Wirklich „Mädchen für alles“?

Landesfeuerwehrkommandant Albert Kern im Gespräch mit NEUES LAND als Abschluss der Serie „Die Helden vom Land“.

 

NEUES LAND: Die Freiwilligen Feuerwehren der Steiermark leisten einen unverzichtbaren Beitrag für die Sicherheit im Land. Wie kann man diesen ehrenamtlichen Idealismus weiter fördern?

Landesfeuerwehrkommandant Albert Kern: Die eigentliche Frage in diesem Zusammenhang ist, was bewegt Menschen dazu, einen großen Teil ihrer Freizeit einzusetzen, um anderen zu helfen? Und wie können noch mehr dazu motiviert werden? Gerade in unserem Bereich, im Bereich der Feuerwehr, wird es schwer sein, einheitliche Motive zu finden. Persönlich glaube ich, dass in der ganzen Bandbreite folgendes wohl am ehesten zutrifft: der traditionelle Aspekt mit der jahrzehntelangen Verwurzelung im Ort, die Verantwortung für jemanden zu übernehmen, der sich selbst nicht helfen kann – also die klassische Einsatztätigkeit als soziale Komponente, die Qualifikation durch die Vielzahl an Ausbildungsmöglichkeiten und nicht zuletzt auch die Kameradschaft, quasi das soziale Eingebunden-sein in ein System. Unter diesem skizzierten Bogen lassen sich unbestritten sicher noch viele weitere individuelle Motive finden. Was will ich damit sagen? Das Feuerwehrwesen steht und fällt mit dem Idealismus unserer Mitglieder. Wären alle unsere Männer und Frauen nicht mit Leib und Seele bei der Sache, so wäre unser ausgezeichnetes System wohl kaum (über)lebensfähig. Weder in der Steiermark, noch irgendwo sonst. Das ist auch in Verbindung mit den Einsätzen und dem Katastrophenschutz zu sehen. Unser Freiwilligensystem ist in dieser Form auch einzigartig in Europa, um nicht zu sagen auf der ganzen Welt. Für mich liegt es also in der Verantwortung der Gesellschaft, das Feuer der Freiwilligkeit, das Feuer für dieses System der schnellen Hilfe im Ort am Leben zu erhalten. Unser Auftrag ist es, in Gemeinsamkeit mit Politik, Wirtschaft und weiteren Repräsentanten des öffentlichen Lebens, entsprechende Rahmenbedingungen sicherzustellen, welche die Bereitschaft zur aktiven Mitarbeit fördern.

NL: Welche Schwerpunkte setzen Sie in Ihrer täglichen Arbeit, um das Erfolgsmodell der Freiwilligkeit weiter zu steigern?

Kern: Grundsätzlich meine ich, dass das System Feuerwehr, so wie wir es in unserer Heimat kennen und schätzen, eigentlich für sich selbst spricht. Sich freiwillig zu engagieren, ist ein tägliches Geben, aber auch ein Nehmen. Sich mit Blick auf die Zukunft jedoch nur an Themen wie moralischer Verpflichtung oder Nächstenliebe zu orientieren, wird wohl zu wenig sein. Wie vorhin gesagt. Wichtig sind passende Rahmenbedingungen zu bieten, die die Wertevorstellungen und die Motivation unserer Mitglieder abdecken und fördern. Anderseits geht es sicher auch darum, Möglichkeiten zu schaffen, die einen nutzenstiften Mehrwert für unsere Mitglieder bringen. Ich denke dabei beispielsweise an den Erwerb von Kompetenzen im Rahmen der Ausbildung an der Feuerwehrschule. Denn auch die Rolle von Unternehmen und Arbeitgeber rückt bei ehrenamtlichen Engagement immer stärker in den Blickpunk persönlicher Überlegungen.

