Am 4. Juli 1776 – vor 250 Jahren – haben sich die 13 britischen Kolonien an der Ostküste Amerikas vom Königreich Großbritannien als unabhängig erklärt – ein Akt, dessen weltgeschichtliche Bedeutung gar nicht überschätzt werden kann. Zum einen gilt das naturgemäß für die amerikanische Geschichte selbst, zum anderen aber auch für Europa. Zur Erinnerung: Die zweite Hälfte der europäischen Geistesgeschichte stand vor allem im Zeichen der Aufklärung und ihrer Freiheitsideen, war aber politisch unverändert vom Geist des Absolutismus geprägt.
Die daraus notwendigerweise entstehenden Spannungen führten letztlich zu ganz unterschiedlichen Entwicklungen bei den europäischen Großmächten. So hat etwa Maria Theresia in diesem Jahr 1776 in ihrem Herrschaftsbereich die Folter abgeschafft, ab 1780 regierte ihr Sohn Joseph II. im Sinne eines aufgeklärten Absolutismus: „Alles für das Volk, nichts durch das Volk“. Preußen bereitete sich mit der Errichtung des modernsten Heeres in dieser Zeit auf eine Auseinandersetzung mit Österreich vor (Bayrischer Erbfolgekrieg 1778/79). Katharina die Große stärkte vor allem diplomatisch die Bedeutung Russlands auf der Weltbühne. Und Frankreich als Verbündeter der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung taumelte fast schicksalhaft in die Revolution von 1789, ideologisch unterfüttert von den Ideen jenseits des Atlantiks.
Der Rest ist Geschichte: Schreckensherrschaft der Revolutionäre („La Terreur“), Napoleon, die sogenannten Koalitionskriege zwischen 1792 und 1815, Wiener Kongress, „Heilige Allianz“ von Österreich, Preußen und Russland, Restauration. Oder kürzer gesagt: ein europäischer Flächenbrand, bis dahin nur mit dem Dreißigjährigen Krieg vergleichbar und ohne die Entwicklungen in Amerika so kaum vorstellbar.
Man sollte diese europäische Realität – und deshalb wird sie hier auch kurz umrissen – nicht außer Acht lassen, wenn auch die Geschichts- und Politikwissenschaft das erste amerikanische Jahrhundert zu Recht als eine „defekte Demokratie“ bezeichnet. Sowohl der Umgang mit den indigenen Völkern als auch das Aufrechterhalten der Sklaverei bis 1865 können nicht mit dem Hinweis auf „andere Zeiten“ relativiert werden. Dass das Frauenwahlrecht erst 1920 eingeführt worden ist, unterscheidet die USA hingegen kaum von Europa. So war diese Demokratie der antiken griechischen gar nicht so unähnlich. Die Entscheidungsmacht lag bei einer kleinen Gruppe besitzender Männer.
Doch sie wusste sich den drei unumstößlichen staatsrechtlichen Verpflichtungen europäischer Aufklärer wie John Locke verpflichtet, wenn auch (noch) nicht für alle: Leben, Freiheit und Eigentum stehen unter dem absoluten Schutz des Staates. Und im Vergleich zur europäischen Realität war diese Demokratie wohl „defekt“, aber es war in ihrem Grundverständnis zumindest eine Demokratie. Das alles hat Folgen, die bis in die Gegenwart wirkmächtig reichen.
Amerikanische Identität
„The land of the brave and the free“ („Das Land der Tüchtigen und der Freien“) charakterisiert unverändert das Selbstverständnis der US-amerikanischen Gesellschaft. Während sich das europäische Verständnis von Demokratie vor allem nach 1945 hin zu mehr Staatsverantwortung und Reglementierung entwickelt hat – leider hat sich auch die EU weit von ihrer ursprünglichen Idee als Wirtschaftsunion hin zu einer sozialen Betreuungsagentur verändert – , blieb der Adressat der US-amerikanischen Politik stets der eigenverantwortliche Bürger. Nicht zufällig werden bis zum heutigen Tag immer wieder die politisch eigentlich konträren Präsidenten John F. Kennedy („Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann – fragt, was ihr für euer Land tun könnt.“) und Ronald Reagan („Die neun [deutsch elf] furchterregendsten Worte in der englischen Sprache sind: Ich komme von der Regierung und bin hier, um zu helfen.“) zitiert.
Noch einmal: Sicherheit, Freiheit und Eigentum haben politisch den absoluten Vorrang und vor jedem dieser Leitbegriffe muss „persönliche/s“ gesetzt werden. Es gibt beispielweise eine Reihe von ökonomischen Studien, die der Frage nachgehen, warum das mehrheitlich englisch geprägte Nordamerika im Gegensatz zum iberisch kolonialisierten Süd- und Mittelamerika auf eine weitaus erfolgreichere Wirtschafts- und Wohlstandsgeschichte zurückblicken kann. Neben klimatisch-geografischen Startvorteilen werden hier vor allem die größere Rechtssicherheit und die breitere Streuung und Förderung von Eigentum genannt.
