Das Weihnachtswunder in den Bergen

von Karl Brodschneider

Am Heiligen Abend 1935 – also vor genau 90 Jahren – kehrte der „Leitenhofer“ nach 21 Jahren Kriegsgefangenschaft in Russland heim. Die Heimkehr des „Leitenhofer“ nach 21 Jahren Kriegsgefangenschaft in Russland am Heiligen Abend 1935 erzählt uns der ehemalige Schulleiter Ferdinand Fauland in einem Buch über das Bauernleben von Wielfresen. Es ist eine authentische Schilderung über ein Weihnachtswunder, das uns tief berührt.[1]

 

„Sternhell und eisfrisch war der Christheiligabend aus den einschichtigen Tälern und Gräben der Koralm heraufgestiegen über verschneite Wiesen und Äcker, über einsame und gesellige Bauernhöfe und Keuschlerhütten, aus deren Fenstern da und dort ein paar Lichter […] hinausblitzen in die Nacht …“. So beginnt der Bericht über die Heimkehr des bis auf die Knochen abgemagerten Franz Feldhammer, den man in seinen Lumpen eher für einen Bettler gehalten hätte.

 

Über verschlungene Pfade, an verlassenen Köhlerhütten vorbei, ist er vom Radlpass gekommen und müht sich bis zum Kirchenriegel von St. Katherina in der Wiel bergauf. Er sieht die Mettenbesucher mit ihren Laternen im Gotteshaus verschwinden. Vor der Kirche angekommen, hört er den Jubelschall der Orgel und Gesang. Aus einem Kirchenfenster fällt der Schein auf eine Marmortafel, auf der eine Reihe Namen steht: Tote und Vermisste des Ersten Weltkrieges. Einige Namen sind ihm vertraut, unter ihnen Schulfreunde und Nachbarsöhne. Plötzlich stutzt er. Auf dem kalten Stein steht sein Name: „Franz Feldhammer, gefallen bei Krasnik“.

 

Schlacht bei Krasnik

Der Heimkehrer tritt einen Schritt zurück. Kein Wunder, denkt er, seit jener Schlacht bei Krasnik im Kampf um Galizien [am 27. August 1914] sind 21 Jahre vergangen, und er wird längst für tot gehalten. Er marschiert weiter den Waldweg hinauf, der zu seinem Hof führt. Unterwegs denkt er über die Jahre in Russland nach: In der Schlacht gegen die russische Kriegswalze erlitt er eine schwere Verwundung und fiel in die Gewalt des Feindes, wurde jedoch von einem russischen Arzt operiert. Danach zermürbte sich sein Leben, er verzehrte sich in schmerzvollem Heimweh hinter meterhohen Lagerzäunen.

 

Es folgten harte Jahre in den Bergwerken des Ural, bei Kanalbauten am Schwarzen Meer und in den Urwäldern der Taiga. Wohl hatte er Briefe aus dem Lager bei Nikolsk an seine Familie geschrieben, doch sie verschwanden irgendwo und daheim versank man in Verzweiflung. Ein gütiges Geschick bewahrte ihn vor dem gänzlichen Verkommen. Er sollte mit einem Gefangenentransport nach Sibirien verschickt werden, war jedoch infolge einer Ruhrinfektion zu schwach und musste im Lager zurückbleiben. Nach weiteren abzehrenden Arbeitsjahren im Ural kam er endlich frei und schlug sich zu Fuß auf jahrelanger Wanderschaft durch Rumänien und Ungarn durch, bis er endlich heimatlichen Boden betreten durfte.

 

Endlich daheim

Nun steht der Leitenhofer vor dem Torgatter seines Anwesens. Ganz finster liegt der Hof. Links wuchtet der Stadel in die nächtliche Landschaft, rechts erkennt er den weißen Mauerteil des Wohnhauses. Unverändert wie damals, als er ihn verlassen hat, steht der Hof vor seinen Augen, geschaffen wie für den ewigen Bestand. Eine Weile steht er so am Torgatter und nimmt das Bild in sein Herz auf. Dann schreitet er durch die Umzäunung in den weiten Hofraum. Kein Laut ist zu hören. Dem Wasser am Brunnen haben lange Eiszapfen den Weg verlegt. Er umschreitet bedächtig das Wohnhaus, als nähme er neuerlich seinen Besitz zu eigen, bis er vor der Stalltüre stehen bleibt. Das leise Kauen der Tiere dringt gedämpft zu ihm heraus, hin und wieder klirren Ketten.

 

Der Bauer horche in die Nacht hinaus. Wie war das doch, als er den Hof verlassen musste? Zwei Jahre bevor er einrücken musste, war er Bauer geworden, weil sein Vater bei einem Forstunfall ums Leben kam. Er heiratete eine Bauerntochter und nach einem Jahr bereicherte ein blondes Dirndlein mit kräftiger Stimme den Bauernalltag. Dann vermeldete sich ein zweites Mal junges Leben unterm Herzen der jungen Leitenhoferin. Doch mitten in den Frieden stieß die harte Hand des Krieges die Menschen in die Hölle aus Stahl und Eisen.

 

Plötzlich zerreißen ein Schuss und Schreie die nächtliche Stille. Sein Sohn ist es, der auf der Heimkehr von der Christmette auf einen Wilderer getroffen ist. Die beiden geraten aneinander und der Sohn wäre vom Wilderer beinahe umgebracht worden, wenn nicht der Heimkehrer rasch zur Stelle gewesen wäre und ihn gerettet hätte. Soweit der Text nach Ferdinand Fauland, dem wir für diesen Bericht dankbar sind.

 

Was den Kampf mit dem Wilderer betrifft, so erlaubte sich Fauland eine Abweichung in die dichterische Freiheit. Regierungsrat Othmar Kreuzwirth, der Eibiswalder ÖKB-Obmann, konnte noch einige Details erfahren. Der Heimkehrer musste im Rinderstall noch eine Weile warten, bis die Familie von der Christmette heimgekehrt war. Danach war die Freude unendlich groß, die meisten Nachtstunden vergingen mit Erzählungen, und nach wenigen Stunden Schlaf gingen um sechs Uhr früh der Jungbauer und sein heimgekehrter Vater an die Stallarbeit.

 

 

[© Sammlung Blatnik]

 

 

[1] Ferdinand Fauland, Wunderliche Bauernheimat, Graz 1947. Fauland war von 1925-1929 Schulleiter in der Wiel gewesen. Leider musste Fauland auf Wunsch des Heimkehrers dessen Namen anonymisieren. Dadurch sind weitere Nachforschungen nicht möglich.

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