Das Auto erobert die Land- und Bergstraßen

von NEUES LAND

Der weststeirische Historiker Herbert Blatnik beschreibt anhand von verschiedenen Zeitungsartikeln, wie die Motorisierung auf den steirischen Straßen Anfang des 20. Jahrhunderts Einzug gehalten hat.

 

Im Sommer 1876 fuhr der Mechaniker Siegfried Marcus mit seinem von ihm konstruierten „Benzinmotorwagen“ von Wien nach Klostermeuburg. Unterwegs traf er auf ein Pferdefuhrwerk. Die ungewöhnliche Erscheinung und vielmehr das laute Knattern des Motors ließ das Pferd aufbäumen. Ein Gendarm, der diese Szene beobachtete, soll mit Marcus geschimpft haben: „Sie, was machen Sie da für einen Unfug! Mit ihrem komischen Fahrzeug verscheuchen sie ja alle Pferde von der Straße!“ Er sollte recht behalten, obwohl er gar nicht wissen konnte, dass Jahrzehnte später das Auto immer mehr das Pferd von der Straße verdrängen würde.

 

Erste Automobil-Ausstellung

Am 12. Juni 1901 fand in der Industriehalle des Grazer Messegeländes die erste Automobil-Ausstellung im damaligen Herzogtum Steiermark statt. Der Besucheransturm war enorm. 14 Autos der Firmen Puch, Daimler, Benz, Bouton, Gräf u. Stift, Laurin etc. waren ausgestellt. Der kaiserliche Statthalter Graf von Clary rief bei seiner Eröffnungsrede: „Das Automobil wird in der Steiermark seine Verwendung finden, um in kürzester Zeit die Naturschönheiten des Landes […] kennenzulernen.“ Für den Mann von der Straße waren Autos unerschwinglich, nur der Adel und das reiche Bürgertum kamen als Käufer infrage. Übrigens: Veranstalter der Ausstellung war der „Erste Steiermärkische Automobilclub Graz“ mit seinen etwa 40 Mitgliedern, obwohl es in der ganzen Steiermark im Jahr 1903 nur 32 Automobile gab.[1]

 

Ständig neue Erfindungen

Tatsächlich nahm die Entwicklung des Autos ab ca. 1880 einen unglaublichen Aufschwung. Nach der Erfindung des Viertaktmotors durch den deutschen Konstrukteur Nikolaus Otto im Jahr 1876 begann in allen Industriestaaten das Wettrennen um den besten straßentauglichen Benzin-Motorwagen. 1885 wurde der erste, gut funktionierende Motor-Dreiradler vom deutschen Automobilpionier Karl Benz in Serie erzeugt. 1890 erfand der Schotte Dunlop das Pneu, den ersten Luftreifen, der allmählich die Vollgummireifen ablöste. 1897 konstruierte Rudolf Diesel den ersten Selbstzünder-Motor, der seine vorläufige Verwendung in einem deutschen Kanonenboot fand. Die ersten Autos des steirischen „Fahrradkönigs“ Johann Puch verließen 1906 die Werkhalle. 1908 entwickelte Henry Ford in den USA das Fließband.

 

Schlechter Straßenzustand

Der Verkehr mit den ersten Autos blieb vorerst auf die gepflasterten Straßen der Städte und Märkte beschränkt. Die Landstraßen jener Zeit waren zumeist in einem erbärmlichen Zustand, insbesondere in Orten, wo es weit und breit keinen Steinbruch für die Schottergewinnung gab. In Eibiswald, zum Beispiel, konnte es passieren, dass das Kaufhaus Kieslinger eine Warenladung vom Bahnhof Wies wochenlang nicht holen konnte, weil die Straße nach einem Gewitter so aufgeweicht war, dass die Pferde bis zum Bauch im Schlamm stecken blieben.[2] Im Frühjahr 1904 erschien in der Grazer Tagespost eine deutliche Warnung:[3] Wenn sich die Beschaffenheit der steirischen Landstraßen nicht bessert, werden sämtliche Bemühungen für den Fremdenverkehr vergeblich sein, weil immer mehr Ausflügler motorisiert ihre Ziele erreichen wollen. So lesen wir, dass jährlich 120.000 Besucher nach Mariazell kommen und noch viel mehr kommen möchten, wenn man den Ort mit einem Bus erreichen könnte.