Ein wesentliches Steckenpferd von mir ist auch der Katastrophenschutz bzw. Katastrophenhilfsdienst. Denken wir an die letzten Jahre, mit den ganzen Unwettern, den Murenabgängen, den Überflutungen oder an andere katastrophale Ereignisse. Diese Schicksale, vor allem menschliche Schicksale, haben uns alle sehr berührt sind uns sicher in bleibender Erinnerung. Solche Ereignisse geben dem Zivil- und Katastrophenschutz in unserer Heimat einen enorm wichtigen Stellenwert. Dabei zeigt sich immer wieder, dass das engmaschige und vor allem flächendeckende Netz unserer Feuerwehren von großem Vorteil ist. Auch enorm wichtig. Denn: Feuerwehrmitglieder helfen der leidgeprüften Bevölkerung bereits in den ersten Minuten nach verheerenden Unwettern. Daran arbeiten wir unter anderem, weil wir hier einige Chancen sehen.

 

NL: Die Zahlen bei der Feuerwehrjugend sind rückläufig. Liegt das nur an geburtenschwachen Jahrgängen oder kann die Feuerwehr nicht mehr so faszinieren wie einst?

Kern: An mangelnder Faszination liegt es meiner Meinung nach nicht, auch wenn es einen gesellschaftlichen Wertewandel in Richtung persönlicher Autonomie gegeben hat. Die Geschichte der Feuerwehren und die Kultur unserer Hilfestellung sind wesentlicher Teil unserer steirischen Identität. Dieses Faktum gibt Halt und Orientierung. und ist jedes Jahr aufs Neue eine starke Triebkraft für unsere Zukunft. Zukunft wächst aus der Vergangenheit. Das Ehrenamt ist und bleibt also eine fundamentale Stütze unserer Gesellschaft. Es hat, wie gesagt, einen hohen Heimatbezug. Ich glaube daher auch, dass seine Bedeutung in Zukunft noch weiter zunehmen wird. So wird es unter anderem unsere Herausforderung für die kommenden Jahre sein, die Zahl der Feuerwehrmitglieder trotz der geburtenschwacher Jahrgänge konstant zu halten. Fakt ist, dass die Zahl unserer Nachwuchskräfte seit einigen Jahren stabil liegt. Dennoch ist eine gewisse Sorge nicht von der Hand zu weisen. Sowohl im Österreichischen Bundesfeuerwehrverband als auch in den einzelnen Landesfeuerwehrverbänden widmen wir uns dem Thema „Jugendarbeit“ in verstärktem Maße. Unser Ziel ist, eine bestmögliche frühjugendliche Begeisterung für das Feuerwehrwesen zu wecken. So viel kann ich jetzt schon verraten – hier werden im nächsten Jahr bundesweit so einige sichtbare Akzente gesetzt werden. Ich habe vorhin den Begriff Heimatbezug angesprochen. Heimat ist in diesem Zukunftsaspekt ein wesentlicher und wichtiger Begriff.

 

NL: Um effektiv helfen zu können, wird bestes technisches Gerät benötigt! Wie sind da die Freiwilligen Feuerwehren aufgestellt?

Kern: Ich glaube eines ist uns allen klar: die Feuerwehren sind mit ihren Mitgliedern Beschützer von Mensch, Tier und Umwelt. Mit unseren Mitteln und Kräften sorgen wir für ein lebenswertes Heute und für ein sicheres Morgen. Und was Ihre Frage betrifft, so bin ich überzeugt, dass unsere Feuerwehren in diesem Kontext gut aufgestellt sind. Wenn wir da oder dort einen Aufholbedarf erkennen, so stehen wir als erste dafür ein, dass die Ausrüstungskomponente zum Schutz der Bevölkerung auch in Zukunft bestens unterstützt wird.

Aber eines darf man in diesem Zusammenhang nicht außen vor lassen. Wir müssen in der Selbstverwaltung und Mittelverantwortung immer einen Blick auf das Gesamte haben. Wir verfügen in der Steiermark über rund 780 Feuerwehren. Freiwillige Feuerwehren, freiwillige Betriebsfeuerwehren und auch die Berufsfeuerwehr in Graz. Die freiwilligen Feuerwehren machen dabei den größten Anteil aus. Da haben wir kleine und größere. Und wenn ich dann das Wort „Gesamte“ sage, so meine ich, dass es in diesem Zusammenhang vor allem um die Sicherstellung machbarer und finanzierbarer Modelle, um eine langfristige Stabilität geht. Sowohl für kleinere Feuerwehen, wie auch für größere. Das fordert von uns in Entscheidungsprozessen Bewertung, Reflexion und vor allem eine produktive Verantwortung ein.

