„Es geht ums große, gemeinsame Ganze!“

Bauernbundobmann und Agrar-Landesrat Hans Seitinger im großen NEUES LAND-Interview über Erfolge, Erkenntnisse und Zukunftsfragen.

NEUES LAND: Herr Landesrat, Sie tragen seit einem Jahr die Verantwortung als Obmann des steirischen Bauernbundes – noch dazu in wahrlich nicht einfachen Zeiten für die Bauernschaft. Wie war’s?

Bauernbundobmann LR Hans Seitinger: Es gibt dazu natürlich sehr unterschiedliche Eindrücke. Es ist einerseits ein schönes Gefühl, mit dem Bauernbundball Europas größtes Ereignis dieser Art eröffnen zu dürfen. Andererseits war ich in diesem Jahr mit ungewöhnlich vielen und ungewöhnlich großen Herausforderungen konfrontiert, die über die Bäuerinnen und Bauern in unserem Land hereingebrochen sind. Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der verschiedenste Notsituationen und Probleme solche Dimensionen erreicht haben.

NL: Erfolge werden natürlich auch mit Fakten gemessen. Was haben Sie in diesem Jahr alles für die steirische Bauernschaft erreichen können?

Seitinger: Sehr viel, einige Beispiele dafür: Für durch Dürre bzw. Hochwasser Geschädigte konnten 35 Millionen Euro ausbezahlt werden.

Wir haben es – trotz einiger Schmerzen – geschafft, die neue gemeinsame Agrarpolitik und die ländliche Entwicklung finanziell abzusichern. In der nächsten Periode stehen dafür 13 Milliarden Euro zur Verfügung.

Wesentliche Teile der Almprobleme wurden gelöst.

Wir haben umfangreiche Mittel für eine qualitätsvolle agrarische Bildung, Beratung und Interessensvertretung aufgebracht.

Es konnten beachtliche Summen für die bäuerliche Betriebshilfe lockergemacht werden.

Mit dem Steuerentlastungspaket, das wir Vizekanzler Reinhold Mitterlehner und Finanzminister Hans Jörg Schelling vorgeschlagenen haben, wurde eine wichtige Zusage erreicht. Beide wollen sich dafür einsetzen, dass keine neuen Vermögenssteuern auf die Bauernschaft zukommen.

Belastungen bei der Hofübergabe durch die neue Grunderwerbssteuerpflicht sind wesentlich abgeschwächt worden.

Und nicht zuletzt waren wir auf den Märkten sehr aktiv. Dort ging es einerseits darum, regionale Produkte intensiv zu bewerben, und andererseits Dumpingangebote gewisser Handelsketten abzustellen.

NL: Besonders schmerzhaft war für weite und wichtige Teile der steirischen Landwirtschaft das Russland-Embargo mit all seinen Folgen…

Seitinger: An diesem Beispiel sieht man, wie schnell und schwerwiegend sich internationale Konfliktherde sogar auf kleinregionale Märkte auswirken können. Man sieht aber auch, wie wichtig die Diplomatie ist. Mit ihrer Hilfe muss es unbedingt gelingen, dieses Embargo so schnell wie möglich aufzuheben. Wir haben uns sehr bemüht, Ausgleichsmaßnahmen zu setzen, und werden in diesem Zusammenhang weiterhin alles tun, was nur möglich ist!

NL: Vor dem Hintergrund dieses so schwierigen Jahres haben Zukunftsfragen ein besonders Gewicht bekommen.

Seitinger: Ich kann diese Fragen nur zu gut verstehen und möchte meine Antwort in kurz- und längerfristige Perspektiven gliedern. Kurzfristig muss es gelingen, die Landplage Maiswurzelbohrer in den Griff zu bekommen und Angriffe auf das bäuerliche Eigentum abzuwehren. Ganz wichtig ist es mir auch, endlich mehr Rechtssicherheit bei Bauverfahren zu geben, aber auch auf schwierige Marktsitua-tionen weiterhin rasch und effektiv reagieren zu können.

NL: Und längerfristig?

Seitinger: Ich bin überzeugt davon, dass Grund und Boden in Zukunft mit Gold nicht aufzuwiegen sein werden – weil es darum geht, eine rasant wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Insgesamt sollten zwei Themen eine Schlüsselrolle spielen, bei denen die Agrarwirtschaft ein gewichtiges Wort mitzureden hat – nämlich Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln und mit Energie. Und insgesamt werden sich einige neue Einkommensfelder auftun – auch über die hohe soziale Kompetenz der Bauernschaft. Stichwort: Green Care. Darüber hinaus ist die Politik gefordert, den ländlichen Raum an veränderte Ansprüche anzupassen. Dazu zählt die Qualität der gesamten Lebensinfrastruktur, wie Bildung, Gesundheit, Mobilität und vieles mehr.

NL: Eine wichtige Rolle werden aber auch die Brücken zwischen Stadt und Land spielen.

