„Weit über der Schmerzgrenze“

Der Obmann der Bezirkskammer Oststeiermark, Johann Reisinger, im Interview mit NEUES LAND über die verzweifelte Lage der Bauern in seiner Region.

 

NEUES LAND: Ernte – was heißt das derzeit in der größten Agrarregion der Steiermark?

KO Johann Reisinger: Die letzten Wochen haben der Bauernschaft die größten Probleme seit Jahrzehnten beschert. Wir sind mit einer schlimmen Situation konfrontiert, wie ich sie hier noch nie erlebt habe. Die Menschen schuften fast rund um die Uhr, um zu retten, was noch zu retten ist, die Arbeitszeiten liegen weit über der Schmerzgrenze. Und leider sehr oft geraten Bäuerinnen und Bauern an die Grenzen des Möglichen. So sind etwa bereits Mähdrescher im nassen Boden versunken und mussten mühsam mit Kettenbaggern geborgen werden.

 

NL: Die Stimmung der Menschen?

Reisinger: Es gibt unglaublich viele, die einfach kein Licht mehr sehen. Sie fühlen sich förmlich erdrückt von einer Fülle an Problemen – der Maiswurzelbohrer, der Handelsboykott, die Schweinepreise und dann auch noch das verrückte Wetter, die Wassermassen und so weiter. Und nicht wenigen geht auch einfach die Kraft aus: Gerade gestern erzählte mir jemand, dass er 24 Stunden lang am Traktor durchgefahren ist. Dann hat er zwei Stunden geschlafen und wieder weitergemacht. Lange schafft man das nicht.

 

NL: Wie bewältigt ein Bauernfunktionär eine solche He-rausforderung?

Reisinger: Es ist, muss ich ganz offen sagen, derzeit alles andere als einfach, Funktionär zu sein. Man ist fast ausschließlich mit bitteren Klagen konfrontiert – und ich kann alle, die da verzweifelt ihr Herz ausschütten, sehr gut verstehen. Hier ist auf einen Schlag alles ganz anders geworden. Wir waren bisher in der Bezirkskammer Oststeiermark Hartberg-Fürstenfeld sehr positiv orientiert und glaubten – nicht zuletzt auch durch eine sehr gute Jugendarbeit –, mit Zuversicht in die Zukunft schauen zu können. Wie soll man das nun?

 

NL: Ihr Umgang mit Zeit in dieser schwierigen Situation?

Reisinger: Natürlich bin auch ich in unserem Betrieb ganz besonders gefordert, aber mindestens genauso wichtig ist es, nun für die anderen da zu sein. Gespräche sind jetzt ungemein wichtig. Wir haben viele heiße Diskussionen, die bis weit nach Mitternacht dauern, und wir denken natürlich alle miteinander immer wieder intensiv darüber nach, was in dieser Situation wie noch zu retten sein könnte.

 

NL: Ihre ganz persönliche Lage als Bauer?

Reisinger: Etwa die Situa-tion in der Schweinewirtschaft ist auch für unseren Betrieb furchtbar. Ich habe dieser Tage rund 150 Tiere verkauft und dabei – wohlgemerkt nur an Deckungsbeitrag – 1.600 Euro verloren. Von einem möglichen Gewinn rede ich da noch gar nicht.

 

NL: Was braucht die Bauernschaft derzeit am meisten?

Reisinger: Erstens: Endlich ein gutes Wetter! Zweitens: Verständnis von allen Seiten für eine außergewöhnliche Situation, die bisweilen auch außergewöhnliche Nebenwirkungen hat. So – um nur ein Beispiel zu nennen – jene, dass wir in dieser kritischen Lage oft einfach auf die Felder müssen und in der Folge natürlich auch manchmal die Fahrbahnen verschmutzen. Vielleicht kann uns da die Straßenverwaltung ein wenig zu Hilfe kommen…

 

NL: Was nervt Bauern Ihrer Meinung nach derzeit am meisten?

Reisinger: Die mit dem Wort Soforthilfe verbundene Illusion in der Öffentlichkeit, dass damit alle Probleme gelöst sind. Das sind sie nämlich überhaupt nicht – im besten Fall gelingt damit eine Verlustminderung. Oder anders ausgedrückt: Es tut nur ein bisschen weniger weh, ändert aber nichts daran, dass wir Landwirte mit dem Rücken zur Wand stehen!

 

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