Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai 1945 war es für abgedankte steirische Soldaten des deutschen Militärs gefährlich, vor dem 24. Juli 1945 in ihre Heimatorte zurückzukehren. Bis zu diesem Tag hielten russische und jugoslawische Soldaten die Steiermark besetzt. Erst danach rückten britische Regimenter, von Kärnten kommend, in die Steiermark ein. Vor dem Eintreffen der Engländer wurden noch einige tausend Soldaten und sogar Zivilisten verschleppt und zum Teil ermordet, obwohl – zumindest offiziell – der Krieg längst beendet war. Einigen der nach Jugoslawien verschleppten Steirern gelang die Flucht aus der Gefangenschaft. Durch Zufall war es einem Lokalhistoriker gelungen, eine Flucht aus Jugoslawien zu dokumentieren.
Meldung bei der Behörde
Im Steiermärkischen Landesarchiv befindet sich der Vermerk des damaligen Bezirkshauptmannes Dr. Hans Knieli vom 16. Juli 1945: „Es erscheint Amon Alfred von Vochera Nr. 17 und gab folgendes an: Ich bin 1919 geboren. 1940 rückte ich zur Wehrmacht ein. Von Februar 1945 bis zum 27. April lag ich im Reservelazarett Deutschlandsberg. Als dieses abmarschierte, ging ich zu den Freiheitskämpfern. Am 10. Mai ging ich nach Hause und arbeitete in der Landwirtschaft meiner Eltern. Am 15. Juni wurde ich von Tito-Truppen festgenommen und nach Marburg gebracht. In der Nacht vom 2. auf 3. Juli gelang es mir, zu entkommen und nach Hause zu gelangen.“
Unglaubliche Details seiner Flucht
Bei einer kurzen Begegnung mit Amon in Graz und in Gesprächen mit Verwandten war es möglich, unglaubliche Details seiner Flucht zu erfahren.
„Ich habe eine Ausbildung als Mechaniker in der Luftwaffe bekommen“, erzählte Amon. „Ab dem Sommer 1944 war ich auf dem großen Einsatzflughafen Fels am Wagram auf dem Tullnerfeld stationiert. Bei einem Bombenangriff der Russen wurde ich verwundet und nach Deutschlandsberg überstellt. Zwei Wochen vor dem Kriegsende hätte ich mit anderen Patienten zu einem Lager im Ennstal fahren sollen, wollte aber lieber zu meinem Heimathof in Vochera marschieren und bin heimlich zur Laßnitz hinuntergegangen. Ich bekam aber einen Schwächeanfall und schaffte es nur bis Frauental. Dort fand mich eine Bauersfrau in der Wiese sitzen und führte mich zum Hof Dobrovolnik, wo sich in der Wagenhütte gerade ein Wehrmachtsflüchtling aufhielt. Er sagte, der Krieg wäre so gut wie vorbei und ich sollte mich den Widerstandskämpfern anschließen. Ich ließ mich überreden und war dann bei der Gruppe, die beim Kriegsschluss auf dem Leibenfeld durchziehende Soldaten entwaffnete. Danach konnte ich nach Hause marschieren, wo ich sofort bei der Feldarbeit helfen musste.
