Fasten und Auferstehungsglaube. Wir sollten beides ernst nehmen!

„Schokolade bricht das Fasten nicht“, hat schon im 19. Jahrhundert Honoré de Balzac gemeint. Damals vielleicht nur ein spöttisches Witzeln, stimmt uns dieses Bonmot heute nachdenklich.

von NEUES LAND

Beginnen wir unsere vorösterlichen Überlegungen sehr grundsätzlich! Innerhalb der letzten rund 70 Jahre haben – im städtischen Leben und wohl noch nicht so lange zurückliegend im ländlichen Raum – die religiösen Praktiken ihre soziale Normkraft verloren. Trauerkleidung, deren Tragzeit über den Grad der verwandtschaftlichen Nähe Auskunft gegeben hat, der am Karfreitag am Grazer Hauptplatz geschlossene Würstelstand oder der obligatorische sonntägliche Kirchgang, bloß um im Dorf nicht „schräg angesehen“ zu werden – das alles gehört der Vergangenheit an. Das mag man bedauern oder begrüßen. Darum geht es hier nicht. Es ist einfach so!

Der renommierte Wiener Pastoraltheologe Paul Michael Zulehner hat in einem anderen Zusammenhang darauf hingewiesen, dass die vergleichsweise hohe Zahl an Messbesuchern noch vor zwei, drei Generationen nicht eins zu eins mit der Gegenwart verglichen werden darf. Wer heute den Gottesdienst besucht, gibt damit ein Bekenntnis ab. Wer in den 1950er-Jahren sonntags die Messe mitfeierte, zeigte damit nicht selten auch bloß soziales Wohlverhalten.

Soziologisch betrachtet ist der Wandel kirchlicher Relevanz im Leben der Menschen in den letzten Jahrzehnten ein ungemein spannendes Thema. So wie die Kirchen und ihre Türme durch ihre zentrale Stellung in vielen Ortsbildern ständig präsent sind, nehmen auch religiöse Traditionen einen breiten Platz im gesellschaftlichen Leben ein. Doch sie sind nicht selten ins Weltliche transformiert. Fronleichnamsprozessionen, die vom Fremdenverkehrsverein als folkloristisches Highlight organisiert und beworben werden, oder Halloween als Neuinterpretation von Allerheiligen, an das alles haben wir uns – wenn auch regional unterschiedlich – gewöhnt. Und wenn für den Erntedanksonntag die Landjugend oder die Frauenbewegung die Federführung übernommen haben, dann ist das auch im Sinne einer Kirche, in der Laien und Kleriker auf Augenhöhe gestaltend tätig werden.

Das alles gilt auch und vor allem für die beiden kirchlichen Hochfeste und ihre Wochen der Hinführung, Weihnachten mit dem Advent und Ostern mit der Fastenzeit. Nur vordergründig oberflächliche Kulturpessimisten und moralinsaure, zuweilen auch religiös Vergiftete – ja auch das gibt es – sehen im Advent ausschließlich die Kauforgien und in der Fastenzeit das Kalorienzählen als Vorarbeit für die Sommermode oder gar als Ausdruck menschenverachtender Schönheitsideale. So billig sollten man es nicht geben.

Wenn wir Weihnachten als das Fest verstehen, bei dem wir das größte Geschenk Gottes an uns Menschen, seinen Sohn Jesus Christus, und Ostern als Verzicht eben dieses Sohnes verstehen, dem – uns erlösenden – Tod am Kreuz kompromisslos entgegenzugehen, dann ist auch unser Umgang mit Schenken und Verzichten ein sinnvoller. Und das einmal ganz abgesehen davon, dass beides unserer psychischen und physischen Gesundheit höchst zuträglich sein kann.

