Ein Plädoyer für Augenmaß und Hausverstand!

Norbert Bolz, einer der wichtigsten Zeitdiagnostiker im deutschen Sprachraum, hat ein neues Buch veröffentlicht: „Zurück zur Normalität. Mit Augenmaß und gesundem Menschenverstand“.

von Siegfried Soritz

Es ist schon wieder mehr als zwei Jahre her, als es im Juli 2023 zwischen der niederösterreichischen Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner von der Volkspartei und dem damaligen grünen Vizekanzler Werner Kogler zu einer veritablen Auseinandersetzung über „normal denkende“ Menschen gekommen ist. Zur Erinnerung: Angesichts von Klimaklebern, Gendersprache und dem nicht nur aus heutiger Sicht kaum zu widersprechenden Lauterwerden der politischen Ränder müsse man, so die Landeshauptfrau, der schweigenden Mehrheit der „normaldenkenden Menschen“ eine kräftige Stimme geben.

Im Rückblick erscheint Koglers Replik wie eine Regieanweisung für den sich seither ständig verschärfenden Ton links-grüner Fundamentalisten: Mikl-Leitners Aussagen seien „brandgefährlich und darüber hinaus präfaschistoid“, auch „die Kirche fand es einmal normal, Frauen zu verbrennen.“ Magnus Brunner (VP), damals Finanzminister und sichtlich um das Klima in der türkis-grünen Koalition auf Bundesebene bemüht, sprach schließlich von einer „Sommerlochdebatte“. Auch sonst waren die Reaktionen eher verhalten und enden wollend. Und Koglers übliche Rhetorik der selten stimmigen und meist verschwurbelten Vergleiche sei halt einmal so. Sei’s drum!

Doch dieses Kalmieren griff schon vor zwei Jahren zu kurz. Es hätte schon damals einer tieferen Analyse bedurft. Kogler hat in seiner Stellungnahme – für ihn übrigens bemerkenswert kurz und prägnant – das ganze Register links-grüner Agitation gezogen: Angst statt Argumentation („brandgefährlich“), Faschismuskeule und last but not least mit einem völlig unpassenden Kirchenvergleich auch noch ein Bruch mit einem Identitätsmarker bürgerlicher Tradition. Man muss und kann zu Recht die angedeuteten Hexenverbrennungen vorbehaltslos kritisieren, doch als „normal“ hat das seinerzeit nicht einmal die Kirche empfunden.

Das ständige Hantieren mit Weltuntergangsszenarien, die Denunziation aller nicht links-grünen („woken“) Haltungen als rechtsextrem und ein möglich vollständiger Bruch mit allen bürgerlichen Traditionen, insbesondere der Aufklärung, ist das zentrale Thema für Norbert Bolz in seinem bereits angesprochenen neuen Buch.

Umstritten, no na

Norbert Bolz, Jahrgang 1953, war bis zu seiner Emeritierung an der TU Berlin 2018 ein breit wahrgenommener und auch weithin angesehener Medien- und Kommunikationswissenschaftler. Sein Buch „Am Ende der Gutenberg-Galaxis“ (1993) ist bis heute ein Standardwerk zur Medientheorie geblieben. Als meist im besten Sinne nicht akademisch Formulierender ist er oft gesehener Gast in deutschen TV-Talkshows, in Österreich allerdings nur bei „Servus-TV“. Beim ORF bekommt er naturgemäß kaum die Möglichkeit, seine Gedanken einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Als Liberaler, Anti-Egalitärer, den Bevormundungsstaat Kritisierender und Leistungsorientierter hat er in diesem geistigen (?) Umfeld des Küniglbergs wohl nichts verloren.

Umso mehr lohnt es sich, diese Woche den Leserinnen und Lesern von NEUES LAND ein wenig von Bolz’ Gedanken näher zu bringen. In seinem neuen Buch kommt er schon auf den ersten Seiten auf den Punkt seiner Zeitkritik: An die Stelle von „Augenmaß“ und „gesundem Menschenverstand“ seien „hysterischer Alarmismus“, „mimosenhafte Wokeness“ und „das letzte Asyl der heimatlosen Linken“ getreten.

Der „hysterische Alarmismus“ mit seinen täglichen Untergangsszenarien von Greta Thunberg bis zu militanten Tierschützern, mit seinen TV-Magazinen, in denen ein 40-Stunden-Job als unzumutbare Beeinträchtigung der persönlichen Freiheit gilt, bis hin zu amerikanischen Universitäten, wo die abendländische Kultur als Wurzel allen Übels aus den Lehrplänen gestrichen wird, muss an dieser Stelle nicht weiter erläutert werden. Wir stehen täglich an irgendeinem Abgrund und die „Tropennächte“ – eine inhaltlich übrigens völlig sinnbefreite Bezeichnung – lassen uns auch immer weniger gut schlafen.

Die sogenannte „woke“ („erwachende“) Bewegung war anfangs ein berechtigtes gesellschaftspolitisches Anliegen gegen rassistische Übergriffe insbesondere der weißen US-amerikanischen Polizei gegenüber Farbigen („Black Lives Matter“ – „Schwarze Leben zählen“) sowie gegen den oft gewaltbereiten sexuellen Missbrauch von Frauen durch Männer („Me too“ – „Auch ich“). In beiden Fällen steht der Kampf Schwächerer gegen Stärkere am Beginn. Mit gutem Grund konnten diese Bewegungen auch die moralische Überlegenheit gegenüber ihren Tätern in Anspruch nehmen.

