Der Wolf verbreitete auch früher Angst und Schrecken

Wolfsgeschichten reichen bis in die Antike zurück. Die älteste wurde vor über 2500 Jahren vom Griechen Äsop geschrieben. Vor 113 Jahren gab es in der Steiermark die aufwändigste Wolfsjagd.

von NEUES LAND

Kein anderes Tier der Welt polarisiert noch heute Waldbesitzer, Jäger, Landwirte und Biologen wie der Wolf. Vor über 100 Jahren galt der „canis lupus“ in Mitteleuropa als ausgerottet. Dass er mittlerweile wieder in das Kulturland der Nordalpen vordringt, wird unterschiedlich bewertet. Hart treffen Argumente aufeinander: „Der Wolf war bis zu seiner Austilgung immer Mitbewohner unseres Lebensraumes und hat das Recht, sich wieder anzusiedeln!“ Hingegen: „Der Wolf war immer ein Feind des Menschen, seine Duldung in unseren Wäldern und auf unseren beweideten Almen ist ein Anachronismus!“

Die verschiedene Sichtweise auf die Existenz des Wolfes reicht bis in die Antike zurück. Die älteste uns überlieferte Wolf-Geschichte ist die Fabel „Der Löwe, der Wolf und der Fuchs“ des griechischen Dichters Äsop, über 2500 Jahre alt, in welcher der Wolf als hinterlistiger Intrigant auftritt: „Die Tiere des Waldes lebten lange Zeit in Frieden miteinander. Der Löwe, der König der Tiere, war krank geworden und konnte sich kaum mehr bewegen. Eines Tages kamen die Tiere zu seiner Höhle, um ihm ihre Aufwartung zu machen. Der Fuchs fehlte jedoch. Der Wolf, der den Fuchs nicht mochte, nützte die Gelegenheit und behauptete, der Fuchs sei nicht gekommen, weil er die Majestät des Löwen nicht anerkannte.

Der Fuchs, der als das schlaueste Tier galt, erfuhr davon und wusste, dass er in großer Gefahr war. Er besuchte tags darauf den Löwen und sagte, er war auf der Suche nach einem Heilmittel für den Löwen gewesen und hätte erfahren, wie der Löwe wieder gesund werden könnte. Der Löwe müsste sich nur in ein Wolfsfell hüllen und würde bald genesen sein. Also ließ der Löwe den Wolf töten und ihm das Fell abziehen. So triumphierte der Fuchs über den Wolf.“ Die Fabel lehrt uns, dass eine Intrige leicht auf den Urheber zurückfallen kann.

Die Gründer der Stadt Rom

In der Antike unterschied man zwischen dem gefährlichen männlichen Wolf und dem gütigen Weibchen, das sogar Kinder behutsam aufzog. Die Gründer der Stadt Rom Romulus und Remus sollen am Ufer des Flusses Tiber ausgesetzt und von einer Wölfin gefunden worden sein. Die Wölfin säugte die Kleinen und rettete ihnen somit das Leben. Als der englische Schriftsteller Rudyard Kipling 1894 aus seinem berühmten „Dschungelbuch“ in einem Londoner Club vorlas, gratulierte man ihm für die Idee, das Kind Mogli unter Wölfen im indischen Dschungel heranwachsen zu lassen.

Kipling antwortete, es sei in Indien gar nicht so selten vorgekommen, dass Eltern ein neugeborenes Kind, das sie nicht ernähren konnten, im dichten Wald aussetzten. Von Jägern hatte er erfahren, dass sie einmal einen völlig verwilderten „Wolfsbuben“ beobachteten, wie er auf allen Vieren mit einem Wolfsrudel mitrannte und wahrscheinlich als Findelkind von einer Wölfin aufgezogen wurde.

Was wäre unsere Märchenwelt ohne „Rotkäppchen“ und „Der Wolf und die sieben Geißlein“. Literaturhistoriker erkennen in der Vielzahl an Wolfsmärchen die Tatsache, dass der Wolf einst gewaltig das Denken der Bauern beeinflusste. Im Jahr 1812 veröffentlichten die Brüder Grimm das Märchen von Rotkäppchen, das bald in ganz Europa populär wurde. In England fand es als „Little Red Riding Hood“ rasche Verbreitung, weil es Kindern zur Warnung diente, allein in den Wald zu gehen. Zu jener Zeit hielten sich nämlich Räuberbanden in den Wäldern auf.

Angst vor Wolfsrudeln

Im Jahr 1910 sorgten Zeitungsberichte über Böhmen, heute Tschechien, für großes Aufsehen. Im Umkreis der deutsch-böhmischen Garnisonsstadt Leitmeritz sollen sich in den Wintern Wolfsrudel derart vermehrt haben, dass sich kaum noch jemand unbewaffnet vor das Haus zu gehen getraute. Ein Krankentransport soll beinahe tragisch geendet haben. Ein krankes Mädchen musste mit einem Pferdeschlitten von einem entlegenen Bauernhof zum Garnisonsspital gebracht werden. Bei der Abfahrt herrschte bereits Abenddämmerung. Das Mädchen lag in Schafsfellen verpackt in der Mitte des Schlittens, bewacht von seinen Eltern und einem Soldaten.