Ja, man kann mit der Überheblichkeit der später Geborenen Kritik daran üben, dass in den ersten Jahrzehnten der US-amerikanischen Geschichte das Wahlrecht an Besitz gekoppelt war. Doch das Faktum, dass es erst die Möglichkeit war, mit diesem Eigentum Verantwortung für die Allgemeinheit zu übernehmen, kann ebenso wenig wegdiskutiert werden. Während das europäische Denken die Verantwortung für ein gutes Leben immer mehr an staatliche und staatengemeinschaftliche Institutionen delegiert hat, hat sich auf der anderen Seite des Atlantiks eine Kultur einer individuellen Verantwortung durchgesetzt. Das mag – allerdings wiederum aus europäischer Perspektive – eine Reihe von Schattenseiten haben, man denke an das Gesundheitssystem oder den Umgang mit Waffen in privaten Händen, doch das sinkende Sicherheitsgefühl in vielen europäischen Städten von Villach bis London ist wohl nicht weniger problematisch.
Und Trump?
Bei all dem ist eines nicht zu leugnen, Europa und die USA entfernen sich in vielerlei Hinsicht immer weiter voneinander. Das war schon bei Clinton und Obama so, Biden hatte zumindest angesichts seiner irischen Vorfahren noch eine gewisse „Beißhemmung“, die Umorientierung seiner demokratischen Vorgänger vom atlantischen hin zum pazifischen Raum lautstark zu verkünden. Donald Trump ist da anders und in der Tat sind sein Benehmen, seine Eitelkeit, überhaupt seine fehlende Bereitschaft, Menschen nicht als Untergebene zu sehen, nicht nur unerträglich, sondern auch politisch nicht frei von Gefahr. Ihn aber täglich, wie in europäischen Medien und oft auch in selbsternannten intellektuellen Kreisen zu dämonisieren und ihn als größte Gefahr für die Menschheit seit Hitler – Stalin wird hier gerne verschwiegen – zu bezeichnen, dürfte doch stark übertrieben sein. Ihn, wie mancherorts, schlimmer als Putin und Xi Jinping darzustellen, ist wohl eher einer linken Verblendung als einer realen Sicht der Dinge geschuldet. Das alles hat seine „gute“ Tradition im linken Antiamerikanismus, für den wirtschaftlicher Erfolg schon immer mit antikapitalistischen Diebstahlsobsessionen verbunden war.
Die Pointe an dieser ganzen Geschichte liegt ja ohnehin darin, dass Trump zwar ständig „America first“ ruft, aber in seinen Auftritten und Haltungen völlig unamerikanisch agiert. Nichts an ihm erinnert an das amerikanische Rechtsverständnis von „Checks and Balances“, was in etwa der europäischen Gewaltenteilung entspricht. Nichts an ihm erinnert an das Prinzip des freien unabhängigen Bürgers, der nicht ständig mit neuen Gesetzen und Regulierungen „belästigt“ werden will.
Wir sollten uns daher vor Trump weniger fürchten als ihm – wenn auch unfreiwillig – dankbar sein, dass er uns in entscheidenden Punkten die Augen öffnet; zumindest bei jenen, die da auch hinschauen wollen. Wolfgang Schüssel hat zu Recht darauf hingewiesen, dass wir Europäer nach 1945 unter dem amerikanischen Schutzschirm als „Friedensdividende“ einen Sozialstaat aufgebaut haben, der politisches Handeln immer mehr zum moralischen Hochamt verkommen ließ. Anstatt auf die Tech-Milliardäre im Silicon Valley oder auf das Tempo beim Errichten chinesischer Infrastrukturbauten überheblich und zugleich neiderfüllt zu blicken, wäre es höchst an der Zeit, europäische Aufholinitiativen zu starten.
Den wahrscheinlich politisch größten Graben stellt das unterschiedliche Verständnis von Freiheit auf beiden Seiten des Atlantiks dar. Was war das für ein Aufregung, als Vizepräsident JD Vance im Februar 2025 in München den Europäern die Leviten gelesen hat. In der Tat ging und geht es her um eine der wichtigsten zivilisatorischen Errungenschaften in der amerikanischen Verfassung, um den sogenannten „ersten Verfassungszusatz“, der dem Recht auf freie Meinungsäußerung eine äußerst hohe Priorität einräumt. Meinungen, so lange sie nicht strafrechtliche Grenzen überschreiten, können nie ein Verbrechen sein, politische Ansichten schon gar nicht. Vance, ganz ohne Umschweife, wenn Europa diese Freiheit der Rede nicht wieder zulasse – und in der Tat haben sehr viele Menschen in Europa schon längst Angst davor, manches auszusprechen, weil sie fürchten, dann sozial geächtet zu werden – „gibt es nichts, was Amerika für euch tun kann“.
Und die europäische Pointe liegt hier wiederum darin, dass es gerade jene Meinungsmacher sind, die sich als Bewahrer der liberalen Demokratie aufspielen, die von den sozialen Medien über die Definition, was alles schrecklich rechtsradikal sei bis hin zu biologischen Tatsachen am liebsten alles verbieten wollen, was nicht in ihr krauses Weltbild passt. „Amerika, du hast es besser“, wusste schon Goethe und zumindest bei diesem Punkt stimmt es noch immer.

Erschienen im Rahmen der Serie „ZEITDIAGNOSEN” von Hans Putzer.
In der Serie „Zeitdiagnosen“ schreibt Hans Putzer monatlich einen Beitrag über gesellschaftliche und politische Themen. Hans Putzer war von 1999 bis 2008 Chefredakteur von NEUES LAND, von 2010 bis 2018 Direktor des Bildungshauses Graz-Mariatrost und zuletzt Mitarbeiter im Grazer Rathaus. Er wohnt mit seiner Familie in Hausmannstätten und verfasst seit vielen Jahren Beiträge für den Steirischen Bauernkalender.