Schwere Stunden im Banne des Terrors

Die schrecklichen Anschläge haben in der EU-Metropole Brüssel – nicht nur an den Tatorten – zum totalen Ausnahmezustand geführt.

Mein Ziel war am Morgen der Tagungsort der Konferenz „Forum for the future of Agriculture“ nahe dem Zentralbahnhof und dem Regierungsviertel – also im Herzen der EU-Metropole. Ein wichtiges Thema stand im Mittelpunkt – die Zukunft der Landwirtschaft. Beim Aufbruch aus dem Hotel wurde ich durch aufgeregte Menschen darauf aufmerksam, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Erste Meldungen von den Explosionen am Flughafen sorgten für Entsetzen.

Eigentlich wollte ich mit der U-Bahn fahren, aber ein mulmiges Gefühl ließ mich dann doch lieber zu Fuß gehen. Eine Wegstrecke von etwa 20 Minuten war auch nicht wirklich ein Problem. Es waren 20 aufregende Minuten, die von einem ungewöhnlichen Gegensatz geprägt waren – einerseits einem Verkehr, der völlig zum Erliegen kam und andererseits unzähligen Einsatzfahrzeugen, die mit ihren Blaulichtern und Folgetonhörnern eine Stimmung des großen Unbehagens entstehen ließen.

Kurz bevor ich am Konferenzort eintraf, erfuhr ich über mein Smartphone vom Terroranschlag in der Metro-Station. Wäre auch ich mit der U-Bahn gefahren, hätte ich die Linie, in der es zur folgenschweren Explosion kam, in unmittelbarer Nähe zum Anschlagsort gekreuzt. Da holt man ganz tief Luft.

Am Tagungsort war schnell klar, dass an einem solchen Tag keine klaren Gedanken zu fassen sind. Außerdem begannen rundum wie wild die Handys zu läuten, weil natürlich besorgte Angehörige und Kollegen wissen wollten, ob alles okay ist und welche ersten Eindrücke es gibt. Es machte sich bei vielen die Meinung breit, dass man in einer solchen Situation wahrscheinlich doch im Hotel am besten aufgehoben ist. Wie viele andere auch machte ich mich wieder zu Fuß auf den Weg. Über mir kreisten zahllose Hubschrauber, die Ausnahmesituation wurde immer stärker spürbar. Die Straßen leerten sich immer mehr, aber es lag eine ungeheure Spannung in der Luft.

Im Hotel konnte ich hautnah erleben, wie Sicherheitskräfte Sondermaßnahmen verfügten. Ich bekam mit, dass vor allem auf Menschen, die das Hotel betreten, ab sofort besonders geachtet werden sollte.

Die Hotel-Lobby bot ein merkwürdiges Bild: Alle Menschen waren auf ihr Handy fixiert, konzentrierten sich total auf die neuesten Nachrichten. Immer stärker rückte schließlich für die meisten auch die Frage in den Mittelpunkt, wie man Brüssel so rasch und so sicher wie möglich verlassen kann. Lösungen dafür gab’s zunächst gar keine. Kein Flug- und kein Bahnverkehr, auch von vielen Straßensperren war die Rede. Ich stellte mich auf einen längeren Aufenthalt in Brüssel ein, der für mich auch mehr Sinn machte als für die meisten anderen Gäste – unsere Redaktion bat mich, Fakten und Eindrücke zu sammeln, Gespräche zu führen.

Eines dieser Gespräche öffnete für mich dann plötzlich einen Ausweg: Ein Mann aus den Niederlanden, der zu einer – aufgrund der Ereignisse abgesagten – Fachmesse nach Brüssel gekommen war, hatte gegenüber vielen anderen Besuchern der EU-Metropole einen großen Vorteil: Er war mit seinem Auto da. Und er fühlte sich offenbar wohler, am Weg zurück in die Umgebung von Amsterdam, einen Co-Piloten zu haben.

Aufgrund großflächiger Absperrungen hat man ihm eigentlich von dieser Heimfahrt abgeraten, aber wir gingen sie dann – gemeinsam – doch an. Wir haben weite Umwege gemacht, merkwürdige Gegenden gekreuzt, standen lange in diversen Staus und letztlich gelang es uns doch, die Autobahn nach Holland zu erreichen.

Dort sahen wir mit Spannung dem nächsten Abenteuer entgegen: Wie kommen wir über die Grenze? Ist sie gesperrt? Gibt es kilometerlange Staus? Eine positive Überraschung: Wir rollten ohne Schwierigkeiten auf den Grenzübergang zu, vorbei an schwer bewaffneten Polizisten und Soldaten und wurden nicht einmal kontrolliert.

Direkt am Flughafen Amsterdam Schiphol ließ mich der freundliche „Fluchtpartner“ – ein erfolgreicher Recycling-Manager – aussteigen. Und wie durch ein Wunder war dann in einer eigentlich ausgebuchten AUA-Maschine nach Wien plötzlich doch noch ein Platz frei.

 

Die Fakten

Am Dienstag, den 22. März, sind bei zwei Terroranschlägen auf dem Brüsseler Flughafen Zaventem und in einer U-Bahnstation im EU-Viertel der belgischen Hauptstadt 34 Menschen getötet und nach Behördenangaben mehr als 230 weitere verletzt worden.

Um 8.20 Uhr kam es in der Abflughalle des Flughafens zu zwei Explosionen. Drei Attentäter waren, wie sich später herausstellte, per Taxi zum Flughafen gekommen und hatten die Bomben in Koffern versteckt. Sie legten die Taschen auf Gepäckwagen, gingen in das Flughafengebäude und verteilten sich dort. Zwei Attentäter sprengten sich dann mit ihren Bomben in die Luft.

Ein dritter Täter ist – wie Videoaufnahmen aus Überwachungskameras dokumentieren – im letzten Moment geflüchtet und hat seinen Sprengsatz nicht zur Detonation gebracht. Diese Bombe wurde später von der Polizei kontrolliert gezündet.

Ziemlich genau eine Stunde nach dem Anschlag am Flughafen kam es zu einem Selbstmordanschlag in der Brüsseler Metro-Station Maelbeek in der Nähe der EU-Behörden.

Die Attentätern vom Flughafen Brüssel-Zaventem sind mittlerweile mit hoher Wahrscheinlichkeit identifiziert, es handelt sich um die Brüder Khalid und Ibrahim El Bak­raoui. Sie hatten sich mit Bomben in ihren Koffern in die Luft gesprengt.

Die beiden identifizierten Männer waren polizeibekannt – allerdings nicht wegen Extremismus, sondern wegen Kriminalität. Sie sind seit einer Schießerei am 15. März zur Fahndung ausgeschrieben gewesen.

Die radikalislamische Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat sich zu den Anschlägen in Brüssel bekannt und weitere „schwarze Tage“ angekündigt. Medien veröffentlichten indes ein Foto, auf dem drei Verdächtige zu sehen sein sollen.

Ein Taxifahrer lieferte der Polizei wichtige Hinweise, die später auch zu einer Razzia im Brüsseler Stadtteil Schaerbeek führten. In einer Wohnung, von der die Terroristen offenbar zu ihrer Tat aufgebrochen sind, wurden zwei Nagelbomben und eine Fahne der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) entdeckt. Offenbar war ein noch weit größerer Anschlag geplant – die Täter wollten fünf Koffer mitnehmen, im Taxi war aber nur Platz für drei.

 

 

Foto: Danny Gys/Reporters/picturedesk.com

Diesen Artikel drucken Diesen Artikel drucken

Kommentieren

*