Der vergessene Bauernkrieg

von NEUES LAND

Anton Distelberger hat sich in seinem Buch „Der vergessene Bauernkrieg – Requisitionskämpfe in der jungen Republik“ (erschienen im Verlag Innsalz, Munderfing 2025, ISBN 978-3-903496-38-5, 404 Seiten, Preis 29,95 Euro) einem Stück Zeitgeschichte Anfang der 1920er Jahre gewidmet. Damals protestierten vor allem Bauern in der Steiermark und in Niederösterreich gegen die Zwangsablieferung von Waren zu festgesetzten Preisen.  

 

In den Anfangsjahren der jungen Republik durften die Landwirte, so wie schon während des Ersten Weltkrieges, ihre Produkte nicht frei verkaufen, sondern waren gezwungen, sie an staatliche Stellen zu festgesetzten Preisen abzuliefern. Besonders die Bauern in Niederösterreich und der Steiermark leisteten dagegen hartnäckigen Widerstand. In einigen Fällen kam es zu bewaffneten Konfrontationen mit Volkswehr und Gendarmerie. Obwohl die Bauern dabei jedes Mal eine Niederlage hinnehmen mussten, war durch ihre anhaltende Gegenwehr schließlich die Überwindung der Kriegsökonomie möglich. Die Besiegten haben also schließlich doch gesiegt. Die „mächtige Bewegung der Bauernschaft“, wie sie der sozialdemokratische Parteiführer Otto Bauer in seinem Buch „Die österreichische Revolution“ nannte, griff hauptsächlich zu gewaltfreien Mitteln der passiven Resistenz, indem die Bauern die Kooperation mit staatlichen Stellen verweigerten. Doch in einigen Fällen eskalierte der Protest, Auseinandersetzungen mit der Exekutive waren die Folge, wie Beispiele aus der Ost- und Südsteiermark zeigen.

Pöllau

Am 16. Februar 1919 verabredeten sich 20 junge Männer, nach der Sonntagsmesse in Pöllau in der Oststeiermark, als der Hauptplatz voll mit Bauern aus den umliegenden Gemeinden war, ein Geschäft zu plündern, von dem sie glaubten, dass es ihnen eine Lieferung Tabak vorenthalte. Durch die Beteiligung der anwesenden Bauern wuchs die randalierende Menge auf rund 1000 Personen an. Die Gendarmen konnten nicht verhindern, dass das Geschäft verwüstet wird, doch verhafteten sie nachträglich sieben Personen und lieferten sie ins Bezirksgericht Pöllau ein.

Am Montag, den 17. Februar, mussten diese jedoch wieder freigelassen werden, da eine demonstrierende Menge aus mehreren hundert Personen damit drohte, „den Markt anzuzünden“. Daraufhin wurde aus der Bezirkshauptstadt Hartberg vorerst eine Abteilung der Gendarmerie und eine Volkswehrabteilung in der Stärke von 50 Mann nach Pöllau verlegt, jedoch bald wieder abgezogen.

Am 28. Februar 1919 bemühte sich eine Patrouille der Gendarmerie darum, in der zu Pöllau benachbarten bäuerlichen Gemeinde Hinteregg Schlachtvieh aufzubringen und wurde dabei auf dem Rückweg von 130 mit Mannlicher- und Jagdgewehren, Kugelstutzen und Totschlägern bewaffneten Männern überrascht, die ihnen das requirierte Vieh wieder abnahmen. Da die Gendarmen keinen Widerstand leisteten, kam es zu keiner bemerkenswerten Gewaltanwendung.

Schönau

Jedoch am 7. März 1919 musste sich eine weitere Gendarmeriepatrouille in der ebenfalls zu Pöllau benachbarten Gemeinde von Schönau von 140 Bewaffneten verprügeln, entwaffnen, misshandeln und bedrohen lassen. Nun wurde auch dem Staatsamt des Inneren in Wien bewusst, dass in der Oststeiermark ein rechtsfreies Gebiet entstanden war, in das sich Kräfte der Gendarmerie nicht wagen konnten, und man hat in Hartberg 130 Gendarmen und zwei Kompanien des Arbeiterhilfskorps der Volkswehr mit Maschinengewehren zusammengezogen.

