Eine Welle der Empörung

Das Thema „faire Preise“ ist mit höchsten Emotionen beladen. Es geht immerhin um die Existenzen vieler bäuerlicher Familien. Auch einen interessanten Leserbrief bekam die Redaktion von NEUES LAND in diesen Tagen zu diesem Thema.

Wir haben in den letzten Monaten in NEUES LAND verstärkt über „faire Preise“ berichtet und damit das wohl brennendste Kapitel bäuerlicher Interessen voll getroffen. Es ist auch gelungen, dass die Tagesmedien auf dieses Thema aufgesprungen sind. Die Reaktionen sind recht unterschiedlich: Von der Wut über die Machtlosigkeit gegenüber den Marktpartnern, über die Forderung nach mehr Aktionismus bis hin zu mehr Eigenverantwortung auf dem Betrieb war alles dabei. Die schwierige Marktsituation schlägt inzwischen in den meisten Produktionssparten hohe Wellen. Die Preise sind am Boden und die Aussichten mehr als trist. Bauernbundobmann Hans Seitinger kämpft auf mehreren Fronten für ein gerechtes Einkommen seiner Bauern und schließt Kampfmaßnahmen nicht aus: „Wir müssen einerseits die Marktsteuerungselemente von Wien bis Brüssel voll nutzen und andererseits die Handelsketten in sehr klaren und ernsten Gesprächen vor den negativen Folgen ihrer rabiaten Preispolitik warnen. Es bleibt uns nur mehr eine harte Gangart mit politschen Kampfmaßnahmen. Die Konsumenten sind unsere wichtigsten Partner, denen wir auch in Zukunft höchste Qualität bieten wollen. Wenn wir unsere bäuerlichen Lebensräume umbringen, die Landschaft damit verödet lassen und nur mehr hormonbehandeltes Fleisch und gentechnisch veränderte Produkte ins Regal kommen, ist der Konsument letztlich der, der die Rechnung zahlt.“ Den Handel nicht aus seiner Verantwortung zu lassen, ein ernsthaftes Fairness-Abkommen und ein nachhaltiges Bündnis mit den heimischen Bauern muss das Ziel sein.

 

Leserbrief an die Zeitung NEUES LAND von Fritz Prem

 

Betreff: Landwirtschaftliche Erlössituation und Parteipolitik

 

premIn letzter Zeit hatten wir sehr emotionale Diskussionen über die Ursache der schlechten Produktpreise im landwirtschaftlichen Bereich. In den oft hitzigen Diskussionen war man sich schnell einig, dass der Bauernbund eigentlich der Verursacher oder Schuldige der schlechten Situation sei. Dieser bräuchte nur einmal ordentlich auf den Tisch zu hauen, dann wäre die Situation viel besser. Als klares Zeichen dieser Frustration haben Kollegen ihre Bauernbund-Mitgliedschaft gekündigt und sind aus der Bauernbund-Ortsgruppe ausgetreten. Ihre Überlegung: Damit werden „die da oben“ schon sehen, dass sie etwas nicht richtig gemacht haben. Mittlerweile haben diese unzufriedenen Bauern bereits mehrmals eine populistische Partei gewählt, sozusagen als Zeichen ihres Protestes. Denn ihre Überzeugung war, schlechter machen als die bisherigen Politiker kann es ja sowieso niemand. Trotz mehrmaliger Protestwahl an der Wahlurne ist es schlechter geworden. Die Preise für landwirtschaftliche Produkte sind so schlecht wie schon lange nicht mehr. Ihre Erklärung ist: Die Politiker sind sowieso alle unfähig. Frustration macht sich breit. Schön langsam dämmert es dem einen oder anderen, dass diese „ungeliebten“ Politiker so gut wie keinen Einfluss auf die Preise der Bauern haben. Der Gewinn eines Bauern entsteht ganz einfach aus den Erlösen vom Markt (vom Händler) abzüglich der gesamten Produktionskosten. In dieser Stunde der Erkenntnis wird dem einen oder anderen bewusst, dass es vielleicht doch nicht so klug war, den landwirtschaftlichen Maschinenpark in der Luxusversion zu betreiben, eine etwas einfachere Art wäre auch ganz gut. Oder dass der Futtermittelhändler den Bauern mit überteuerten Futtermitteln über den Tisch gezogen hat, da er die sinkenden Getreidepreise ganz einfach erst ein paar Monate später an seinen bäuerlichen Kunden weitergegeben hat. Oder aber der Händler, der die veredelten Produkte vom Bauern kauft und an den Lebensmittelhandel weiterverkauft. Bei diesem Vorgang holt er zu wenig Geld vom Markt, damit kann er dem Bauern zu wenig weitergeben. Er muss ja „aggressiv“ verkaufen, sonst drängt ihn sein Mitbewerb bei dem einen oder anderem LEH aus der Listung. Es ist ihm auch weitgehend egal, da es ja nicht sein Geld ist, das er beim „aggressiven“ Verkauf verschenkt. Es ist ja das Geld „seines“ Bauern. In dieser Situation entsteht beim Bauern enormer wirtschaftlicher Druck. Statt diesen gegenüber seinem Futtermittelhändler und seinem Vermarkter anzusetzten gibt es als Ersatzhandlung Aggression gegen „die Politik“. So lange mit dem Vorlieferanten und dem Kunden nicht Klartext geredet wird, solange wird sich die Situation nicht verändern. Dies geschieht fast nie, da ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis zu beiden entstanden ist. Wenn ein Bauer gegenüber seinem Futtermittellieferanten aufmuckt, weiß er nicht, ob er nicht persönliche Nachteile dabei hat. Also lässt er es lieber. Falls ein Bauer echten Druck in einer Sprache aufbaut, die auch für den Händler unmissverständlich ist, dann ist dies meist nur vor einem beschlossenen Wechsel zu einem anderen Vermarkter angebracht. Ansonsten hat er indirekt eine Reihe von Nachteile zu erwarten. Also wird er es lassen und alles bleibt beim Alten.