Nach kurzer Fahrt bemerkte der Kutscher, dass seine zwei Pferde unruhig und immer schneller wurden. Als er sich umdrehte, sah er auf einmal einige Wölfe, die dem Schlitten nachliefen. In rasender Fahrt ging es nun dahin, sodass der Schlitten auf der verschneiten Straße nur so hin und her schlingerte. Die Wölfe kamen immer näher. Der Soldat gab einige Schüsse auf sie ab und konnte endlich einen erlegen. Für einige Minuten blieben die Wölfe zurück, weil sie über ihren toten Gefährten herfielen.

Das Gespann war nur mehr ein paar Kilometer von Leitmeritz entfernt, als die Mutter plötzlich aufschrie, denn ein Wolf war auf ihrer Seite aufgetaucht und versuchte, in den Schlitten zu springen. Der Vater konnte ihn gerade noch mit seinem Hirschfänger abwehren. Wieder wurde die Fahrt schneller und der Kutscher befürchtete, der Schlitten könnte umfallen. Das hätte für alle einen grausigen Tod bedeutet. Doch sie hatten Glück, sie erreichten die Stadt Leitmeritz, dessen Stadttor noch offenstand und waren in Sicherheit.

Die aufwändigste Wolfsjagd in der Steiermark dauerte vom Sommer 1913 bis zum März 1914. Ende Mai 1913 zeigte ein Bauer vom Magdalensberg beim zuständigen Gendarmerieposten von Lavamünd an, dass vermutlich ein Rudel Hunde in sein Schafgehege eingedrungen war und etliche Schafe gerissen hatte. Doch konnte sich niemand erklären, wie die Hunde den zwei Meter hohen Zaun überspringen konnten. Von nun kam es im Wochentakt zu ungeklärten Vorfällen auf der Koralpe oder Stubalpe.

Nach dem Almauftrieb im Juni weideten einige hundert Rinder und Kälber auf der Steinberger Alpe im Koralpengebiet. Eines Nachts wurde der Herter von einem unheimlichen Geräusch geweckt. Wie langanhaltender Donner dröhnte es über die Almflächen. Er wusste, das konnte nur eine Rinderherde sein, die auf der Flucht unter seiner Hütte vorbeigaloppierte. Am Morgen fand er die Reste eines gerissenen Stierkalbes in einer Baumgruppe. Zerfleischte Kühe und merkwürdige Spuren im Boden lösten die wildesten Spekulationen aus.

Für die Zeitungen war es eine einzigartige Gelegenheit, ihre „Sommerflauten“ zu überbrücken. Sie berichteten von „Raubtieren auf der Stubalpe“ und von „unheimlichen nächtlichen Brülltönen“ auf der Koralpe. Eine Gruppe Wallfahrer aus dem Lavanttal marschierte über die Almen nach Maria Lankowitz, von zwei Jägern mit schussbereiten Gewehren begleitet. Man hielt es also für möglich, dass ein entsprungener Zirkuslöwe oder eine andere Großkatze die Menschen des Berglandes in Angst und Schrecken versetzte.

Wolf-Sichtung in St. Stefan

Zur ersten Wolf-Sichtung kam es am 13. September 1913, als Holzknechte, die auf einer Alm nahe St. Stefan ob Stainz arbeiteten, ein lautes Gebrüll weidender Ochsen vernahmen. Sie sahen, wie die Ochsen auf einen kräftigen Wolf losgingen und ihn mit ihren Hörnern bearbeiteten, um ihn von den Kälbern abzuhalten. Die Holzknechte liefen sofort mit ihren Äxten dorthin und vertrieben den Wolf. Ende September 1913 konnte das Raubtier anhand von Abdrücken im Lehmboden als Wolf identifiziert werden.

Am 3. August 1913 fand zwischen dem Packsattel und dem Koralpen-Speikkogel die größte Treibjagd Europas statt: 500 Jäger, Gendarmen und Soldaten jagten das mysteriöse Raubtier, ohne Erfolg. Bis zum Winter lockten Stubalpe und Koralpe immer mehr Jäger an, denen jedoch auch kein Jagdglück beschieden war. Erst am 4. März 1914 nahm der Spuk auf den Almen sein Ende, als der Jäger Paul Steinbauer auf seinem routinemäßigen Reviergang auf der Kärntner Seite der Koralm, beim sogenannten „Bärofen“, plötzlich eine frische Fährte entdeckte. Er ging den Tritten nach und sah in etwa 100 Meter Entfernung den Wolf, schoss auf ihn und schweißte ihn an. Der Wolf konnte vorerst entkommen, erhielt jedoch am darauffolgenden Tag vom Jäger Max Diamant den Fangschuss. Ausgestopft ist er noch im Klagenfurter Landesmuseum zu sehen.

Von Herbert Blatnik

 

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