Die Bauern drohten daraufhin mit der Aufstellung einer zehntausend Mann starken Streitmacht. Am 12. März tauchten zwar Angehörige des Arbeiterhilfskorps in Pöllau auf, zeigten sich jedoch bereit, den Bauern im Tausch gegen Lebensmittel ihre Waffen zu überlassen. Die Situation beruhigte sich erst, als die Steiermärkische Landesregierung für den 13. März 1919 in Hinteregg eine Versammlung der Bauernschaft einberief und deren Forderungen entgegennahm. 

Gleichenberg Dorf

Am 5. März 1919 lieferte sich eine Gruppe von Bauernburschen ein mehrstündiges Feuergefecht mit der Maschinengewehrabteilung des Volkswehrbataillons Nr. 10, das in einem Wirtshaus in Gleichenberg Dorf in der Südoststeiermark einquartiert war. Erst eine aus angesehenen Bauern, Gendarmen und dem Soldatenrat zusammengesetzte Delegation konnte die Einstellung der Feindseligkeiten erreichen. Dabei erlitt ein Volkswehrsoldat eine Schussverletzung.

Gosdorf

Die Gemeinden Gosdorf und Ratschendorf an der südsteirischen Grenze verweigerten komplett die Ablieferung von Vieh. Da die dortige bäuerliche Bevölkerung noch vom Abwehrkrieg gegen die jugoslawischen Truppen im Vorjahr mit Waffen gut versorgt war, wurde am 16. März 1920 eine 100 Mann starke Gendarmerieabteilung in die renitenten Dörfer geschickt. Diese Einheit musste sich, nachdem es ihr zuerst gelungen war, Vieh zu beschlagnahmen und eine Verhaftung vorzunehmen, im weiteren Verlauf von den 3000 bis 4000 mit Maschinengewehren ausgestatteten Bauern einkesseln und entwaffnen lassen. Dabei wurde aber nur ein Gendarm mit einem Kolbenhieb niedergeschlagen. Ansonsten gab es keine Verletzten.

Die Bauern eskortierten ihre Gefangenen nach Mureck, wo sie diese freiließen, auf Aufforderung durch den aus Graz herbeigeeilten Landeshauptmannstellvertreter Jacob Ahrer. Am darauffolgenden Tag stellte sich auch Landeshauptmann Anton Rintelen persönlich ein und erreichte mit der Drohung, die aufsässigen Gemeinden wieder an Jugoslawien auszuliefern, dass diese sich zur Ablieferung von Vieh bereit erklärten. Im Gegenzug sicherte er den Beteiligten an den Ausschreitungen Straffreiheit zu.

Feldbach

In der ersten Maiwoche 1920 hatte sich im Steirischen Vulkanland aus über 50 Vertretern bäuerlicher Gemeinden ein Komitee gebildet, das in der „Oststeirischen Volkszeitung“ am 6. Mai ein Manifest veröffentlichte, in dem zahlreiche Forderungen erhoben wurden. Diese wurden dem Bezirkshauptmann von Feldbach am 7. Mai durch eine Delegation unterbreitet. Als am Samstag, dem 8. Mai 1920, erneut eine bäuerliche Abordnung beim Bezirkshauptmann vorstellig wurde, strömten auch einige hundert Bauern in die Stadt und nötigten den Bezirkshauptmann und den Getreideinspektor, sich der gewaltsamen Inspektion des Geschäftes Gortan anzuschließen. Nur der Viehinspektor konnte flüchten.

Beim Kaufmann Gortan brachen die Bauern das Magazin auf und stahlen darin aufgefundene Waren. Im Anschluss durchsuchten und plünderten sie noch weitere vier Geschäfte. Angestellte und Geschäftsinhaber erlitten dabei Verletzungen durch Hiebe. Die Unruhen in Feldbach endeten an diesem Tag mit einer Ansprache des Redakteurs Hans Goldbacher von der „Oststeirischen Volkszeitung“ auf dem Hauptplatz.