Seitinger: Die funktionieren jetzt schon sehr gut. Ein Beleg dafür sind etwa die vielen stark frequentierten Bauernmärkte in unserer steirischen Landeshauptstadt und umgekehrt auch die vielen Städter, die Erholung und Naturerlebnis im ländlichen Raum suchen. Ich bin Bürgermeister Siegfried Nagl sehr dankbar dafür, dass wir zum Thema Stadt/Land in einem intensiven Dialog stehen. Viel Potenzial hat vor allem unsere gemeinsame Idee, auch im Bereich der Energieversorgung verstärkt auf Biomasselösungen und damit auf bäuerliche Angebote zu setzen.

NL: Da klingt einiger Optimismus durch. Welche Schlüsse sollten Bäuerinnen und Bauern daraus ziehen?

Seitinger: An der unverzichtbaren gesellschaftlichen Leistung der Bauernfamilien gibt es keinen Zweifel! Es zahlt sich auf jeden Fall aus, in die Zukunft zu investieren.

NL: Die Zukunft gehört der Jugend. Welchen Rat hat der ehemalige Landjugendobmann für die bäuerliche Jugend?

Seitinger: Meldet euch zu Wort und wartet nicht, bis euch jemand fragt. Ich glaube insgesamt, dass wir auch im Bauernbund in nächster Zeit die Dynamik, die in jungen Köpfen steckt, noch stärker nützen müssen.

NL: Das wichtigste Rückgrat in der Landwirtschaft sind mittlerweile die Bäuerinnen geworden.

Seitinger: Das kann ich nur unterstreichen – sie sind ein wertvoller Diamant in der bäuerlichen Familie. Und auf ihren Schultern lastet sehr viel. Sie tragen die Generationenverantwortung, sind hervorragende Botschafterinnen für das bäuerliche Leben und vor allem auch für bäuerliche Produkte. Was sie aber aus meiner Sicht ganz besonders kostbar macht, ist das ausgleichende Element, in dem sich nicht alles um Soll und Haben dreht. Ihnen geht es auch um Sein und Sinn – Werte, die LHStv. Hermann Schützenhöfer immer hervorhebt. Nicht zuletzt auch deshalb wäre es gut, wenn die Bäuerinnen auch in der Politik in Interessensvertretungen und Organisationen noch mehr Verantwortung tragen könnten.

NL: Zum Thema Werte hatten wir in diesem Jahr mit der großen Initiative zur Rettung der Vulgonamen und mit unserer Hoftafel-Aktion ein starkes Erfolgserlebnis. Ihre Erklärung dafür?

Seitinger: Ich sehe das als eindrucksvolles und erfreuliches Zeichen dafür, dass Bäuerin oder Bauer sein noch immer weit mehr ist, als wir oft in der Getriebenheit des Alltags glauben. Nämlich eine tief verwurzelte Gesamtverantwortung, die nach wie vor sehr viele Bauernfamilien mit großer Begeisterung und Überzeugung leben.

NL: Herr Landesrat, Ihre Weihnachtspost zeigt Sie mit den beiden Enkelkindern und Sie meinen darin, man sollte das Leben und die Zukunft „enkeltauglich“ gestalten. Sie sind offenbar ein begeisterter Opa.

Seitinger: Elena, sie ist drei Monate, und Jakob, er ist zweieinhalb Jahre alt, bereiten mir tatsächlich unglaublich viel Freude. Ich hätte mir nie gedacht, dass zwei so entzückende, kleine Kinder den Blick für das Wesentliche im Leben so schärfen können. Wir müssen die Politik tatsächlich enkeltauglich machen! Wie sollten wir ihnen sonst in die Augen schauen können?

NL: Damit sind wir in einer sensiblen Zone gelandet – Privatleben. Wie viel Zeit bleibt einem Bauernbundobmann und Landesrat dafür?

Seitinger: Eindeutig zu wenig. Auch das wird mir durch die Enkelkinder wieder stärker bewusst. Manchmal denke ich mir, dass auch ein 48-Stunden-Tag nicht reichen würde. Entsprechend dankbar bin ich allen, die mich auf verschiedenste Art und Weise unterstützen. In der Familie, beim Bauernbund und in der Landesregierung. Und ich freue mich sehr auf die Weihnachtsfeiertage.

NL: Haben Sie politische und gesellschaftliche Wünsche an das Christkind?

Seitinger: Zwei fallen mir da sehr schnell ein. Erstens: Dass es unseren Bäuerinnen und Bauern noch bewusster wird, wie wichtig Zusammenhalt ist. Nur er gibt uns die Durchsetzungskraft, auf die es immer wieder ankommt. Es geht ums große, gemeinsame Ganze. Das sollte unbedingt mehr Gewicht haben als die eine oder andere persönliche Unzufriedenheit. Zweitens: Ich wünsche mir, dass es gelingt, mehr Wissen über die Landwirtschaft in die Köpfe der Menschen zu bringen. Das würde die Wertschätzung für die bäuerliche Arbeit ganz bestimmt erheblich vergrößern.

NL: Danke für das Interview.

Seitinger: Ich darf noch etwas Wichtiges hinzufügen. Ich wünsche all unseren Mitgliedern und Mitarbeitern sowie auch deren Familien ein frohes Weihnachtsfest und ein neues Jahr voll Zufriedenheit und Gesundheit.

Foto: Oliver Wolf

 

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