Doch mit einer in dieser Dynamik von vielen kaum erwarteten Entwicklung wurde dieses „woke“ Agieren zur Legitimation aller Verfolgten, sich auch bloß verfolgt Fühlenden und für Minderheiten jeglicher Provenienz sowieso. Am deutlichsten sichtbar wurde dieses Phänomen in den letzten Jahren bei Fragen der sexuellen Orientierung und des Selbstbestimmungsrechtes bei der Wahl des Geschlechts, das nun nicht mehr eine biologische Determinierung darstellt. Kann man sogenannte „FLINTA-Partys“, die nur für „Frauen, Inter*, Nicht-binäre, Trans* und Agenderpersonen“ offen sind, noch mit einem gewissen Maß an distanzierter Toleranz nachvollziehen, so hört sich bei biologischen Männern im Frauensport oder bei verurteilten Sexualstraftätern, die nach selbstbestimmten Geschlechtswechsel, manchmal durchaus auch mit Voll- oder zumindest Dreitagebart, in Frauengefängnisse eingeliefert werden, der sprichwörtliche Spaß auf.

Aber man könne doch von wenigen problematischen Einzelfällen diesen gewonnenen Fortschritt (?) und diese neue Freiheit (?) nicht in Bausch und Bogen verurteilen, hört man dann. Ein Argument, das allerdings nicht zieht, denn der Kampf gegen die biologistische Sicht auf die Geschlechter begann gerade auch mit dem Schicksal einer statistisch verschwindenden Zahl von „Einzelfällen“, deren Geschlecht in der Tat nicht zuordenbar ist.

Für die politische Linke ist diese Entwicklung eine doppelte Herausforderung. Zum einen haben Vertreterinnen eines Feminismus im Sinne von Alice Schwarzer längst erkannt, dass dieser Kult um „Transgender“ mit all seinen Spielarten der angeblich mittlerweile über 70 Geschlechts- und Nichtgeschlechtszuschreibungen den berechtigten Anliegen der Frauen in unserer Gesellschaft, und deren gibt es mehr als genug, mehr schaden als nützen. Und insbesondere der linke Flügel der sozialdemokratischen Parteien in Europa hat mit seinem Selbstverständnis, sich stets auf die Seite der Minderheiten in einer Gesellschaft zu schlagen, längst den Kontakt zu den großen Gruppen innerhalb dieser Gesellschaft verloren.

Intoleranz

Zurück zu Norbert Bolz und dessen Überlegungen: Zuallererst sind Themen wie der Klimawandel, Fragen zur individuellen Freiheit oder auch der noch immer nicht überwundene Alltagsrassismus sehr ernst zu nehmen und unverändert von großer Bedeutung. Doch sie sind kein Freibrief zur Denunziation Andersdenkender. Und für Herausforderungen wie diese gibt es nicht nur die eine und einzige Antwort, die jegliche Intoleranz legitimiert. Wenn die Verfolgten von gestern zu den gnadenlosen Verfolgern von heute geworden sind, sollten alle Alarmglocken schrillen. Der „ökologische Absolutismus“ hat sich zur neuen Religion aufgeschwungen und der alte weiße Mann ist der alles vernichtende Teufel, der fliegt, Auto fährt, Fleisch isst und nicht täglich seine höchst persönliche Schuld für die Verfehlungen seiner Vorfahren auf sich nimmt. Das alles sei nicht mehr verhandelbar.

Wenn es ein Selbstbestimmungsrecht zur Wahl des Geschlechts gibt und das Vorangegangene nicht mehr zählt, kann man sich als „queere“ Persönlichkeit in der Nahostfrage auch auf die Seite terroristischer Islamisten stellen, denn hier wie dort gilt die hasserfüllte Abneigung dem bösen Westen und seinen weißen Männern. Dass ein homosexuelles Paar in Gaza wohl keine drei Tage überleben würde, dass Frauenrechte in mancher dieser Staaten im wahrsten Sinne des Wortes weggeprügelt werden, spielt dann plötzlich keine Rolle.

Es ist dieser totalitäre Fundamentalismus im grün-woken Segment unserer Gesellschaft, der das „Augenmaß“, als den „einfachsten Intelligenztest“ einer Gemeinschaft, so Bolz Arnold Gehlen zitierend, verunmöglicht. Das „Normale“ ist für diese Aktivisten daher nicht Ausdruck einer gesellschaftlichen Mitteposition, sondern ihr größter Feind bei ihrer Verwirklichung einer neuen Gesellschaft. Unsere Vernunft, unser bürgerliches Engagement und ein klares Wertebekenntnis zu Heimat, Familie, Freiheit und Eigentum mögen dies verhindern.


Hand Putzet

Erschienen im Rahmen der Serie „ZEITDIAGNOSEN” von Hans Putzer.

In der Serie „Zeitdiagnosen“ schreibt Hans Putzer monatlich einen Beitrag über gesellschaftliche und politische Themen. Hans Putzer war von 1999 bis 2008 Chefredakteur von NEUES LAND, von 2010 bis 2018 Direktor des Bildungshauses Graz-Mariatrost und zuletzt Mitarbeiter im Grazer Rathaus. Er wohnt mit seiner Familie in Hausmannstätten und verfasst seit vielen Jahren Beiträge für den Steirischen Bauernkalender.

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