Spätestens hier kann (muss aber nicht) die religiöse Dimension wieder ins Spiel kommen. Der große katholische Denker Romano Guardini (1885-1968) hat seine Fastenerfahrungen auch für uns heute noch sehr beeindruckend beschrieben: „Zuerst wird nur der Mangel gefühlt; dann verschwindet das Verlangen nach Nahrung. (…) Der Körper wird gleichsam aufgelockert. Der Geist wird freier. Alles löst sich, wird leichter. (…) Das Gewissen wird hellsichtiger, feiner und mächtiger. Das Gefühl für geistige Entscheidungen wächst.“

Ähnlich Mahatma Gandhi (1869-1948): „Die Fastenzeiten sind Teil meines Wesens. Ich kann auf sie ebenso wenig verzichten wie auf meine Augen. Was die Augen für die äußere Welt sind, das ist das Fasten für die innere.“

Hin zur Auferstehung

Nun sind wir alle weder Guardini noch Gandhi und leben zudem noch in einer solchen Überflussgesellschaft, dass jeder Verzicht sehr rasch zur reinen Pose oder zur gedankenlosen Tradition verkommt. So paradox es klingen mag, auch den Verzicht muss man sich erst leisten können, damit er nicht zum Ausdruck eines Mangels oder gar eines Zwanges wird.

„Alle Jahre wieder“ ist man versucht, diese weihnachtliche Liedzeile auch angesichts der Wochen vom Aschermittwoch bis Ostern samt den nachfolgenden Hochfesten Himmelfahrt, Pfingsten und Fronleichnam zu summen, sei es als Ausdruck der Hoffnung oder auch bloß als seufzendes „Nicht-schon-wieder“. Alles, oder zumindest fast alles, ist zu diesem Thema schon gesagt und geschrieben worden. Die fünf großen Szenen (Einzug in Jerusalem, Letztes Abendmahl, Kreuzigung, Grabesruhe und Auferstehung) erinnern nicht nur literarisch geschulte Geister an eine klassische fünfaktige griechische Tragödie. Denn hier wie dort geht es um die ganz großen Fragen des Menschseins: Liebe, Tod, Schmerz, Erlösung, Gott.

Erfahrung des „Spürens“

Unser emeritierter Bischof Egon Kapellari, der zu Jahresbeginn seinen 90. Geburtstag feiern durfte, hat oft darauf hingewiesen, dass zur „gläubigen Betrachtung“ auch unverzichtbar eine Erfahrung des „Spürens“ gehört. Als es um die Missbrauchsfälle in unserer Diözese gegangen ist, hat er dies auch als Maß für die Bestrafung der Täter explizit eingefordert. Wenn wir nun diesen Gedanken weiterspinnen und ihn insbesondere auch auf unseren Umgang mit den kirchlichen Hochfesten hinterfragen, tun sich fast von selbst Vergleiche mit unserem Erleben großer Theaterstücke auf. Sind wir bei all dem nur beeindruckte Beobachter, lassen wir uns zumindest für einen bestimmten, meist ohnehin nur kurzen Zeitraum davon zumindest berühren oder spüren wir das Erfahrene – auf der Bühne das Schicksal der Protagonisten, im Hochfest die Anwesenheit Gottes – so sehr, dass wir danach ein anderer Mensch geworden sind?

Drei Antwortmöglichkeiten auf eine Frage: Wie wollen wir es mit dem Fasten, besser dem Verzichten halten? Nur Dabeisein ist wohl zu wenig. Es ist auch nicht so wichtig, wie lange und in welchem Umfang. Aber alles, was wir aus der Tiefe unseres Seins tun, soll und wird uns verändern. „Erneuern“ sagen viele gläubige Menschen in diesem Zusammenhang.

Ein anderes Bild für PC-Junkies: Drücken wir nach Ostern die Reset-Taste – also weiter wie bisher – oder haben wir unsere Festplatte neu formatiert? Und das Schöne daran: Wir haben jedes Jahr eine neue Chance, inspiriert von Kreuz und Auferstehung, unseren Arbeitsspeicher erweitert zu nutzen.