 

Spielzeug der Reichen

In einem folgenden Zeitungsartikel wird das Auto ein „Spielzeug der Reichen“ genannt, die sich zusätzlich einen Chauffeur leisten können, der zugleich ausgebildeter Mechaniker sein sollte, um die ständig anfallenden Reparaturen durchführen zu können. Über einen Autobesitzer wurde gespottet, weil er auf der Gaberl-Straße in den Graben fuhr und die Hilfe eines Bauern, seinen Wagen mit einem Ochsengespann herauszuziehen, ablehnte. Er meinte, dadurch würde sein Wagen entweiht werden. Damals war es noch üblich, vor der ersten Ausfahrt das Auto vor der Kirche Maria Trost segnen zu lassen.

 

Das Auto, ein „Geldvernichter“

Im Jahr 1912 hatte sich der Champagner-Fabrikant Emil Kieslinger aus Gösting bei Graz sein erstes Auto angeschafft, einen „16-pferdigen“ Viersitzer der böhmischen Autofabrik Laurin u. Klement.[4] Das war damals die größte Autofabrik der Monarchie. Im Jahr darauf verbrachte er mit seiner Familie einen Urlaub in Gamlitz und fuhr danach zu seinem Neffen, dem Kaufmann Carl Kieslinger in Eibiswald.

Aus dieser Begegnung ist ein Bericht über das Auto überliefert.[5] Als sein Auto mit lautem Rattern in Eibiswald einfuhr, lief eine Kinderschar schreiend und lachend hinterher. Beim Halt im Kieslinger-Hof machte Emil als erstes die Motorhaube auf, damit der Motor schneller abkühlen konnte. Dann überprüfte er die Reifen, ob nicht etwa Schuh- oder Hufnägel in ihnen steckten. Sein Wagen hatte noch keine Stoßdämpfer, sondern Plattfedern. Die Karosserie war auf einem Chassis aus mehrfach verleimtem Buchenholz montiert. Zum Starten verwendete er eine große Kurbel, die er vor der Motorhaube ansetzte. Das Ankurbeln war eine heikle Sache, so manchem hatte die Kurbel die Hand abgeschlagen, weil er sie nicht rechtzeitig ausließ. Während Emil sein Auto beinahe als ein Heiligtum betrachtete, war es für seine Frau, die gegen den Autokauf war, ein „böhmischer Geldfresser“.

 

Autos und Staub

Im Jahr 1904 nahmen die Beschwerden über die Staubplage, von schnellfahrenden Autos verursacht, immer mehr zu.[6] Als Antwort darauf wurden einzelne Abschnitte der Reichsstraße durch die Steiermark mit Granitpflaster befestigt. Straßen dritter und vierter Ordnung blieben weiterhin „Stiefkind des Fortschritts“. Ausgenommen waren Straßen zu beliebten Ausflugszielen, wie nach Radegund, wo man die Straße stellenweise mit  Holzstöckelpflaster befestigte. 1906 stellte man in der Steiermark den ersten Autobus für den öffentlichen Verkehr in den Dienst, einen Gräf u. Stift-Zwölfsitzer für die Linie Maria Trost/St. Radegund. Ein anderes Ausflugsziel, der Schöckel, galt weiterhin für Autos als unbesiegbar. Zumindest bis zum August 1909.

 

Das erste Auto auf dem Schöckel

Nachdem im Sommer 1908 mehrere Autos den Hausberg der Grazer erklimmen wollten und dabei scheiterten, setzten sich die Ingenieure des Grazer Puchwerkes ein ehrgeiziges Ziel: Mit dem neuen Modell des Puch 18/22 HP, das bereits einige Rennen gewonnen hatte, müsste die Bergfahrt auf den Schöckel zu schaffen sein. Einige Autofahrer hatten dies bereits versucht, scheiterten aber, die meisten mit Motorschäden oder Pneudefekten, auf steirisch „Reifenplatzer“. Dem scharfkantigen Schöckelschotter waren die Reifen jener Zeit nicht gewachsen. In einem Zeitungsartikel klagte man, dass „leider weiterhin nur Fuhrwerke mit starken Rössern auf der Schöckelstraße verkehren werden.“

Mitte August 1909 kündigten steirische Zeitungen an, dass ein Oberingenieur des Puchwerkes am 15. August eine Autofahrt bis zum Schöckelplateau wagen würde. An diesem Tag versammelten sich einige tausend Zuschauer am Rand der Schöckelstraße, vornehmlich an den Stellen, wo andere Autofahrer im Jahr davor aufgeben mussten. Bei der Kirche von St. Radegund brauste Ing. Slevogt mit einem Mechaniker-Kollegen los. Die Hinterräder waren mit starken Ketten armiert. Die beiden gelangten zum Erstaunen aller ohne Anhalten bis zum ersten gefährlichen Steilstück, als die Antriebskette brach. Damit hatte man aber gerechnet, eine Reservekette war rasch angelegt und weiter ging es bis zum Stubenberghaus. Die kühne Bergfahrt dauerte 65 Minuten und wurde in allen Motorsportzeitungen besprochen. Damit sicherte sich das Puch-Auto den Ruf als bestes Auto für schwierige Bergstraßen.[7]