Bereits am Sonntag, den 9. Mai, zog die alarmierte steirische Landesregierung 30 Gendarmen in Feldbach zusammen, da für den darauffolgenden Montag eine „Viehabstellung“ angekündigt war. Der Landesgendarmeriedirektor Peinlich und der Landtagsabgeordnete Fink kamen bereits am Sonntag nach Feldbach, am Montag trafen auch noch Landeshauptmannstellvertreter Jacob Ahrer, Landesrat Dechant Prisching und mit ihnen weitere Gendarmen in Feldbach ein. Die insgesamt 140 Gendarmen vermochten es jedoch nicht, der 3000 bis 4000 Bauern Herr zu werden, die sich an diesem 10. Mai in der Stadt Feldbach versammelten.

Sturm auf ein Geschäft

Es ließ sich nicht verhindern, dass das Geschäft Gortan erneut von Demonstranten aufgebrochen und verwüstet wurde. Die Streitmacht der Gendarmen begann daraufhin damit, unter Androhung von Waffengewalt den Hauptplatz zu räumen. In diesem Moment griff der LH-Stellvertreter Jacob Ahrer ein und ordnete einen sofortigen Abzug der Gendarmerie an. In seiner persönlichen Wahrnehmung hat er damit ein Blutbad verhindert.

Es kam jedoch daraufhin zu einer Gewalttat an dem christlich-sozialen Abgeordneten zur Konstituierenden Nationalversammlung Josef Gutmann, der versucht hatte, am Hauptplatz beruhigend auf die aufgebrachte Menge einzuwirken. Mit Stockschlägen wurde ihm eine schwere Schädelverletzung beigebracht, außerdem erlitt er Knochenbrüche an den Armen. Eine Quelle behauptet sogar, es sei ihm „der Schädel eingeschlagen worden“. Gutmann hat diesen Angriff überlebt – er darf trotzdem als das am schwersten verletzte Opfer der gesamten Unruhen gelten. Ein versprengter Gendarm, der den Abzug verpasst hatte, wurde niedergeschlagen, der Landesgendarmeriedirektor Peinlich und zwei weitere Gendarmen bezogen Hiebe.

Kirchberg an der Raab

Als radikale Bauern am Abend verspätet mit dem Zug aus Kirchberg an der Raab eintrafen, verprügelten sie den Landtagsabgeordneten Franz Fink. Jacob Ahrer sorgte für eine Beruhigung der Lage, indem er die Bauern dazu brachte, eine Abordnung, in der alle Gemeinden vertreten waren, an den Landeshauptmann zusammenzustellen. Diese Abordnung aus rund 200 Bauern begab sich am Dienstag, den 11. Mai 1920, mit dem Morgenzug nach Graz und überbrachte der Landesregierung ihre Stellungnahme.

Obwohl der Bezirksrichter von Feldbach seine vorgesetzten Stellen anflehte, keine Anklagen gegen Beteiligte an den Ausschreitungen verhandeln zu müssen, da er sonst um sein Leben fürchte, wurden mehrere Bauern aus Altenmarkt ausgeforscht und verhaftet, denen die Gewalttat gegen Josef Gutmann zur Last gelegt werden konnte. Der Bezirkshauptmann von Feldbach musste sich aufgrund seiner unrühmlichen Rolle bei den Ereignissen „krankheitshalber“ suspendieren lassen. An dem Aufruhr in Feldbach hatten sich auch Bauern aus zahlreichen weiteren Gemeinden im oststeirischen Raabtal beteiligt, das insgesamt von einer Aufstandsbewegung erfasst wurde.

Ähnliche Plünderungen, Ausschreitungen und Übergriffe wie in Feldbach fanden am 13. Mai 1920 in Kirchbach, am 14. Mai in Gleichenberg Dorf, am 16. Mai in Kirchberg an der Raab, am 22. Mai in Gleisdorf und am 23. Mai in Nestelbach statt.

 

[© Cover Der vergessene Bauernkrieg]

 

 

 

 

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