Wirbel um „Heu-Brot“-Verbot

In Österreich verboten, in Deutschland erlaubt – Heu in Lebensmitteln. Heiße Diskussionen nach TV-Auftritt in der Steiermark.

Ein Fernsehauftritt der steirischen Brotback-Fachfrau Eva-Maria Lipp bei „Steiermark heute“ vor einigen Tagen hat ein kräftiges Nachbeben: Die Lebensmittelaufsicht schritt ein und machte darauf aufmerksam, dass ein von Lipp präsentiertes „Heu-Brot“ nicht den Vorschriften des Gesundheitsministeriums entspricht und folglich auch nicht vermarktet werden darf. Im Rezept der Vorbäckerin, das sie bereits vor drei Jahren in einem Buch vorgestellt hat, spielt Heu gleich eine doppelte Rolle: Erstens wird der Brotteig mit „Heuwasser“ veredelt, das dadurch entsteht, dass das getrocknete Grün mit heißen Wasser übergossen wird. Zweitens kommt Heu auch ins Backblech. Beides soll für ein feines, unverwechselbares Aroma sorgen.

All das darf es in Österreich aber nur geben, wenn es für den Eigengebrauch geschieht – sagt Christian Kaltenegger, der Leiter der Lebensmittelaufsicht in der Steiermark. Er erklärt, warum das Gesundheitsministerium das so sieht: „Man kennt die genaue Zusammensetzung von Heu nicht, also könnten auch Stoffe von Pflanzen dabei sein, die für den menschlichen Verzehr nicht geeignet sind.“ Erlaubt wäre, so Kaltenegger, Heu aus kontrolliertem Anbau, wie ihn beispielsweise ein Unternehmen in Niederösterreich betreibt.

Eva-Maria Lipp, die sich als Autorin von mittlerweile sage und schreibe 25 Kochbüchern verschiedenster Art und mit Brotbackkursen in ganz Österreich einen Namen gemacht hat, will das nicht so einfach hinnehmen – auch deshalb, weil ihre Brotideen, wie sie sagt, in erster Linie dazu gedacht sind „bäuerlichen Betrieben mit neuen Produktideen bei der Vermarktung zu helfen.“ Lipp – sie ist in der Landwirtschaftskammer (LK) Graz-Umgebung tätig – verweist zunächst einmal darauf, dass in allen anderen EU-Ländern, also auch im benachbarten Deutschland, ganz andere Regeln gelten und damit auch traditionsreiche Heu-Produkte verschiedenster Art möglich sind. Zusätzlich pocht sie darauf, dass sie ihr Heu natürlich nicht von irgendwo her nimmt. „Ich kenne die Wiese sehr genau und weiß daher, dass keine Risiko-Pflanzen dabei sind!“

Zum Heu-len kommt man in Österreich immer wieder. Vor einiger Zeit musste ein Wirt in Rennweg (Kärnten) 50 Liter von einem Schnaps vernichten, den er traditionell mit Heu von der Alm ansetzt. Dieser Fall führte nicht nur zu Schlagzeilen, sondern auch zu einer Anfrage im Nationalrat. Diese verlangte auch eine Erklärung dafür, warum Heu in Deutschland als unbedenklich gilt und bei uns als gefährlich eingestuft wird.

Werner Pfannhauser, europaweit geschätzter Lebensmittelgutachter und emeritierter Professor für Lebensmittelchemie und -technologie an der Technischen Universität (TU) Graz, sieht die Sache differenziert. Einerseits habe Heu, sagt er, „verschiedenste Zusammensetzungen“ und damit ein gewisses Risikopotenzial, andererseits sei es zum Beispiel als „Heubad“ schon lange absolut akzeptiert. Pfannhausers entscheidende Frage dazu: „Wo ist der Unterschied, ob ich’s esse oder inhaliere?“

 

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