 

Strengere Auflagen für den Autoverkehr

Die meisten Autos, die man in der Steiermark bis zum Ersten Weltkrieg zu sehen bekam, gehörten zahlungskräftigen Wiener Urlaubern. Ab 1905 kamen jährlich neue Vorschriften auf die Autobesitzer zu. Kennzeichenpflicht, um Autowildlinge strafen zu können. Höchstgeschwindigkeit auf Landstraßen 30 km/h, in Städten und Ortsdurchfahrten 15 km/h. Der Linksverkehr war strikt einzuhalten, erst 1938 wurde auf Rechtsverkehr umgestellt. Bis 1910 brauchte ein Autofahrer nur eine Fahrlizenz, die nach einer polizeilichen Überprüfung der körperlichen und moralischen Eignung ausgestellt wurde, danach war der Führerschein Pflicht. Starke Scheinwerfer am Auto waren verboten, damit Pferde und Fußgänger nicht geblendet wurden.[8] Die Haftpflichtversicherung war freiwillig, sie galt nur von März bis November. Über die Wintermonate wurden die meisten Autos abgemeldet. Die Unfälle mit Autos häuften sich, zumeist waren es Zusammenstöße mit Fuhrwerken. 

 

Freispruch der Baronin

Ein Unfall in Graz erregte besonders großes Aufsehen, weil er aufzeigte, dass die Rechtsprechung des Jahres 1912 nicht mehr zeitgemäß war. Eine Baronin aus der Obersteiermark fuhr am Pfingstsonntag 1912 mit ihrem Auto viel zu schnell durch die Mariahilferstraße. Sie erfasste dabei einen Fußgänger, der unter das Auto geriet, neun Meter mitgeschleift wurde und verstarb. Die nachfolgende Gerichtsverhandlung verlief eindeutig zugunsten der Großgrundbesitzerin. Obwohl sie keinen Führerschein besaß und mit weit überhöhter Geschwindigkeit auf der falschen Straßenseite fuhr, wurde sie freigesprochen.[9]

 

Die legendären Grazer Riesrennen

Am Pfingstsonntag 1910 veranstaltete der Steiermärkische Automobilclub Graz das erste Rennen auf der Riesstraße. Die Rennstrecke war 6 km lang. Schon bei den Trainingsfahrten am Vortag zeigte sich, dass die fein geschotterte Straße für schnelle Fahrten extrem gefährlich war. Das Rennen verlief jedoch ohne Unfall.[10] In den folgenden Jahren wurde das Rennen mehrmals wiederholt, allerdings mit etlichen Unfällen, die meisten jedoch nicht am Renntag, sondern bei den Trainingsfahrten davor. Bei einem tödlichen Unfall am 8. Mai 1922 büßte einer der besten Rennfahrer Österreichs sein Leben ein. Otto Hieronimus, der schon mehrere Rennen gewonnen hate und zum Hochadel des Rennsports zählte, unternahm seine erste Trainingsfahrt auf der Riesstraße mit einem Steyr-Sechszylinder. Als er einen Kollegen in einer Kurve überholen wollte, geriet er ins Schleudern. Sein Wagen überschlug sich, Hieronimus wurde aus dem Wagen geschleudert und erlitt schwere Verletzungen, denen er bald darauf erlag.

 

 

 

[© Sammlung Strohschneider, Eibiswald]

 

 

 

[1] Stefan Karner, Die Steiermark im 20. Jahrhundert, Graz 2000, S. 60.
[2] Familienchronik Kieslinger, Sammlung Wolfgang Strohschneider, Eibiswald.
[3] Tagespost, 13. 3. 1904, „Der neue Kurs im Verkehr“.
[4] Familienchronik Kieslinger.
[5] Ebda.
[6] Tagespost, 13. 3. 1904.
[7] Grazer Tagblatt, 16. 8. 1909.
[8] Tagespost, 25. 5. 1910.
[9] Arbeiterwille, 12. 9. 1912.
[10] Grazer Volksblatt, 14. 5. 1910.

Zum Thema passend

Einen Kommentar abgeben