Heißer Kampf um jedes Kilo

Europas Apfelwirtschaft steht im Banne der Krisensituation, sucht Auswege und lässt auch die Drähte zu den Handelsketten glühen. SPAR in der Steiermark verspricht Solidarität.

 

Europas Apfel-Vermarkter hetzen derzeit von Krisensitzung und Krisensitzung. Viele von ihnen – wie auch der Geschäftsführer des Verbandes der Steirischen Erwerbsobstbauern, Wolfgang Mazelle (siehe unten) – sind gerade vom „Prognosfruit“-Kongress in Istanbul zurückgekommen. Voll bepackt mit Hiobsbotschaften aller Art: Der russische Boykott wird (wie berichtet) viele Länder treffen – aber ganz besonders den „Apfelriesen“ Polen (siehe die Europa-Zahlen in der Infobox rechts), der einen Abnehmer für zuletzt 500.000 Tonnen verliert. Doch nicht nur diese dürften die Märkte fluten, fast überall erwartet man zu große Erntemengen. Zusätzlich hat man einander geflüstert, dass derzeit in Europa noch geschätzte 350.000 Tonnen in den Lagern liegen.

Was doppelte Brisanz hat, weil die Ernte früher als sonst beginnt. Schon in den nächsten Tagen drängt erste Frischware auf die Märkte. Und – speziell für Österreich – erschwerend kommt hinzu, dass in manchen Ländern wie etwa Deutschland oder Großbritannien verstärkter Konsumpatriotismus umgeht. Sprich, viele Käufer machen einen Bogen um Importware. Mit Deutschland trifft dieses Phänomen unseren wichtigsten Exportmarkt.

In Polen hat sich mittlerweile eine mächtige Solidaritätsbewegung formiert. Viele Medien, die Politik, die Großunternehmen – alle rufen zum Apfelessen auf. Hinter den Kulissen wird von den Vermarktern hektisch kommuniziert. Insider sagen, dass man vor allem die USA als Abnehmer im Visier hat.

Intensiv telefoniert wird überall – natürlich in erster Linie mit den großen Handelsketten. Der Chef von SPAR in der Steiermark, Christoph Holzer, verspricht bereits Solidarität: „Für mich steht fest, dass wir in dieser Situation viel für den heimischen Apfel tun müssen und tun werden!“ Er mahnt allerdings auch Realitätssinn ein: „Es sollte allen klar sein, dass der Preis des Apfels aufgrund der Marktsituation runtergehen wird. Was ihn allerdings aus Sicht der Kundinnen und Kunden auch wieder attraktiver macht.“ Nachsatz: „Der Konsum war zuletzt leider rückläufig.“

Wenigstens eine gute Nachricht kommt aus Brüssel: Die EU-Kommission will jenen Obst- und Gemüsebauern, die durch Importverbote Einnahmeausfälle haben, 125 Millionen Euro zur Verfügung stellen.

 

Die erwarteten Produktionsmengen in Millionen Tonnen für dieses Jahr:

  • Österreich: 0,19 (Vorjahr: 155.000)
  • Polen: 5,54 (Vorjahr: 3,17)
  • Italien: 2,39 (Vorjahr: 2,12)
  • Frankreich: 1,49 (Vorjahr: 1,58)
  • Deutschland: 1,04 (Vorjahr: 0,8)
  • Ungarn: 0,78 (Vorjahr: 0, 58)
  • Spanien: 0,45 (Vorjahr: 0,46)
  • Niederlande: 0,35 (Vorjahr: 0,31)
  • Belgien: 0,30 (Vorjahr: 0,22)
  • Rumänien: 0,28 (Vorjahr: 0, 37)

Zahlen zur Apfelproduktion aus Übersee: In den USA wird mit einer durchschnittlichen Ernte gerechnet, in China lauten die Prognosen auf ein Minus von sieben Prozent, die Länder der südlichen Hemisphäre erwarten ein Plus von vier Prozent.

 

Eines der ganz großen Probleme:

Noch 350.000 Tonnen Äpfel liegen

in Europa auf Lager.

Foto: fotolia.com/Vera Kuttelvaserova

 

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Ein hübsches Vorbild – hoffentlich tun es der jungen Dame viele Menschen nach! Foto: Fotolia

 

„Das geht einfach zu weit“

Wolfgang Mazelle, Geschäftsführer der steirischen Erwerbsobstbauern, zur Apfel-Krise.

NEUES LAND: Die Lage auf dem europäischen Apfelmarkt ist ungemein brisant. Wo sehen Sie einen Hoffnungsschimmer für Äpfel aus der Steiermark?

Wolfgang Mazelle: Ich sehe gleich zwei für uns. Vor allem einmal die Tatsache, dass wir zu den besten Produzenten der Welt zählen. Qualität ist in solchen Situationen ein entscheidender Faktor. Zweitens: Unser Markanteil in der EU beträgt rund 1,5 Prozent, wir müssen eine Exportmenge von 60.000 bis 70.000 Tonnen bewegen. Diese Herausforderung ist erheblich leichter zu bewältigen als die der Großen auf diesem Markt.

NL: Die Apfelbauern erwischt es ja nicht zum ersten Mal. Vor zwei Jahren waren es die Frostschäden, im Vorjahr hatten sie unter der Dürre zu leiden und jetzt ist gleich eine Mehrfach-Krise über sie hereingebrochen. Werden da nicht viele das Handtuch werfen?

Mazelle: Ich hoffe nicht. Das starke Fundament des steirischen Obstbaues ist der bäuerliche Familienbetrieb. Dort schafft man es immer wieder, auch höchst schwierige Situationen zu meistern. Ich bin überzeugt, der Apfelanbau wird in der Steiermark erfolgreich bestehen bleiben.

NL: Werden das die steirischen Apfelbauern ganz alleine schaffen?

Mazelle: Nein – natürlich brauchen sie unbedingt wirtschaftliche Hilfe. Aber sie benötigen in Zukunft auch dringend mehr Verständnis als bisher: Die Rahmenbedingungen für die Produzenten, etwa was die Pflanzenschutzmittel betrifft, sind teilweise hart an den Grenzen des Machbaren und des Erträglichen. Der Obstbauer von heute muss Ökonom, Ökologe, Chemiker, Techniker, Betriebswirt, EDV-Experte und vielleicht auch noch Mechaniker sein. Das geht einfach zu weit, so kann es nicht weitergehen.

 

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Wolfgang Mazelle ist seit 30 Jahren GF beim Verband der Erwerbsobstbauern. Foto: kk

 

 

 

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