Wir brauchen eine faire Aufteilung!

 

NEUES LAND im Interview mit Agrar-Landesrat Hans Seitinger über die so bedrückende Situation in der heimischen Landwirtschaft, über Solidarität, Sicherheit und Kurzsichtigkeit.

 

NEUES LAND: Herr Landesrat, bei den steirischen Bäue-rinnen und Bauern ist die Stimmungslage derzeit denkbar schlecht. Sie sind nun nach Schädlings- und Unwetterkatas-trophen auch noch massiv in den Strudel der internationalen Politik geraten – die Preise spielen verrückt. Wie schätzen Sie die Lage ein?

 

LR Hans Seitinger: Die momentane Situation ist für mich absolut inakzeptabel, so darf und kann es einfach nicht weitergehen. Wenn Bauernfamilien für ihre mühsam erzeugten Produkte auf höchstem Qualitätsniveau nur mehr geradezu beschämende Spottpreise bekommen, ist das sehr, sehr schlimm. Wenn aber auf der anderen Seite Konsumenten mit Höchstpreisen konfrontiert sind, schlägt das dem Fass den Boden aus. Alle fragen sich völlig zu Recht, wer da den fetten Rahm abschöpft.

NL: Gibt’s ein Beispiel dafür?

Seitinger: Ja – eines, das besonders weh tut und beispielhaft auch für andere Produktsparten ist. Es betrifft den Apfel, der eigentlich im ganzen Land von einer Welle der Sympathie getragen wird und im Mittelpunkt von viel positivem Aktionismus steht. Schauen wir uns da die Situation etwas näher an. Da gibt es tatsächlich zum Teil attraktive Sonderangebote, aber gar nicht selten auch in Geschäften Preise, die bis zu 2,49 Euro pro Kilogramm erreichen. Ein Apfelbauer erzielt aber derzeit selbst für beste Qualität einen Preis von bestenfalls 35 Cent pro Kilogramm. Dazu muss man schon sehr deutliche Worte finden und kann keinesfalls zur Tagesordnung übergehen.

NL: Einige Bauern wären aber sogar froh, wenn sie die genannten 35 Cent erzielen könnten…

Seitinger: Das ist das nächste Kapitel in dieser Tragödie. Aufgrund des Russland-Embargos müssen derzeit oft beste Speiseäpfel zu Saft verpresst werden. In diesem Fall bekommt der Bauer überhaupt nur noch vier Cent pro Kilogramm. Hier geht es nicht mehr allein um den Preis, da wird plötzlich alles zu einem großen Fragezeichen!

NL: Bleiben wir beim Fragezeichen. Wie könnten Antworten darauf lauten?

Seitinger: Wir kriegen diese Antworten bereits täglich mehrfach in einer Form, die von der Öffentlichkeit massiv unterschätzt wird. Jeden Tag sperren in Österreich sage und schreibe zehn Bauernhöfe zu. Das schafft alarmierende Perspektiven für unsere Heimat, die weit über den nachhaltigen volkswirtschaftlichen Schaden hinausgehen. Die Bauern sind Garanten für einen gepflegten Lebensraum, das kostbarste Gut für eine funktionierende Tourismuswirtschaft mit hunderten Arbeitsplätzen. Und sie garantieren die Versorgungssicherheit mit heimischen Lebensmitteln. Was Letzteres bedeuten kann, lässt sich gerade jetzt so eindrucksvoll und alarmierend wie schon lange nicht mehr in mehreren internationalen Krisenszenarien erahnen. Handelskriege ticken genauso als Zeitbombe wie brisante Seuchen- und Terrorgefahren. Mit der Leistung unserer Bauern sind wir in Sachen Nahrungsmittel – noch – auf der sicheren Seite. Aber diese Sicherheit kann und darf nicht selbstverständlich sein und muss uns viel mehr wert sein, insbesondere auch in der Energieversorgung. Das Motto „Das Gute liegt so nah“ sollte in jedem von uns brennen.

NL: In den letzten Wochen war Solidarität ein häufig verwendetes Wort. Gibt es sie tatsächlich?

Seitinger: Zweifellos, es gibt sie. Und es ist schön zu sehen, dass die Menschen in diesem Land verstärkt zu bestimmten heimischen Produkten greifen. Aber diese Solidarität greift leider nicht – so, wie sie sollte – über die gesamte Produktpalette hinweg. Sie sollte überall spürbar werden. Und es sollte allen auch entsprechend klar werden, dass sie überall zumindest gleich sinnvoll ist wie beispielsweise beim Apfel.

NL: Was kann man in dieser so bedrückenden Situation tun?

Seitinger: Im Wissen, dass die Politik keine Möglichkeit hat, in die Preisgestaltung einzugreifen, geht es letztlich darum, auf allen Ebenen mit Nachdruck das Bewusstsein zu schärfen, dass man einen Bauernhof nicht auf- und zusperren kann wie einen Würstelstand. Ein einmal stillgelegter Betrieb ist ein enormer Verlust für unseren Lebensraum und damit für die gesamte Volkswirtschaft.

NL: Stichwort Volkswirtschaft. Die Landwirtschaft ist doch auch ein sehr wichtiger Arbeitsplatzfaktor in unserem Land.

Seitinger: Viele wissen nicht, dass sie in der Steiermark mehr als einhunderttausend Menschen Arbeit und Existenz gibt, von den Arbeitnehmern in Verarbeitungsbetrieben, im Transportwesen, in der Verpackungsindustrie bis hin zu den vielen Marketingunternehmen. In Zeiten wie diesen, wo durch viele Umstände bäuerliche Betriebe geschlossen werden und die Produktion ins Ausland abfließt, können leider sehr schnell sehr viele Arbeitsplätze verloren gehen. Da spreche ich noch nicht von den zahlreichen Bauern, die damit vom Vollerwerb in den Nebenerwerb gedrängt werden. Der alte Spruch „Lebt der Bauer, lebt das Land“ ist so aktuell wie nie zuvor. Alle, die an der Wertschöpfungskette hängen – besonders die Handelsketten –, müssen wissen, wenn für den Bauern nichts mehr bleibt, bricht die Kette.

NL: Die Konsequenz daraus?

Seitinger: Wir brauchen eine faire Aufteilung dieser Wertschöpfung auch im Sinne des Konsumenten. Gleichzeitig ist es notwendig, in derartigen Notzeiten und im Zusammenhang mit Embargos auch europaweit noch wirksamere Marktmaßnahmen als bisher zu setzen.

NL: Gibt es auch kurzfristige Überlegungen, wie manchen Menschen die Augen geöffnet werden könnten?

Seitinger: Dazu sind wir gerade intensiv am Nachdenken, und es stehen auch bereits einige konkrete Ideen am Prüfstand. Eine davon wäre, monatlich die erzielten Erzeugerpreise zu veröffentlichen, damit allen klar wird, mit welchem Produktpreis ein Lebensmittel den Bauernhof verlässt und was dann letztlich der Konsument dafür zu zahlen hat.

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