Anekdoten, diese meist lustigen Kurzgeschichten, enthalten mitunter besonders originelle Aussagen. Zum Glück fanden sich immer wieder Personen, die sie aufzeichneten. Gesammelt von Herbert Blatnik.
Kaiser Franz Josef und das Parlament
Der österreichische Kaiser stand dem Parlamentarismus etwas reserviert gegenüber. Nach jeder Wahl zum Reichsrat, dem österreichischen Parlament, interessierte sich der Kaiser für die neuen Abgeordneten. Gemeinsam mit seinem Privatsekretär ging Franz Josef die Liste durch. Als es wieder einmal so weit war und der Kaiser die Liste in der Hand hielt, stutzte er bei einem Namen, weil er ihn schon mehrmals in den Zeitungen gelesen hatte. Sein Sekretär meinte, er kenne diesen Mann, das sei ein „amtsbekannter“ Idiot und es wäre ein großer Fehler gewesen, ihn überhaupt für das Parlament zu nominieren. Darauf der Kaiser: „Die Idioten in unserem Staat haben in den letzten Jahren derart zugenommen, dass wir es ihnen gar nicht verwehren können, einen Vertreter in das Parlament zu entsenden.“
Wer war James Bond wirklich?
Der ehemalige englische Geheimdienst-Offizier und Schriftsteller Jan Fleming suchte im Jahr 1955 für seinen ersten Bond-Roman „Moonraker“ einen Namen für seinen Helden. Der Name sollte möglichst kurz und leicht zu merken sein. Er wählte James Bond, den Namen eines bekannten Ornithologen. Nach der Verfilmung eines seiner Romane gab Fleming in den USA eine Pressekonferenz, bei der er eingestand, den Namen eines Vogelforschers entlehnt zu haben.
Zufällig erfuhr der „echte“ James Bond von dieser Sache und schrieb an Fleming einen Brief, in dem er sich beschwerte, dass Fleming ihn nicht gebeten hatte, seinen Namen verwenden zu dürfen. Für die brutale und mordende Romanfigur hätte der Wissenschaftler niemals seinen Namen hergegeben. Worauf sich Fleming brieflich bei ihm entschuldigte. Unter anderem soll er geschrieben haben: „Ich suchte also für meinen Helden einen Namen, der Edelmut, Entschlusskraft, höchste Intelligenz, Willensstärke und Eifer im Kampf für die Gerechtigkeit ausdrückt. Sollte ich Sie sehr gekränkt haben, biete ich Ihnen an: Wenn Sie auf Ihren Forschungsreisen eine neue Vogelart entdecken, eine erschreckend hässliche und grauenhaft primitive, so benennen sie diesen Vogel bitte „Jan-Fleming-Vogel“.
Zu erwähnen sei noch, dass einige Bond-Filme eine Fundgrube für Anekdotensammler sind. So beginnen die meisten Filme mit einer Szene mit Bonds Sekretärin Miss Moneypenny, die Bond sehr verehrt. In einem Film sagt Bond zu ihr: „Moneypenny, was sollte ich ohne Sie anfangen?“ Moneypenny antwortet darauf: „Warum kommen Sie nie auf die Idee, etwas mit mir anzufangen?“
Weiß Ferdl und sein beißender Spott
Der König des deutschen Cabarets zur Zwischenkriegszeit war unbestritten der Bayer Weiß Ferdl. In München stand er beinahe wöchentlich mit Spottgedichten und Liedern auf der Bühne und war der Hauptdarsteller in vielen Filmen. Den Nationalsozialismus der 1930er-Jahre trug er wohlwollend mit, wurde jedoch mit den Jahren immer kritischer. Auch grüßte er nicht gerne mit dem Hitlergruß. Als er einmal Göring in einem Gedicht verspottete, kam er für eine Woche ins Gefängnis. Gleich danach gab er in einem Theater wieder eine Vorstellung. Der Saal war gerammelt voll, die Besucher erwarteten einen humorvollen Bericht über seinen Gefängnisalltag. Das kam eigentlich nicht, doch machte er etwas, das für schallendes Gelächter sorgte. Nachdem er die Bühne betreten hatte, hob er die Hand zum „deutschen“ Gruß, dazu noch viel höher, als es notwendig gewesen wäre. So stand er schweigend eine Zeit lang da und grinste nur. Im Saal dachten alle, aha, im Gefängnis werden sie ihm den Hitlergruß beigebracht haben. Dann sagte er: „Seht´s Leute, so hoch is mei Hund g´hupft, wie i hamkummen bin.“
Missionare in Kenia
Jomo Kenyatta, der verdienstvolle Staatspräsident von Kenia, weilte in den 1970er-Jahren anlässlich einer UNO-Vollversammlung in New York. In einer Mittagspause wurde er Zeuge eines Gesprächs unter zwei Abgeordneten über die Rolle der Missionare in Afrika. Schweigend hörte er den beiden Europäern zu. Als sie bemerkten, dass ein Afrikaner ihr Gespräch verfolgte, baten sie ihn um seinen Standpunkt. „Wir Afrikaner sehen das so: Vor über hundert Jahren kamen die Missionare zu uns mit der Bibel in der Hand. Wir hatten das Land, und sie hatten die Bibel. Als erstes brachten sie uns das Beten bei. Dann sagten sie, wir müssten während des Betens die Augen geschlossen halten. Als wir wieder die Augen öffneten, hatten wir die Bibel und sie hatten das Land.“
Die kürzeste Kurzgeschichte
Vor einigen Jahrzehnten schrieb eine englische Zeitung einen Preis für originelle Kurzgeschichten aus. Folgende Auflagen waren zu erfüllen: Die Geschichte sollte möglichst kurz sein, und Gott, das Königshaus und ein Kriminalfall sollten darin vorkommen. Die kürzeste eingesandte Geschichte bestand nur aus zwei Sätzen: „Mein Gott, die Königin ist schwanger. Wer war das?“