In diesem Sinne bekennen wir uns zur sinnvollen und wirtschaftlichen Mittelverwendung. Im Hinblick auf die Ausrüstung gibt es auch einige Regelwerke, zu deren Einhaltung wir uns verpflichtet fühlen. Mit Sicht auf das Ganze. Außer Streit steht aber, dass trotz Sparzwang und Sparwille technisches Equipment und Schutzausrüstung nicht bis zum Sankt Nimmerleinstag im Dienst gehalten werden können.

NL: Wie entwickelt sich der Mitgliederstand bei den Feuerwehren? Wie kann man Frauen und Männer motivieren, bei der Feuerwehr aktiv mitzuarbeiten?

Kern: Ich denke, dass wir uns auch in den kommenden Jahren im Rahmen des jetzigen Mitgliederstandes, so um die 50.000 Männer und Frauen, bewegen werden. Plus, minus. Wie schon vorhin erwähnt. Es liegt an uns allen, dass Feuer der Freiwilligkeit am Leben zu erhalten und das Engagement der freiwillig helfenden Hände sicher zu stellen. Große Hoffnung setze ich da in die erfolgreiche Arbeit in der Feuerwehrjugend. Willkommen ist natürlich jeder in der Feuerwehrfamilie. So freuen wir uns auch auf jene, die wir erst in höherem Lebensalter für unsere Einsatzorganisation begeistern können.

NL: Ein Tabuthema: Welche Auswirkungen hat die Strukturreform mit ihren Gemeindefusionen in der Steiermark? Wird man bald auch Wehren zusammenlegen?

Kern: Warum Tabuthema? Dazu haben wir im Feuerwehrwesen eine sehr deutliche Meinung. Erstens: Zusammenlegungen von Feuerwehren sind nur dann sinnvoll, wenn diese auf freiwilliger Basis erfolgen. Quasi eine Feuerwehr-Hochzeit mit Happy-end. Das ist das eine. Zweitens: Bleiben wir gleich beim Vergleich mit der Hochzeit. „Zwangsehen“ würden unter keinem guten Stern stehen. Davon bin ich, sind wir alle, sehr überzeugt. Die Strukturreform, die Sie ansprechen, soll ja primär auf Verwaltungsebene Synergien bilden und somit Kosteneffizienz schaffen. Wenn man nun bei Gemeindefusionierungen im Feuerwehrwesen durch „Zwangsehen“ tiefgreifende, strukturelle Veränderungen bei der Feuerwehranzahl andenken würde, so gäbe es das für die öffentliche Hand ganz sicher nicht zum Nulltarif.

NL: Vor zwei Jahren wurde die Altersgrenze für den aktiven Dienst auf 70 Jahre angehoben. Konnte der gewünschte Effekt erzielt werden?

Kern: Bei dieser Entscheidung ging es uns primär nicht um irgendwelche Effekte, sondern um das gezielte Reagieren auf gesellschaftliche Entwicklungen. Die Lebenserwartung ist gestiegen, die Menschen mit 60 bzw. 65 sind heutzutage auch viel aktiver und agiler, als sie es noch vor ein paar Jahrzehnten waren. In dieser Frage sind wir nur mit der Zeit gegangen. Der sehr positive Effekt für uns ist, dass wir mit dieser Neuerung nun Mitglieder mit Lebens- und Einsatzerfahrung noch länger im aktiven Dienst zur Verfügung haben können, die auch dazu beitragen, die Tageseinsatzbereitschaft abzufedern. Ausgenommen davon bleiben aber weiterhin die Führungspositionen, da ist wie bisher mit 65 Schluss.

NL: Sie sind ja auch auf Bundesebene tätig? Mit welchen Herausforderungen werden Sie als Präsident des Österr. Bundesfeuerwehrverbandes konfrontiert?

