Gegen die Endweder-Oder-Logik

Bischof Wilhelm Krautwaschl im Interview mit NEUES LAND. Das 800-Jahr-Jubiläum der Diözese Graz-Seckau im Jahr 2018 ist für ihn vor allem der Anstoß zum Nach-Vorne-Schauen.

NEUES LAND: In Ihrer Antrittsrede bei der Bischofsweihe haben Sie appelliert, nicht müde zu werden, das Gemeinsame zu suchen. Wo sehen Sie die großen Gefahren, dass die Suche nach dem Gemeinsamen untergraben wird?

Bischof Wilhelm Krautwaschl: Ich würde es zunächst einmal so formulieren, dass uns das Gemeinsame aus dem Blickfeld geraten ist. Ich weiß gar nicht, ob wir überhaupt noch danach suchen. Das ist eine brutale Erkenntnis. Aber dahinter steckt unter Umständen ein Gefühl, dass Menschen meinen, dass sie zu kurz gekommen sind.

NL: Sie kommen aus der Ost-steiermark, die immer als Brunnen für den Priester- und Ordensnachwuchs gegolten hat. Allmählich droht dieser Brunnen zu versiegen. Ist das nur eine temporäre Erscheinung oder die sichtbare Auswirkung einer – bildhaft gesprochenen – Klimaveränderung?

Krautwaschl: Ich glaube, wir merken jetzt etwas, das eigentlich schon 40, 50, 60 Jahre im Gange ist. Ich möchte aber die Verschiebungen, die sich da abspielen, nicht unter einem negativen Vorzeichen sehen, weil uns das nur noch mehr hinunterzieht, sondern ich sehe es so, dass wir jetzt die Chance haben, unser Christsein, unsere Identität aufgrund unseres Glaubens neu kennenzulernen. Das ist etwas wahnsinnig Schönes.

NL: Sie haben bäuerliche Wurzeln. Fühlen Sie sich den Bauern und Bäuerinnen besonders verbunden? Wissen Sie um deren Sorgen und Nöte?

Krautwaschl: Ich hoffe schon ein wenig. Aber unser Bauernhof daheim existiert nicht mehr. Da hat sich etwas geändert. Wir sind auf einmal mitten in der Stadt gelegen. Da kann ich darüber jammern oder versuchen, mit dem Neuen umzugehen. Das ist eine Herausforderung, der sich jeder zu stellen hat. Da sind die Antworten nicht vom Schreibtisch aus zu geben.

NL: Sie gelten als Bischof mit einem unkomplizierten Zugang zu den Menschen und da vor allem zu jungen Menschen. Sie sind auch mit den modernen Medien gut vertraut. Sind die neuen Möglichkeiten der Kommunikation gut oder schlecht?

Krautwaschl: Es hängt von uns ab, was wir daraus machen. Medien sind Vermittler. Die Frage ist, ob sie Menschen zusammen- oder auseinanderbringen. Die Macht des Wortes, die Macht der Bilder – das würde ich im Bewusstsein von so manchen nachschärfen und zugleich auch die Realität. Deswegen wehre ich mich zunehmend gegen die bloße Entweder-Oder-Logik. Es wird wahrscheinlich notwendig sein, dass wir mehr in „Sowohl als auch“-Dimensionen denken.

NL: Vor rund 50 Jahren ist das Zweite Vatikanische Konzil zu Ende gegangen, das der Katholischen Kirche einen großen Öffnungsschub beschert hat. Würde die Kirche heute einen weiteren derartigen Schub brauchen?

Krautwaschl: Ich würde mir wünschen, dass das, was damals angedacht wurde, einmal umgesetzt wird. Tun wir nicht an neue Dinge denken, solange das Bisherige noch nicht gegriffen hat. Gesagt gehört schon: Es wird ja nicht das Glaubensgut geändert, sondern es ändert sich aufgrund der Situation in der Welt die Art und Weise, wie man verkündet, wie sich Kirche abbildet. Aber Jesus Christus ist noch immer derselbe.

NL: Papst Franziskus hat das neue Kirchenjahr als „Jahr der Barmherzigkeit“ ausgerufen. Wie würden Sie Kindern das Wort Barmherzigkeit beschreiben?

Krautwaschl: ,I hob di gern – trotz allem, wos du auch manchmol aufführst mit mir!‘ Das ist einfach eine Botschaft, die wir alle brauchen. Keiner könnte leben, wenn es nicht jemanden gibt, der ihn liebt.

NL: 2018 feiert unsere Diözese ihr 800-Jahr-Jubiläum. Welche Ziele und Hoffnungen sind damit verbunden?

Krautwaschl: Das Jubiläum ist mehr der Anstoß, dass wir nach vorne schauen und nicht zurückdenken. Ich glaube, dass wir aus der Geschichte manches destillieren können. Bei den Stationen, die ich gemacht habe, sind die Grundfragen ziemlich dieselben gewesen, nämlich: Was heißt Kirche? Was heißt das Evangelium hier und heute? Was heißt es für die Zukunft der Kirche in der Steiermark mit den ganzen demographischen Veränderungen, auch mit den Veränderungen durch die Flüchtlinge, die da bleiben wollen. Was heißt es, wenn immer weniger Kinder geboren werden? Das sind Fragestellungen. Da wird uns die Arbeit nicht ausgehen.

Zur Person

Wilhelm Krautwaschl ist der 58. Bischof der Diözese Graz-Seckau. Er wurde im März 1963 geboren und wuchs als zweitjüngstes von vier Kindern des Gleisdorfer Bauern- und späteren Bestatterehepaares Wilhelm und Helene Krautwaschl auf. Im Jahr 1990 wurde Wilhelm Krautwaschl zum Priester geweiht. Er war zuerst Kaplan in Hartberg und Knittelfeld und dann Pfarrer in Bruck an der Mur. Von 2002 bis 2006 war er zudem Dechant des Dekanats Bruck an der Mur. Seit dem Jahr 2006 war er Regens im Bischöflichen Seminar Augustinum in Graz und Beauftragter zur Förderung geistlicher Berufe.

 

Das Interview führte Karl Brodschneider.

 

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