Worum geht es denn letztlich? Wohl um die Frage, ob wir Gott in unserem Leben und in unserer Welt einen Platz geben oder eben nicht. Ja, wir können fasten und zu Weihnachten ein „Fest der Familie“ feiern und es wird uns guttun, auch ohne hier Gott zu spüren. Aber die Konsequenzen dieser Entscheidung, wenn wir sie in die eine wie auch in die andere Richtung ernst nehmen, werden uns als Menschen ungleich mehr prägen als wir es wahrhaben wollen.

Entgegengesetzte Antworten

Wir haben mit einem Balzac-Zitat begonnen und mit gutem Grund schauen wir abschließend noch einmal in die sogenannte „große“ Weltliteratur: Die Frage nach einem möglichen Sinn in dieser Welt und somit auch in jedem einzelnen Menschenleben ist untrennbar mit der Frage nach der Existenz eines liebenden Gottes verbunden. Darin sind sich die bei diesem Thema wohl radikalsten Denker und Schriftsteller Fjodor M. Dostojewski und Albert Camus einig. Aber ihre Antworten sind völlig entgegengesetzt. In Camus‘ „Der Fremde“ ermordet die Hauptfigur Meursault einen namenlos bleibenden Araber, weil es in einer völlig absurden und sinnbefreiten Welt ohnehin nicht darauf ankomme, ob man früher oder später stirbt. Daher ist ihm auch sein Todesurteil kein unbegreifbarer Schrecken. Am Ende des Romans, nach einem völlig außer Kontrolle geratenen Besuchs eines Priesters in Meursaults Todeszelle, spürt dieser angesichts der Sterne am Himmel und der Geräusche der Landschaft „die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt“, eine oft zitierte Formulierung.

Raskolnikow, Hauptfigur in Dostojewskis „Schuld und Sühne“, wird ebenfalls zum Mörder. Auch sein Weltbild rechtfertigt diese Tat, aber nur vorerst. Ein geschickter Untersuchungsbeamter, sein eigenes Gewissen und die selbstlose Liebe der tiefgläubigen Sonja, die ihn ins sibirische Straflager begleitet, lässt Raskolnikow seine Tat gestehen, vorerst aber nicht bereuen. Sonja will ihn nicht beeinflussen, doch es ist ihr Glaube, der auch Raskolnikow Gott erfahren lässt: „Müssen ihre Überzeugungen jetzt nicht auch die meinigen sein? Wenigstens ihre Empfindungen, ihre Bestrebungen . . .“ Hier führt erst das „Spüren“ zur Veränderung.

„Du musst dein Leben ändern“, heißt es in einem berühmten Gedicht von Rainer Maria Rilke. Wenn wir die Fastenzeit nur als Stillhalteabkommen vor dem österlichen Halleluja verstehen, haben wir wahrscheinlich weder die Karwoche noch die Osternacht verstanden. Der Grazer Theologe Peter Trummer hat das Geheimnis der Auferstehung als Aufforderung an uns alle gedeutet, in unserem eigenen Leben öfter aufzustehen, vielleicht sogar den „Aufstand“ zu wagen, dem Leben eine neue Richtung zu geben und uns dabei von Gott begleiten zu lassen. Wir könnten das doch heuer in der Fastenzeit und zu Ostern wieder einmal versuchen!

 


Hand Putzet

Erschienen im Rahmen der Serie „ZEITDIAGNOSEN” von Hans Putzer.

In der Serie „Zeitdiagnosen“ schreibt Hans Putzer monatlich einen Beitrag über gesellschaftliche und politische Themen. Hans Putzer war von 1999 bis 2008 Chefredakteur von NEUES LAND, von 2010 bis 2018 Direktor des Bildungshauses Graz-Mariatrost und zuletzt Mitarbeiter im Grazer Rathaus. Er wohnt mit seiner Familie in Hausmannstätten und verfasst seit vielen Jahren Beiträge für den Steirischen Bauernkalender.

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