt, das diese Annahme unzweifelhaft bestätigen könnte, ist wohl davon auszugehen, dass keine zweite Sportart weltweit politisch auch nur annähernd so hoch aufgeladen ist wie der Fußball. Nirgendwo sonst fließt so viel Geld, gibt es bedauerlicherweise auch so viele oft rassistisch aufmunitionierte Hooligans oder werden Wettbewerbe zur nationalen Identitätsversicherung. Deutschland fand mit dem Weltmeistertitel 1954 – „Wunder von Bern“ – wieder Anerkennung innerhalb der Völkergemeinschaft. Und in Argentinien feierte man 1978 den Titel im eigenen Land auch als Sieg der regierenden – mörderischen – Militärjunta.
Vergleichbares fand schon 1934 in Italien statt, wo Mussolini – heute weitgehend unbestritten – derart unverschämt auf die jeweiligen Schiedsrichter Einfluss genommen hat, bis die „Squadra Azzurra“ das Turnier gewinnen konnte. Eines der Opfer war auch das österreichische Wunderteam, das das Halbfinale mit vielfacher Benachteiligung durch den schwedischen „Unparteiischen“ Ivan Eklind 1:0 verlor. Und weil man sich auf ihn verlassen konnte, durfte er auch das Finale gegen die Tschechoslowakei (2:1 für Italien) pfeifen.
Der Satz „Rapid ist meine Religion“ ist hierzulande längst zur populären Redewendung geworden, und wie in der Religion geht es auch im Fußball hoch emotional zur Sache; für die meisten ihrer jeweiligen Anhänger zumindest. Der spanische Schriftsteller Javier Marías, ein leidenschaftlicher Fan von Real Madrid, hat es – Achtung: Wortspiel aus der Fußballersprache – sehr treffsicher formuliert: „Heutzutage wechselt der Mensch die Partei, die Religion, den Beruf, die Ehefrau oder den Ehemann, das Auto oder das Haus; aber niemals den Fußballverein.“
Fußball als Identitätsstifter
Ob das „Wiener Derby“ Austria gegen Rapid oder in Deutschland das „Frankenderby“ Nürnberg gegen Fürth, in beiden Fällen geht es schon längst nicht mehr um die nationale Vorherrschaft, schon gar nicht bei den Zweitligisten aus Franken, aber jedes dieser Spiele gegeneinander elektrisiert die Fans, lässt die Hooligans alle Regeln über Bord werfen und die jeweiligen Fans ihre ewige Liebe zum eigenen Verein und eine grenzenlose Verachtung für die „Anderen“ beschwören. Letztlich braucht es keine Länderspiele, auch Derbys, vor allem die traditionsreichen, sind politische Manifestationen.
Zwei Beispiele zum Abschluss. „Old Firm“, das Derby zwischen Celtic Glasgow und den Glasgow Rangers, gibt es seit 1888. Am Beginn stand die Rivalität zwischen den irisch-katholischen Einwanderern bei Celtic mit republikanisch-nationaler Prägung und den protestantisch-royalen Unionisten bei den Rangers. Das mag heute vielleicht nicht mehr so wichtig sein, aber die Rivalität erlaubt auch heute noch kein Aufeinanderzugehen der Fans.
Das südamerikanische Gegenstück zum „Old Firm“ findet in Buenos Aires, Argentinien, statt: Boca Juniors gegen River Plate, das „Superclásico“. Die „Juniors“, gegründet von italienischen Einwanderern, haben als Hafenarbeiter ihr proletarisches Selbstverständnis entwickelt. Die Spieler von River Plate werden als „El Millo“ (die Millionäre) genannt. Ihre Heimat ist das Nobelviertel Núñez, ihre Fans werden den Wohlhabenden zugerechnet. Ja, Fußball ist eben die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.

Erschienen im Rahmen der Serie „ZEITDIAGNOSEN” von Hans Putzer.
In der Serie „Zeitdiagnosen“ schreibt Hans Putzer monatlich einen Beitrag über gesellschaftliche und politische Themen. Hans Putzer war von 1999 bis 2008 Chefredakteur von NEUES LAND, von 2010 bis 2018 Direktor des Bildungshauses Graz-Mariatrost und zuletzt Mitarbeiter im Grazer Rathaus. Er wohnt mit seiner Familie in Hausmannstätten und verfasst seit vielen Jahren Beiträge für den Steirischen Bauernkalender.