 

Es ist ja viel einfacher, „die da oben“ zu kritisieren, als die wirklichen Verursacher zur Rechenschaft zu ziehen. Beim „nur kritisieren“ kann man Dampf ablassen, beim „Klartext-reden“ kann man sich die Finger verbrennen.

 

Um den Bogen zum Anfang dieser Zeilen zurück zu führen, so ist ein Austritt aus der Bauernbundortsgruppe ja eine Botschaft in eine falsche Richtung. Der Obmann der Ortsgruppe nimmt dies als Signal, dass er auf Ortsebene etwas falsch gemacht habe. Man hat ja ihm das Vertrauen entzogen und nicht irgendjemand in Wien oder Graz. So ist es aber nicht. Die Ortsgruppe war bisher das Bindeglied im Dorf, über das man gemeinsame Aktionen, Feierlichkeiten, Fachgespräche und Weitebildung organisiert hat. Sie war sozusagen das Bindegewebe, das die bäuerliche Dorfgemeinschaft zusammen gehalten hat. Die Botschaft derjenigen, die ausgetreten sind, ist unmissverständlich: Diese Gemeinschaft im Dorf ist mir nicht mehr wichtig!

 

Ein Abmelden aus einer bisherigen Dorfgemeinschaft ist kein griffiges Signal, um die wirklichen Probleme zu verändern.

 

Fritz Prem              August 2015

 

Antwort von Direktor Franz Tonner:

Lieber Fritz!
02-Tonner_AugenblickHerzlichen Dank für deinen Brief und den zur Diskussion anregenden Inhalt. Immer wenn die Preise sinken, ist der Bauernbund schuld und wenn sich nichts ändert, neigt man gern dazu, den Schoß der politischen Interessensvertretung zu verlassen. Die Mitgliedschaft ist freiwillig, daher ist es ein Leichtes, ein Zeichen zu setzen. So gesehen schwächen wir uns mit jedem Austritt selbst. Der gern verwendete Ausdruck „IHR werdet schon sehen, wenn wir nicht mehr hinter euch stehen“, geht insofern ins Leere, als die Auswirkungen direkt die Bauern treffen und nicht die politischen Verantwortungsträger. Gerne wird nämlich vergessen, dass eine politische Standesvertretung nur dann auch Gewicht hat, wenn möglichst viele Mitglieder dahinter stehen. Nur dann können politische Forderungen auch durchgesetzt werden. Es gibt außer ÖVP und dem Bauernbund keine Partei, die hinter den Bauern steht und unsere Interessen mit Nachdruck vertritt – wenn auch nicht immer alles gelingt, was gefordert wird. Nur wenn wir gut organisiert sind, haben wir auch Kraft.
Das Thema „Preis“ wird immer wieder zur Zerreißprobe für den Bauernbund. Bis Anfang der Neunziger Jahre wurde der Preis tatsächlich politisch festgelegt. Durch Exportstützungen und Importabschöpfungen wurde der Inlandsmarktpreis reguliert. Wenn die Bauern nicht zufrieden waren gingen sie demonstrieren. Da gab es noch einen Gegner. Heute wird der Preis durch Angebot und Nachfrage geregelt, der Konsument bestimmt, was gekauft wird und der Handel versucht das bestmöglich zu inszenieren. Die Politik steht da nicht am Platz. Und wie du richtig schreibst, sollte die Arbeit des Bauernbundes nicht nur am Preis gemessen werden.
Dir. Franz Tonner

 

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