Verhaftung
Mitte Juni half ich bei einer Zaun-Reparatur hinter unserem Haus. Auf einmal tauchten drei Titos auf und verhafteten mich. Warum, hatte ich nie erfahren. Ich musste sofort in meinem Arbeitsgewand mitkommen. Sie sperrten mich in einen Keller in Groß St. Florian, wo schon zwei andere ehemalige Soldaten waren. Am nächsten Tag mussten wir nach Leibnitz marschieren, bei größter Hitze, ohne Verpflegung. Nur einmal durften wir bei einem Ziehbrunnen an der Straße etwas trinken. Dann ging es mit über hundert anderen Gefangenen im Zug nach Marburg/Maribor.“
Grauenhafte Zustände
Im Marburger Lager waren einige tausend deutsche und österreichische Soldaten interniert. Die Zustände waren grauenhaft. Bei schwerster Arbeit gab es nur eine Mahlzeit im Tag. Die meiste Zeit musste Amon Bombenschäden beseitigen. Werkzeug gab es für ihn keines. Ziegel und Bauschutt musste er mit bloßen Händen auf einen Lastkraftwagen laden. Nach dem ersten Arbeitstag hatte er blutige Hände. Im Lager ging das Gerücht um, dass alle ehemaligen Luftwaffensoldaten, egal, ob sie Piloten oder Mechaniker waren, bald nach Belgrad kämen. Dort, auf dem Militärflughafen, stünden einige hundert Me 109-Jagdflugzeuge, die zu reparieren wären.
Am 2. Juli 1945 waren er und ein Kamerad zum Abtragen einer Hausmauer eingeteilt. Abends, als sie noch immer arbeiteten, passierte es, dass sie von einem herabfallenden Balken getroffen wurden. Der andere war sofort tot, er selbst nur bewusstlos, wurde jedoch auch für tot gehalten. Man warf die beiden auf einen Pferdewagen, der sie wahrscheinlich zu einem Massengrab bringen sollte. Unterwegs wachte Amon auf und konnte flüchten, als der Wagen bei einem Gasthaus anhielt und der Fuhrmann mit seinem Begleiter im Gasthaus verschwand. Obwohl er noch ganz benommen war, erreichte er bald den schützenden Wald. Sein Problem war, dass er sich auf dem rechten Drau-Ufer befand und irgendwie an das linke Ufer gelangen musste.
Schwierige Drau-Überquerung
Bei Tag hielt er sich in den Auwäldern auf und konnte sogar schlafen, nachts marschierte er. Was ihn wahrscheinlich rettete, war eine Kraxe voll Maisstriezel, die er bei einer Keusche fand. Die meistern waren von Mäusen angefressen, doch fand er noch genug andere, mit denen er seine Hosentaschen vollstopfte. Oft ging er zum Drau-Ufer hinunter, um zu erkunden, wo er über den Fluss schwimmen könnte. Endlich, eines Abends, oberhalb der Staustufe des Kraftwerkes Fala, wagte er es. Er hängte sich die Schuhe um den Hals und schwamm so schnell er konnte. Da es schon dunkel war, konnte er nicht erkennen, dass ein Teil der Staustufe geöffnet war und die Strömung immer stärker wurde. Mit letzter Kraft schaffte er es bis ans andere Ufer.
In zwei Nachtmärschen kam er auf dem Grenzberg Remschnigg an. Bei einem Bauernhaus unterlief ihm ein schwerer Fehler. Er glaubte, schon in Österreich zu sein und betrat die Stube, um Essen zu erbetteln. Er grüßte, wie es sich gehörte, mit „Grüß Gott!“ Die Stube war voll mit Leuten, die ihn verdutzt anschauten. Plötzlich bemerkte er zwei jugoslawische Soldaten in ihrer Mitte. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, knallte er die Tür zu und lief in die Finsternis hinaus. Sekunden später hörte er eine MP losrattern, doch war er längst im Wald untergetaucht.
Zu Hause angekommen
Ober Leutschach konnte er schließlich die Grenze überqueren. Bei einem Gasthaus bekam er ein wenig zu essen und konnte sich durch die Wälder bis nach Deutschlandsberg durchschlagen, wo er sich beim Bezirkshauptmann meldete und um seinen Schutz bat. Ein Kanzleidiener führte ihn in der Nacht durch die Wälder bis nach Freiland hinauf, wo er eine sichere Unterbringung bei einem Bauern fand. Erst nach dem Abzug der jugoslawischen Besatzung getraute er sich nach Vochera heimzukehren.
Autor: Herbert Blatnik