Kern: Uns allen muss klar sein, dass die in den Bundesländern vorhandenen gesetzlichen Vorgaben das Grundgerüst der Aktivitäten im Feuerwehrwesen bilden. Darauf aufbauend zählt es zu den obersten Aufgaben des Bundesfeuerwehrverbandes, das Gemeinsame zu filtern, um die Mitglieder aller Feuerwehren inhaltlich zu erreichen und mitzunehmen. Da gibt es viele Themen, die uns in Österreich gemeinsam berühren und an denen wir arbeiten. Das reicht vom Katastrophenschutz bis hin zu Vorsorgemodellen für ehrenamtliche Feuerwehrmitglieder. Es geht aber auch um internationale Vernetzung im europäischen Kontext, wo wir seitens des ÖBFV eine wichtige Rolle einnehmen.

NL: Werden sich die Aufgaben der Feuerwehren in Zukunft ändern?

Kern: Es ist eine mittlerweile eine weitum bekannte Tatsache, dass der Begriff „Feuerwehr“ heute bei weitem nicht das breite Einsatzspektrum unserer Feuerwehren abdeckt. Ein Spektrum, das sich in den vergangenen Jahren ständig erweitert hat. Rein ums „Feuerlöschen“ geht’s bei den Feuerwehren schon längst nicht mehr. Das Aufgabenspektrum hat sich extrem erweitert, bindet und braucht immer mehr Ressourcen. Völlig neue Aufgabenfelder sind hinzugekommen und werden möglicherweise noch hinzukommen. So stellen sich, kritisch betrachtet, für mich folgende Fragen: sind Feuerwehren wirklich „Mädchen für Alles“, quasi der „Hausmeister“ von Herrn und Frau Österreicher? Egal ob in der Stadt oder am Land. Ist dieser boomende „Rundum-Service“ durch Feuerwehren wirklich notwendig? Hier sind wir, in einer kritischen Reflexion, meiner Meinung nach besonders gefordert, dort zu überzeugen, wo sich bürgerliches Selbstverständnis eher an „Bequemlichkeit“ als an tatsächlichen Anforderungen/Aufgaben der Feuerwehren orientiert. Vor allem dann, wenn geradezu verlangt wird, dass „Feuerwehr“ permanent da ist und hilft. Ausgenommen in Notlagen. Das steht außer Streit. Da helfen wir sowieso, auch in der Zukunft uneingeschränkt.

NL: Wo sehen Sie die Feuerwehren in zehn Jahren?

Kern: Ich habe gelernt, dass unsere schnelllebige Zeit ein flexibles Handeln erfordert. Vorstellungen ja, aber sich allzu sehr auf feste Strategien zu versteifen, wäre falsch.

Ziele und Ideen von heute, können sich morgen oder übermorgen schon als Weg in eine Sackgasse erweisen. So gilt es in Ausgewogenheit, angefangen von der Jugend über den Aktivstand bis hin zur Entwicklung der Alterspyramide im Bereich der Senioren, vielfältige Themen zu unterstützen, Bewährtes zu erhalten und Neues in Angriff zu nehmen.

Feuerwehrdienst war, ist und bleibt eine besonders menschliche Dienstleistung an der Gesellschaft. Die Dienstverrichtung ist organisiertes Helfen in allen nur erdenklichen Notsituationen. Das Modell der freiwilligen Feuerwehren wird auch in Zukunft das Rückgrat des Brand- und Katastrophenschutzes bilden. Wichtig ist für uns daher, sowohl kleine als auch größere Feuerwehren zu stärken bzw. zu spezialisieren, denn unsere Feuerwehren werden auch in Zukunft eine wesentliche, um nicht zu sagen tragende, Säule im regionalen wie auch im nationalen Sicherheitsgefüge einnehmen. Sowohl im Branddienst, in der Technischen Hilfeleistung und vor allem aber im Katastrophenschutz.

Diesen Artikel drucken Diesen Artikel drucken

Kommentieren

*